Der Bruthendler in Algund
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ROBERT RABENSTEINER
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Vor der Entscheidung

700 Millionen Euro Investition, 400 Megawatt Leistung, fünf Jahre Bauzeit: Alperia plant im Ultental eines der größten Energieprojekte Südtirols. Das Wasser soll zwischen dem Zoggler Stausee und dem hoch gelegenen Arzkarsee pendeln und „Strom speichern“, wenn Sonne und Wind zu viel liefern.

Die Befürworter sehen darin einen wichtigen Baustein der Energiewende und einen wirtschaftlichen Impuls für das Tal. Gegner warnen vor Baustellen, Eingriffen in Natur und Landschaft und einer Wiederholung der Geschichte. Am 7. März 2027 entscheiden die Ultner. Der Zoggler Stausee bestimmt Ultens Landschaftsbild. Weiter oben, auf rund 2.250 Metern, liegt der Arzkarsee. Dazwischen liegen rund 1.100 Höhenmeter. Genau diesen Höhenunterschied möchte die Landesenergiegesellschaft Alperia künftig nutzen. Unter dem Berg soll eine gigantische „Batterie“ entstehen – ein Pumpspeicherkraftwerk mit einer Leistung von 400 Megawatt. Das Prinzip ist einfach: Wenn im Stromnetz mehr Energie vorhanden ist, als gerade benötigt wird, wird Wasser vom Zoggler Stausee hinauf in den Arzkarsee gepumpt. Wird später Strom gebraucht, fließt das Wasser wieder talwärts und treibt Turbinen an. Aus überschüssigem Strom wird so speicherbare Energie. Alperia bezeichnet das Projekt deshalb als eine Art „grüne Batterie“. Die technische Idee ist nicht neu. Neu wäre im Ultental vor allem die Dimension. Geplant ist eine unterirdische Verbindung zwischen dem Zoggler Stausee und dem Arzkarsee. Der Triebwasserstollen und das Kraftwerk sollen weitgehend unter Tage entstehen. Nach Fertigstellung wären vor allem drei Zugangsportale und eine Belüftungsöffnung sichtbar. Während der Bauphase müssten gewaltige Mengen Material bewegt werden. Nach den derzeitigen Angaben geht es um rund 500.000 Kubikmeter Ausbruchmaterial. Zum Vergleich: Das entspricht etwa einem Fünftel jener Materialbewegungen, die beim Reschensee-Projekt in den Jahren 2023 und 2024 anfielen.

Warum gerade Ulten?

Die Antwort von Alperia lautet: weil die Voraussetzungen kaum besser sein könnten. Zwei bereits bestehende Stauseen, ein Höhenunterschied von rund 1.100 Metern und große Speichervolumen bilden die Grundlage für das Projekt. Zusätzliche große Wasserableitungen seien nicht notwendig. Die besondere Brisanz des Projekts lässt sich nicht allein mit Geologie oder Kilowattstunden erklären. Sie hat mit Geschichte zu tun. Ulten ist eines der Täler Südtirols, die besonders stark von der Wasserkraft geprägt wurden. In den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden sechs  Stauseen und fünf Kraftwerke. Der Zoggler Stausee selbst steht dabei wie ein Symbol für diese Geschichte. Die Bürgerinitiative „Ultental PSKW“ erinnert daran, dass beim Bau des Stausees Ende der 1950er-Jahre Höfe und landwirtschaftlich wertvolle Flächen verloren gingen. Sprecherin Agnes Schwienbacher spricht von einem historischen Trauma. Der Zoggler Stausee beansprucht rund 142 Hektar Fläche.

Was denken die Menschen?

