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Zukunft bewahren

Knapp drei Monate nach der Unterzeichnung des Gruber-De-Gasperi-Abkommens wird in Algund der Heimatschutzverein gegründet. Wir können heute nur mehr erahnen, was in unseren Großeltern vorging, als sie im September 1946 schwarz auf weiß erfahren mussten, dass Südtirol bei Italien bleibt.

Der Pariser Vertrag vom 5. September 1946 besiegelte diese politische Realität. Bei vielen Südtirolern wuchs die Sorge, dass ihre Sprache, Identität und Kultur erneut unter Druck geraten könnten. In Algund zogen 17 beherzte Männer daraus ihre Konsequenzen. Am Kathreinstag, am 25. November 1946 trafen sie sich unter Federführung von Matthias Kiem Stickler im Gasthof Maratscher in Mitterplars, um einen Heimatschutzverein aus der Taufe zu heben – der erste in ganz Südtirol.
Im Gründungsprotokoll hielten sie ihre Beweggründe fest: „Nach dem Schiedsspruch von Paris im September 1946, als unsere Heimat zum zweiten Mal ‚verschachert‘ und Italien zuerkannt wurde, wurde bei manchen der Gedanke wach, dass es gut wäre, wenn in der Gemeinde ein Heimatschutzverein gegründet würde.“ Und weiter: „Denn es schaut in unserer schönen Heimat nicht gut aus nach all dem, was über uns seit dem Jahre 1920 ergangen ist.“

Wider das Vergessen
Große Sorge, aber auch Aufbruch prägten die Nachkriegszeit: Vieles sollte neu werden, Altes wich zunehmend modernen Vorstellungen. Gerade deshalb wollten die Gründer des Algunder Heimatschutzvereins jene Besonderheiten schützen, die das Burggrafenamt über Generationen geprägt hatten: Matthias Kiem (Stickler), Johann Kiem (Bachguter), Hans Kröss (Töller), Matthias Ladurner (Berger), Josef Ladurner (Oberdorner), Josef Siller (Troter), Josef Ladurner (Huber), Josef Theiner (Humbl), Alois Unterweger (Platter), Alois Gamper, Friedrich Erlacher, Josef Gamper (Gruber), Erhard Ladurner, Peter Brunner (Winkler) und Josef Gamper (Obermair): alles Namen, die man heute in Algund kennt. Besonders am Herzen lag den Algunder Heimatschützern die traditionelle Bauweise: Bauernhäuser waren nämlich für viele nicht einfach nur Gebäude, sondern Ausdruck einer Lebensweise. Der Verein beschränkte sich deshalb nicht darauf, auf den Wert alter Bausubstanz nur hinzuweisen, sondern beriet Bauherren bei der Gestaltung ihrer neuen Häuser und versuchte, eine traditionsbewusste Bauweise zu fördern. Nicht alle teilten aber die rückwärtsgewandte Sicht auf Heimat und Tradition. Vor allem die Nähe zum Architekten Martin Rudolph, dessen Tätigkeit in Südtirol eng mit dem nationalsozialistischen Kontext verbunden war, hinterlässt aus heutiger Sicht einen bitteren Beigeschmack. Zahlreiche Algunder Gebäude wurden aber mit dem „Steinzeichen“ des Landesverbandes für Heimatpflege ausgezeichnet. Ein Landesgesetz von 1981 stärkte zudem den Einfluss des Heimatschutzvereins auf die Bauplanung und damit Gemeindeentwicklung nachhaltig: Seither stellte er einen Vertreter in der Gemeindebaukommission.

Schutz kirchlicher Baudenkmäler
Heimat bewahren heißt auch, die Spuren vergangener Generationen lebendig zu halten. Dazu gehören in besonderer Weise die sakralen Bauten. Der Heimatschutzverein setzte sich daher ebenso für den Erhalt von Kirchen, Friedhöfen und Denkmälern ein, die als wichtige Zeugnisse der Geschichte und des kulturellen Erbes Algunds bis heute das Dorfbild prägen. 1973 unterstützte er die Restaurierung der Pfarrkirche im alten Dorf, ein Jahr später jene der St.-Ulrich-Kirche in Plars. 1995 rückte die Kirche Maria Schnee in Aschbach in den Mittelpunkt. Auch die Friedhöfe als Orte der Erinnerung lagen dem Verein am Herzen. Auf seine Anregung hin wurde 1977 am alten Friedhof ein Gedenkstein für die Gefallenen von 1809 errichtet. 1982 kam an der Außenmauer der alten Pfarrkirche ein weiterer hinzu, der an die Choleraopfer von 1836 erinnert.

