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Skalpell und Skizzen

K‹NSTLER:ORAZIO GAIGHER 20.04.1870 Barco (Levico) ó 17.05.1938 Meran TITEL:WEINLESE TECHNIK:÷l auf Leinwand MASSANGABE:107 ◊ 72 cm BEMERKUNGEN:signiert unten links: O.Gaigher

Skalpell und Skizzen

Ärzte zieht es immer wieder zur Kreativität, wie die Schriftsteller Arthur Schnitzler und
Gottfried Benn, aber auch Orazio Gaigher, dem in Obermais eine Straße gewidmet ist.

Der Kalender zeigt den 28. Februar 1908. Papst Pius X. sitzt schweigsam auf seinem Stuhl und wird von einem Maler porträtiert. Als er erfährt, dass der Künstler aus Welschtirol stammt, wird er lebhaft und gesprächig und zeigt sich bestens über dessen heimatlichen Verhältnisse informiert. Nach einer guten Stunde blickt der Heilige Vater auf den ersten Entwurf und meint: „Bene, ma molto bene.“ Das Bild wurde im Jahr darauf in den Räumen des Meraner Künstlerbundes ausgestellt und zeigt den Pontifex auf seinem Thron im weiß-goldenen Festornat. Es sollte nicht das letzte Porträt eines Papstes sein, das der Maler anfertigt. Auch Benedikt XV. und Pius XI. ließen sich von ihm porträtieren. Von da an bekam der Name Orazio Gaigher einen internationalen Klang. Über ihn und sein Werk berichteten die „Leipziger Illustrierte“ und die Zeitschrift „Ars et Labor“. Und auf der Weltausstellung in San Francisco wurde er 1915 für zwei Papstporträts von einer internationalen Jury mit der Goldenen Medaille ausgezeichnet.

Medizin und Malerei

Orazio Ezecchielle Gaigher wurde 1870 in Levico als Sohn seines gleichnamigen Vaters und dessen Frau Maria Moscon geboren. Im Jahr darauf kam seine Schwester Maria Carolina zur Welt. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war Lehrer und wollte, dass der Sohn Arzt wird, sehr im Gegensatz zu dessen eigenen Wünschen, die ihn zur Malerei zogen. Doch Orazio jun. fügte sich dem väterlichen Wunsch und studierte an der Universität Innsbruck Medizin. Sein Studium finanzierte er teilweise durch wissenschaftliche Zeichnungen und kleine Porträts, die er anfertigte und verkaufte. Nach seinem Abschluss arbeitete er als Werkarzt im böhmischen Industriegebiet und später in Salzburg. Dort errichtete er eine Privatklinik und erwarb sich einen hervorragenden Ruf auf dem Gebiet der Chirurgie. Als der bekannte Maler Hubert von Herkomer auf der Durchreise war und sich von Gaigher in Salzburg behandeln ließ, erkannte dieser seine Leidenschaft und sein Talent für die Malerei und überzeugte ihn, sich ganz der Kunst zu widmen. Gaigher traf eine Entscheidung und folgte – bereits über 30 Jahre alt – seiner inneren Berufung. Er verkaufte sein Sanatorium und ging mit Herkomer nach Bushey in England, wo dieser eine Schule für Malerei leitete. Nach zwei Jahren in England folgten Studienaufenthalte in Frankreich und Spanien. Doch drei Jahrzehnte lang war Meran sein Lebensmittelpunkt. Hier gab auch seine Tochter Linda, eine begabte Pianistin, in den 1920er Jahren eine Reihe hochgelobter Konzerte. Gaigher schuf über 600 Porträts mit breitem Strich und tiefer, satter Farbe, dazu Landschaftsgemälde, Ex-Libris und Altarbilder, wie jene in der Valsugana, die von der Kriegsschädenkommission als Ersatz für die im Weltkrieg verschwundenen Werke in Auftrag gegeben wurden. Auch Teile des Deckengemäldes in der Kuppel des Meraner Kursaals, der kürzlich von dem Kabarettisten Robert Palfrader wenig originell beleidigt wurde, stammen von Gaigher. Er nahm an zahlreichen Ausstellungen teil, war Vorstand des Meraner Künstlerbundes und saß in der Jury der faschistischen Bozner Biennale, die 1934 sein Porträt von Ettore Tolomei zeigte – ein Umstand, der ihm heute angekreidet wird. Im Alter von 65 Jahren erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Drei Jahre später starb Dr. Orazio Gaigher 1938 in seinem Heim in Trauttmansdorff. Der Doktortitel auf seinem Grabstein an der Maria-Trost-Kirche in Meran erinnert noch an seinen ursprünglichen Beruf.

Christian Zelger