Muss ein neues Großprojekt gebaut werden, wenn im Tal bereits mehrere Stauseen und Kraftwerke vorhanden sind? Oder ist gerade diese bestehende Infrastruktur der Grund dafür, dass Ulten ein besonders geeigneter Standort für einen großen Energiespeicher ist? Eine im Auftrag des Unternehmerverbandes durchgeführte Befragung zeigt, wie unterschiedlich die Perspektive auf die Energiewende und auf das konkrete Projekt ausfallen kann. 77 Prozent der befragten Südtiroler befürworteten einen stärkeren Ausbau erneuerbarer Energien. 73 Prozent standen einem weiteren Ausbau der Wasserkraft positiv gegenüber. Auch Speicherlösungen wie Speicherseen und Pumpspeicherkraftwerke fanden bei 65 Prozent Zustimmung. Doch beim konkreten Projekt im Ultental fiel die Zustimmung auf 58 Prozent. 31 Prozent lehnten das Projekt ab, 11 Prozent machten keine Angabe beziehungsweise enthielten sich. Das Ergebnis zeigt einen bemerkenswerten Unterschied: Erneuerbare Energie findet breite Zustimmung. Ein konkretes Kraftwerk vor der eigenen Haustür ist eine andere Frage. Besonders skeptisch ist die Bevölkerung laut der Befragung in Südtirols Westen, also in jener Region, in der die Geschichte der Stauseen besonders präsent ist.

Das Ultner-Paket der Alperia

Alperia weiß um diese Geschichte. Deshalb geht es in den Verhandlungen längst nicht mehr nur um Technik. Es geht um die Frage: Was bekommt Ulten dafür, dass das Tal erneut einen Beitrag zur Energieversorgung des Landes leistet? Private Haushalte im Gemeindegebiet Ulten (die Alperia-Kunden sind) sollen für die gesamte Betriebsdauer des Werks die ersten 2.700 kWh Strom pro Jahr kostenlos erhalten. Das entspricht dem Durchschnittsverbrauch einer vierköpfigen Familie und bedeutet eine jährliche Ersparnis von rund 900 Euro pro Haushalt. Alperia bietet an, 80 Prozent der Energiekosten der Schwemmalm (bis zu 1,4 Millionen kWh/Jahr) zu übernehmen, was einer jährlichen Entlastung von rund 155.000 Euro entspricht. Lokale Betriebe in Ulten erhalten als Alperia-Kunden während der Bauphase sowie für die ersten fünf Betriebsjahre 20 Prozent Rabatt auf die reinen Energiekosten. Infrastrukturänderungen: Da das Pumpspeicherwerk neue Stromleitungen benötigt, ist geplant, die bestehende Hochspannungsleitung zu verlegen – voraussichtlich auf den gegenüberliegenden, unbewohnten Berghang.

Der Bürgerrat

Weil die Fronten früh verhärtet waren, ging Ulten unterstützt von Alperia  einen ungewöhnlichen Weg. 43 Bürger wurden nach einem Losverfahren ausgewählt. Alter, Geschlecht und Wohnort bzw. Fraktion wurden berücksichtigt, um einen vielfältigen Querschnitt der Gemeinde abzubilden. Der Bürgerrat tagte schließlich achtmal. Experten wurden eingeladen. Die Teilnehmer erhielten Informationen zur Technik, zu Umweltfragen, zur Energieversorgung und zu möglichen Auswirkungen. Sie diskutierten Pro und Contra und erarbeiteten Empfehlungen. Wichtig: Der Bürger sprach sich nicht für oder gegen das Projekt aus.

Doch auch der Dialog ist umstritten

Die Tatsache, dass Alperia den Bürgerrat finanziert hat, ist für Kritiker ein Problem. Sie fragen, wie unabhängig ein Beteiligungsprozess sein kann, wenn ihn der Projektbetreiber bezahlt. Die Befürworter verweisen dagegen darauf, dass der Bürger von der Gemeinde beschlossen und organisiert wurde und die Moderation durch ein eigens ausgewähltes Team erfolgte. Nach Abschluss des Bürgerrates wurde die Arbeitsgruppe „für-ulten“ eingerichtet, um den Dialog weiterzuführen. Eine große offene Frage ist die Netzanbindung. Denn 400 Megawatt müssen nicht nur erzeugt und gespeichert werden – sie müssen auch ins Netz gelangen. Die Arbeitsgruppe „für-ulten“ teilte im Frühjahr 2026 mit, dass Terna eine neue Erdkabellösung bis nach Lana vorgesehen hat. Auch hier zeigt sich: Das Pumpspeicherwerk ist nicht nur ein Kraftwerk. Es ist ein ganzes Infrastrukturprojekt. Stollen, Baustellen, Materialseilbahn, Netzanbindung, Verkehrswege, Quellenmonitoring und Ausgleichsmaßnahmen gehören zusammen.