Wegkapellen und gelebte Tradition
1989 endete eine Ära: Nach 43 Jahren übergab Matthias Kiem-Stickler die Obmannschaft an Josef (Sepp) Gamper-Obermair. Der Verein blieb seiner Linie treu, richtete den Blick aber zunehmend auch auf jene kleinen Zeugen der Vergangenheit, die leicht übersehen werden. Dazu gehören die zahlreichen Wegkapellen rund um Algund. Damit diese stillen Erinnerungsorte nicht in Vergessenheit geraten, ließ der Heimatschutzverein 1996 sämtliche Algunder Wegkapellen erfassen und dokumentieren. Zum 50-jährigen Bestehen wurde die Sammlung ergänzt und bei einer Ausstellung in der Raiffeisenkasse Algund der Öffentlichkeit vorgestellt. Seit 2002 steht Peter Haller an der Spitze des Vereins.

Den eigenen Horizont erweitern
Heimatpflege endet aber nicht bei der Erhaltung alter Mauern und historischer Bauwerke. Sie lebt ebenso in Bräuchen, Festen, Trachten und im geselligen Miteinander, ist der neue Obmann überzeugt. Diesem immateriellen Erbe widmete sich der Heimatschutzverein daher stärker. Während zunächst vor allem die nähere Umgebung erkundet wurde, führten die Ausflüge später über die Landesgrenzen hinaus in andere europäische Länder. Dabei ging es nicht nur um Geselligkeit, sondern auch darum, andere Kulturen, Traditionen und Gebräuche kennenzulernen. Der Blick über die eigene Heimat hinaus schärfte zugleich das Bewusstsein für das Besondere vor der eigenen Haustür. So versteht der Heimatschutzverein Heimatpflege nicht nur als Bewahren des Überlieferten, sondern auch als Einladung, offen zu bleiben und den eigenen Horizont zu erweitern.

 

Auftrag für die Zukunft
Ein Dorf muss sich weiterentwickeln dürfen, ist der junge Vorstand überzeugt. Entscheidend ist, Neues mit Bedacht zu gestalten und das Gewachsene nicht aus den Augen zu verlieren. Wie aktuell dieser Auftrag ist, zeigte sich auch bei der Jubiläumsfeier am 11. Oktober im Garten des Klosters Steinach. Im besonderen Ambiente des Dominikanerinnenklosters feierte der Verein mit zahlreichen Algunder Heimatschützern und Freunden sein 80-jähriges Bestehen. Unter den Festgästen war auch Claudia Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbandes Südtirol. In ihrer Festrede unterstrich sie einmal mehr: Es gehe heute darum, die gewachsene Kultur- und Naturlandschaft zu schützen und zugleich offen für die Herausforderungen der Gegenwart zu bleiben. Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, der Schutz der Artenvielfalt und eine verantwortungsvolle Entwicklung von Tourismus und Raumordnung, sind die großen Herausforderungen unserer Zeit. „Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen und die kulturellen wie natürlichen Lebensgrundlagen für kommende Generationen zu erhalten, ist der Auftrag des Heimatschutzes“, betonte die Landesobfrau. Der Heimatschutzverein Algund wurde 1946 aus Sorge um die eigene Identität und Kultur gegründet. Wie zeitgemäß sind die damaligen Vorstellungen heute noch? Damals wurde der Verein von den Männern um Matthias Kiem Stickler gegründet, weil man in der damligen Ungewissheit konkrete Schritte setzen wollte. Man wollte Identität stiften durch zeitgemäßen Umgang mit Brauchtum und Kultur. Im Grunde ist das Anliegen bis heute dasselbe geblieben. Im Gegensatz zu damals bedrohen heute nicht politsche Gegebenheiten unsere Identität sondern der Wertewandel, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat.

„Nicht lugg lassen“
Drei Fragen an den Obmann des Algunder Heimatschutzvereins Peter Haller:

Was bedeutet Heimatschutz für Sie?
Peter Haller: Bewahren und gestalten. Und sensibilisieren.

Wo sehen Sie die größten Gefahren für das Ortsbild und die Identität der Gemeinde?
Momente der Gemeinschaft im Dorf verlieren an Bedeutung. Kirchliche Feiern werden kaum noch besucht. Wir haben uns für den Erhalt von Prozessionen eingesetzt, genauso setzen wir uns seit Jahren für den Erhalt der Beerdigungskultur ein. Mehrmals haben wir uns bei Themen der Raumordnung zu Wort gemeldet und versucht zu sensibilisieren. Unser Credo ist es, miteinander zu reden und den Wert unserer Heimat zu vermitteln.

Wie gelingt es Ihnen, auch junge Menschen für den Heimatschutz zu begeistern?
Begeistern ist ein großes Wort. Bei Heimatschutz geht es nicht um eine momentane Begeisterung, sondern um eine Haltung. Diese Haltung tragen wir durch unser Tun in die Dorfgemeinschaft hinein. So wie wir selbst hineingewachsen sind, so ist es auch für die nächste Generation ein Prozess. Wichtig ist, nicht „lugg“ zu lassen.


Josef Prantl