

Den Münchnern ist ihr Oktoberfest heilig. Doch kriegs- und seuchenbedingt musste das seit 1810 stattfindende „größte Volksfest der Welt“ immer wieder abgesagt werden, zuletzt bekanntlich während der Corona-Pandemie. Die zweite Absage erfolgte 1854, als in Bayern die Cholera ausbrach. Auf der Deutschen Industrieausstellung im Juli fand der Erreger fruchtbaren Boden und verbreitete sich schnell in der Stadt. Ende September hielt man die Krankheit für besiegt, allerdings zu früh. Königin Therese, zu deren Ehren das Fest erstmals auf der nach ihr benannten Wiese stattgefunden hatte, steckte sich bei einem Dankgottesdienst an und verstarb wenig später. Dreitausend weitere Münchner wurden Opfer der Seuche. Nun betrat ein junger Priester die Bühne, dem man im Jahr zuvor wegen Kurpfuscherei und Gewerbebeeinträchtigung gerichtlich verboten hatte, Menschen zu behandeln. 1854 setzte er sich über die von ihm unterschriebene Unterlassungserklärung hinweg und rettete so 42 Menschen das Leben. Sein Name war Sebastian Kneipp. In der Bevölkerung wurde er „Cholerakaplan“ genannt.
Vom Priester zum „Doktor“
Sebastian Kneipp wurde am 17. Mai 1821 im oberschwäbischen Dorf Stephansried geboren. Niemand ahnte damals, dass der Sohn eines armen Webers einmal in ganz Europa bekannt werden würde. Seine Kindheit war hart. Schon als Elfjähriger musste er seinem Vater am Webstuhl helfen oder als Viehhirte arbeiten. Als auch noch das Elternhaus abbrannte und alle Ersparnisse verloren gingen, schien seine Zukunft aussichtslos. Doch ein Verwandter nahm sich seiner an und bereitete ihn auf das Gymnasium vor, nach dessen Abschluss er Theologie studierte. Während seiner Studienzeit erkrankte er schwer. Zufällig entdeckte er ein Buch mit dem Titel „Unterricht von Krafft und Würkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“. Er las es mit großem Interesse und begann mehrmals pro Woche für kurze Zeit in der eiskalten Donau zu baden. Er wurde geheilt – und sein Leben veränderte sich für immer. Er studierte weiter und behandelte nebenbei heimlich Studienkollegen, die an Tuberkulose erkrankt waren. Nicht alle sahen dies mit Wohlwollen und so kam es 1853 zu den erwähnten Anzeigen gegen ihn. Zwei Jahre später begann in Wörishofen sein eigentlicher Aufstieg. Neben seiner Arbeit als Seelsorger restaurierte er die Kirche, verbesserte die Landwirtschaft des Klosters und kümmerte sich um arme Menschen. Immer mehr Kranke reisten nach Wörishofen, um sich von ihm behandeln zu lassen. Aus dem beschaulichen Dorf entwickelte sich langsam ein berühmter Kurort. Besonders begehrt waren seine Wasserkuren und das sogenannte Wassertreten. Obwohl diese Methoden schon früher bekannt waren, machte erst Kneipp sie weltberühmt. Seine Ideen verbanden Wasseranwendungen, gesunde Ernährung, Bewegung, Heilpflanzen und ein Leben im Einklang mit der Natur. 1886 veröffentlichte er sein berühmtes Buch „Meine Wasser-Kur“, einige Jahre später folgte „So sollt ihr leben“. Beiden war ein großer Erfolg beschieden und machten ihren Autor weit über Deutschland hinaus bekannt. Er, der „Wasserdoktor“ – eine Bezeichnung, die er selbst gar nicht mochte, weil es ihm um einen ganzheitlichen Ansatz ging – wurde zu einem gern gehörten Vortragenden in ganz Europa. Kneipp behandelte Arme und Reiche, Mägde und Prinzessinnen, Maharadschas und den Papst. 1897 starb Sebastian Kneipp im Alter von 76 Jahren in Wörishofen. Sein Erbe lebt bis heute weiter. Die Kneipp-Medizin und die berühmten Wasseranwendungen werden weltweit genutzt, eben auch in Prissian. Wer dort den Weg zur Kneippanlage sucht, hat es nicht schwer. Er folgt einfach dem Sebastian-Kneipp-Weg.
Christian Zelger