Die Volksbefragung am 7. März 2027

Ende September 2026 präsentierten Bürgerinitiative und Tourismusverein 6.200 Unterschriften gegen das Projekt. Die Initiative warnt insbesondere vor den Auswirkungen der Bauphase und bezweifelt, dass die Belastung auf die derzeit genannten fünf Jahre begrenzt bleiben muss. Jetzt bekommt die Diskussion aber einen Termin. Am 7. März 2027 werden die Ultner über das Projekt abstimmen. Landeshauptmann Arno Kompatscher hat erklärt, dass sich Land und Alperia am Ergebnis orientieren wollen. Die Volksbefragung ist rechtlich allerdings nicht bindend.


Ist ein Pumpspeicherwerk noch zeitgemäß?

Der Bürgerrat Ulten entstand im Zusammenhang mit den Diskussionen um das geplante Pumpspeicherkraftwerk im Ultental. Raffaela Schwienbacher vom Wegleithof war Mitglied dieses Bürgerrats. Im Interview berichtet sie über ihre Erfahrungen und ihre persönliche Haltung zum geplanten Kraftwerk.

Sie haben mehrere Monate im Bürgerrat am Thema Pumpspeicherwerk gearbeitet. Was hat Sie persönlich an diesem Prozess am meisten überrascht?

Raffaela Schwienbacher: Am meisten überrascht hat mich die Art der Diskussion. Im Bürgerrat gab es sowohl Befürworter als auch Gegner und trotzdem wurde immer auf Augenhöhe miteinander gesprochen und diskutiert. Jeder konnte seine Meinung sagen, und doch wurde nie jemand unter der Gürtellinie angegriffen.

Der Bürgerrat hat bewusst keine Empfehlung für oder gegen das Pumpspeicherwerk abgegeben, sondern Bedingungen und Forderungen formuliert. Welche der damaligen Forderungen sind aus Ihrer Sicht inzwischen umgesetzt worden – und wo gibt es noch offene Punkte?

Wir wollten nie eine Empfehlung dafür oder dagegen abgeben, weil wir das auch nicht als unsere Aufgabe gesehen haben. Wir wollten Fragen stellen, um ein besseres Gesamtbild des Projektes zu erhalten und auch den anderen Ultnern somit die Möglichkeit  zu geben, mehr Antworten auf so viele Fragen zu erhalten. Die Ergebnisse zu den Quellen und das geologische Gutachten, das wir gefordert hatten, wird in Kürze veröffentlicht werden, ebenfalls die vertiefenden Untersuchungen zu Flora und Fauna. Auch der Dachverband für Umweltschutz sollte demnächst seinen Bericht zum Projekt abgeben. Offene Fragen gibt es für mich immer noch zur Baustellenlogistik, zur evtl. Unterbringung der Arbeiter, zur Materialablagerung, zum „Ultner Paket NEU“, welches noch zwischen der Gemeindeverwaltung und Alperia verhandelt wird und nicht zuletzt zu einer der wichtigsten Fragen, nämlich dem, was uns auch nach der Baustelle bleibt: dem Trassenverlauf der Hochspannungsleitung. Hier konnte in der Zwischenzeit mit der Terna Kontakt aufgenommen werden und erste Gespräche dazu haben stattgefunden. Fix ist der Standort des Umspannwerkes in Lana. Die Vorschläge von Terna sind entweder eine Erdkabelleitung für das PSKW und das Verbleiben der alten Hochspannungsleitung oder eine neue, potenzierte Hochspannungsleitung auf der orografisch rechten Seite. Hierfür müsste allerdings wahrscheinlich das Umspannwerk in Kuppelwies erweitert werden.

Ein Anliegen des Bürgerrates war, dass die Bevölkerung umfassend über Geologie, Quellen, Hochspannungsleitungen, Baustellenbetrieb und die möglichen Auswirkungen informiert wird. Ist dieser Informationsstand heute ausreichend?

Dank des Bürgerrates und der Arbeitsgruppe haben wir wirklich viele Informationen erhalten, die ohne diese Formate nie auf den Tisch gekommen wären. Die Tatsache jedoch, dass sämtliche weiterführende Untersuchungen immer nur von Alperia beauftragt wurden und die Gemeinde NIE eigenständig unabhängige Gutachten eingeholt hat, ist für mich inakzeptabel und ergibt für mich nur eine einseitige Sicht auf die Dinge. Somit ist auch der Informationsstand ein unzureichender. Aus diesem Grund habe ich auch zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern die Arbeitsgruppe letzte Woche verlassen. Ich hatte das Gefühl, nur Alibi für die gute Zusammenarbeit zwischen Alperia und der Bevölkerung zu sein. Kritische Fragen wurden in der AG oft als überflüssig oder lächerlich abgetan.

Sie arbeiten inzwischen auch in der Arbeitsgruppe „für-ulten“ weiter, die den Dialog mit Alperia und der Gemeinde fortsetzt. Was haben Sie dort seit dem Abschluss des Bürgerrates konkret erreicht und wo erleben Sie noch die größten Schwierigkeiten?

Dank der Arbeitsgruppe musste Alperia am Ball bleiben und sowohl auf die Forderungen des Bürgerrates als auch auf die Fragen der Arbeitsgruppe Antworten und Lösungen suchen. Die größte Schwierigkeit sehe ich persönlich darin, dass man immer das Gefühl hat, Alperia spielt nicht mit offenen Karten. Kritisch sehe ich auch die Verhandlungen mit Alperia: uns als Arbeitsgruppe wurde mehrmals klar gemacht, dass wir nur ein beratendes Gremium sind. Die Entscheidungen werden im Gemeinderat getroffen. So lehnt die Arbeitsgruppe z.B. den versprochenen Gratisstrom für die Haushalte ab. Wir sehen das als Stimmenkauf und würden das Geld lieber in einem gemeinsamen Topf sehen. Im Gemeinderat sind die Stimmen aber eher für den Gratisstrom. Außerdem hat der Bürgermeister die vom Gemeinderat beschlossenen Vorschläge allein an den Verhandlungstisch getragen, was ich als fahrlässig bezeichnen würde. Mittlerweile hat der Bürgermeister zugestimmt, dass ihn Gemeinderäte bei den Verhandlungen begleiten können. Auch der von uns immer wieder geforderte Rechtsbeistand wurde noch nie hinzugezogen.
Schwierig wird es, die vielen noch offenen Fragen vor der Volkbefragung zu beantworten. Die Informationsbroschüre muss bald zusammengestellt werden, und die Zeit bis zur Volksbefragung am 07.März vergeht schnell. Skeptisch bin ich vor allem, ob der Trassenverlauf bis dahin feststeht.

Wenn Sie heute auf das geplante Pumpspeicherwerk schauen: Was spricht aus Ihrer Sicht dafür, was dagegen, und welche Bedingung müsste unbedingt erfüllt sein, damit Sie das Projekt akzeptieren könnten?

Für mich persönlich hat weder die Arbeit im Bürgerrat noch die nähere Befassung mit dem geplanten PSKW in der Arbeitsgruppe meine Meinung verändert. Ulten braucht kein PSKW. Ulten trägt schon genug zur grünen Energie bei. Ulten hat bereits Dank der bestehenden Anlagen, die in die Jahre gekommen sind, überall Baustellen. Ulten ist schon durchgraben und durchlöchert und braucht keinen weiteren durchbohrten Berg. Ulten braucht auch keine Variante A, B oder C. Die Gemeinde hat sich nie um die Frage gekümmert, ob ein PSKW noch zeitgemäß ist. Auch diese Frage wäre von unabhängiger Stelle noch vor der Volkbefragung zu klären.


Volksbefragung wird zur Abstimmung über Ulten-Paket

Der St. Pankrazer Franz Berger, langjähriger Leiter des Amtes für Bibliotheken und Lesen und Pionier des Südtiroler Bibliothekswesens, spricht im BAZ-Interview über das geplante Pumpspeicherkraftwerk im Ultental. Seit Jahrzehnten engagiert er sich für die Geschichte und Entwicklung des Tales – zunächst im Heimatpflegeverein, später in Tourismus- und Museumsverein.


Herr Berger, was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie an das geplante Pumpspeicherkraftwerk denken?

Franz Berger: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Dieser berühmte Satz des französischen Künstlers und Schriftstellers Francis Picabia (1879–1953) fällt mir ein, wenn ich an die Reaktionen auf die Idee eines Pumpspeicherkraftwerks in Ulten denke. Als die Energiegesellschaft Alperia vor bald drei Jahren, im Jänner 2024, bei einer stark besuchten öffentlichen Gemeinderatssitzung in St. Walburg erstmals die Projektidee vorstellte, war eine große Skepsis und teilweise eine klare Ablehnung spürbar.

Wie hat sich diese Stimmung danach entwickelt?

Die ablehnende Stimmung hielt noch mindestens ein Jahr an und wurde unter anderem durch die WhatsApp-Gruppe „Bürgerinitiative Ulten“ befeuert. Diese Gruppe wurde Anfang 2024 von Gegnern des Pumpspeicherkraftwerks als Forum für Gleichgesinnte und als Propagandainstrument gegründet. Über Nacht wurden rund 1.000 Personen im Ultental ungefragt hinzugefügt – auch ich. Viele verfolgten die Diskussion zunächst, verließen die Gruppe aber später wieder oder wurden, wie ich, ausgeschlossen. Es folgten weitere Aktionen der eingeschworenen Gegner: Plakatierungen, Medieninterviews, Vorträge und eine Unterschriftenaktion im Ultental und darüber hinaus. Vielen Menschen ging dieser Aktionismus allmählich auf die Nerven. Schon Ende 2024 hörte man deshalb immer öfter den Satz: „Mit diesem Aktionismus und dieser Schwarzmalerei erreichen sie das Gegenteil.“

Die Stimmung hat sich inzwischen verändert?

Heuer im Sommer hörte ich von verschiedenen Seiten, dass ein Stimmungsumschwung beziehungsweise ein Umdenken stattgefunden habe. Es wurde sogar die Einschätzung geäußert, dass bei der Volksbefragung am 7. März 2027 wahrscheinlich ein Ja gewinnen werde. Einen Grund, der allerdings nicht ausschlaggebend sein dürfte, habe ich bereits genannt: den Überaktivismus der Gegner. Das teilweise Umdenken beim Pumpspeicherkraftwerk hat wohl auch nur in geringem Maße mit einem gewachsenen Verständnis dafür zu tun, dass ein Pumpspeicherwerk im Rahmen der Umstellung auf erneuerbare Energien sinnvoll sein kann. Der Hauptgrund ist meines Erachtens ein anderer. Er lässt sich mit zwei Stichworten beschreiben: „Bürgerrat“ und „Ulten Paket“.

Sie waren bei der Präsentation der Ergebnisse des Bürgerrats dabei. Welchen Eindruck hatten Sie?

Ich nahm am 4. Februar 2025 an der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse teil und war sehr positiv überrascht. Menschen mit sehr unterschiedlichen Einstellungen zum Pumpspeicherkraftwerk hatten einen umfassenden und von allen getragenen Ergebnisbericht erstellt. Man merkte, dass sich die Arbeit des Bürgerrats gelohnt hatte – sowohl inhaltlich als auch als Format für einen respektvollen und sachlichen Dialog. Durch diese Arbeit wurde einerseits der gesamte Umfang der zu bereinigenden Altlasten offengelegt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Alperia den Ultnern einen angemessenen Mehrwert anbieten muss, um das geplante Pumpspeicherkraftwerk realisieren zu können.

Wie ging es weiter?

Aufgrund der positiven Erfahrung mit dem Bürgerrat setzte die Gemeinde Ulten im Frühjahr 2025 eine Arbeitsgruppe als weiterführendes Dialogformat zwischen Bürgern, Gemeinde und Alperia ein. Diese Arbeitsgruppe gab sich den Namen „für-ulten“. Vertreten sind dort vier aktive Mitglieder des Bürgerrats sowie Vertreter der Gemeinde und der Bereiche Landwirtschaft, Tourismus, Handwerk und Alpenverein. Die Arbeitsgruppe verfolgt das Ziel, die Gemeinde bei den Verhandlungen mit Alperia zu beraten und generell Impulse für eine nachhaltige Entwicklung des Tales zu geben.

Am 7. März 2027 findet die Volksbefragung statt. Wie wird sie Ihrer Einschätzung nach ausgehen?

Das ist schwer vorherzusagen. Es gibt aber aus meiner Sicht fünf Faktoren, die beim Referendum eine Rolle spielen werden. Der erste ist meines Erachtens der wesentlichste: die Akzeptanz des „Ulten Pakets“. Weiter Transparenz und Information, das Ansehen und die Glaubwürdigkeit jener Personen, die an vorderster Front gegen das Pumpspeicherkraftwerk mobilisieren oder offen ihre Zustimmung zeigen, die Argumente für und gegen das Projekt, die Überzeugung von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit eines solchen Projekts im Rahmen der Energiewende.

Sie glauben also, dass das „Ulten Paket“ entscheidend sein könnte?

Ja. Die Volksbefragung am 7. März wird, glaube ich, mehr eine Abstimmung über das „Ulten Paket“ sein als eine reine Abstimmung über das Pumpspeicherkraftwerk. Wenn das Angebot von Alperia von der Mehrheit als annehmbar betrachtet wird, dürfte sich nach meiner Einschätzung folgende Haltung durchsetzen: „Nutzen wir die Chance und schlucken wir die Kröte Pumpspeicherkraftwerk im Gegenzug zu spürbaren Einsparungen beim Strom!“ Falls das „Ulten Paket“ die Menschen hingegen nicht überzeugt, dürften sich diejenigen durchsetzen, die sagen: „Wir wollen das Pumpspeicherkraftwerk nicht und lassen uns von Alperia nicht kaufen“ oder: „Wir lassen uns von Alperia nichts schenken.“


Was bleibt im Tal?

Eine Studie der Freien Universität Bozen untersucht die möglichen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Großprojekts. Prof. Massimiliano Bonacchi hat die Studie gemeinsam Sarah Russo wissenschaftlich koordiniert.

Herr Prof. Bonacchi, wie kam es zur Studie der unibz zum Pumpspeicherwerk?

Prof. Massimiliano Bonacchi: Die Studie zeigt, dass das Projekt wirtschaftliche Vorteile bringen kann, weist aber auch auf einige wichtige Herausforderungen hin. Es handelt sich um eine Potenzialanalyse, die von Alperia in Auftrag gegeben wurde. Durchgeführt wurde sie von einem interdisziplinären Team, das ich gemeinsam mit der Forscherin Sarah Russo im Rahmen des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit der unibz geleitet habe. Unser Ziel war es, die Diskussion über das Projekt mit konkreten Zahlen und wissenschaftlichen Daten zu unterstützen. Wir haben untersucht, welche Auswirkungen die Investition auf die Wirtschaft und den Tourismus haben könnte, welche Vorteile die geplanten Ausgleichsmaßnahmen des „Pakets Ultental“ bringen könnten und welche Auswirkungen auf den Verkehr zu erwarten sind. Zusätzlich haben wir neun ähnliche Projekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien untersucht, um Erfahrungen aus anderen Regionen einzubeziehen.

Ihre Studie spricht von einem wirtschaftlichen Potenzial für das Ultental. Welche Vorteile könnten die Bewohner des Tals haben?

Die möglichen Vorteile für die Menschen im Tal liegen vor allem in drei Bereichen: bei der lokalen Wirtschaft, im Tourismus und bei den geplanten Ausgleichsmaßnahmen. Für die lokale Wirtschaft haben wir untersucht, welche Unternehmen im Tal vom Bauprojekt profitieren könnten. Dabei kommen wir auf einen möglichen zusätzlichen Umsatz von rund 39 Millionen Euro pro Jahr. Über die gesamte fünfjährige Bauphase wären das etwa 195 Millionen Euro. Davon könnten Unternehmen aus insgesamt 22 verschiedenen Branchen profitieren. Rund ein Viertel der für ganz Südtirol erwarteten zusätzlichen Umsätze von 152 Millionen Euro pro Jahr würde damit direkt im Ultental entstehen. Auch der Tourismus könnte vom Bauprojekt profitieren. Nach der derzeitigen Planung könnten auf der Baustelle bis zu 370 Menschen arbeiten. Im stärksten Baujahr könnten dadurch bis zu 92.500 zusätzliche Übernachtungen entstehen. Die durchschnittliche Auslastung der 120 Beherbergungsbetriebe im Tal könnte dadurch von derzeit rund 35 Prozent auf bis zu 48 Prozent steigen. Wenn alle Arbeitskräfte in der Gemeinde Ulten untergebracht würden und durchschnittlich 70 Euro pro Person und Tag für Unterkunft und Verpflegung ausgegeben würden, könnten dadurch über die fünfjährige Bauphase rund 18 Millionen Euro im Tal umgesetzt werden. Auch das von Alperia geplante „Ulten-Paket“ könnte den Menschen und Unternehmen im Tal Vorteile bringen. Für private Alperia-Kunden könnte sich die durchschnittliche Stromrechnung um rund 73 Prozent reduzieren. Für das Skigebiet Schwemmalm wäre eine Einsparung von rund 80 Prozent der derzeitigen Energiekosten möglich. Für Unternehmen ist eine Unterstützung von bis zu 2.300 Euro pro Jahr und Betrieb vorgesehen. Die tatsächliche Höhe hängt von der Branche und der Größe des jeweiligen Unternehmens ab. Zusätzlich stellt Alperia insgesamt 14 Millionen Euro für das sogenannte „Bürgerpaket“ zur Verfügung. Unsere Studie enthält darüber hinaus weitere Vorschläge für mögliche Ausgleichsmaßnahmen.

Wo sehen Sie die größten Chancen, aber auch die größten Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Projekt?

Das Projekt bietet ohne Zweifel große wirtschaftliche Chancen. Davon könnten Südtiroler Unternehmen, Betriebe im Tal, das Gastgewerbe und auch die Menschen, die im Ultental leben und arbeiten, profitieren. Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird und wer davon profitiert, hängt davon ab, wie das Projekt konkret organisiert wird und wie gut sich die Unternehmen und anderen Akteure darauf einstellen. Die größten Herausforderungen sehen wir in drei Bereichen. Der erste betrifft die Unterbringung der Arbeitskräfte. Gerade im Juli und August sind die Unterkünfte im Tal bereits sehr gut ausgelastet. Deshalb muss frühzeitig geplant werden, wo die zusätzlichen Arbeitskräfte untergebracht werden können. Dabei sollte gemeinsam mit den Betrieben und der Bevölkerung nach Lösungen gesucht werden, die sowohl für die Gastgeber und Einheimischen als auch für die Arbeiter und das Bauunternehmen funktionieren. Der zweite Punkt ist der Verkehr. Für unsere Einschätzung haben wir die Verkehrsdaten von ASTAT für die Landesstraße 9 (SP9) sowie die Angaben von Alperia zu den geplanten Transporten ausgewertet. Dazu gehören unter anderem die Anzahl und Art der Lastwagen sowie die durchschnittliche Zahl der Fahrten pro Tag. Nach unseren Berechnungen würde der zusätzliche Schwerverkehr insgesamt überschaubar bleiben und könnte von der SP9 bewältigt werden. Wichtig ist allerdings, wann die Fahrten stattfinden. Deshalb sollten die Transporte möglichst nicht zu den Stoßzeiten des Berufs- und Tourismusverkehrs stattfinden. Bei diesen Berechnungen geht es nur um den Transport von Baumaterialien. Wie viele zusätzliche Fahrten durch die Arbeitskräfte entstehen, hängt davon ab, wie die Baustelle organisiert wird. Deshalb wäre es wichtig, möglichst viele Arbeiter in der Nähe der Baustelle unterzubringen. So könnte zusätzlicher Autoverkehr reduziert werden. Der dritte Punkt ist die Akzeptanz in der Bevölkerung. Wir haben neun ähnliche Projekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien untersucht und dazu auch mit den jeweiligen Projektleitern gesprochen. Dabei zeigte sich: Solche Projekte bringen meist deutliche wirtschaftliche Vorteile, führen aber gleichzeitig häufig zu Sorgen und Bedenken in der Bevölkerung. Entscheidend ist deshalb, wie offen und transparent über das Projekt informiert wird. Unsere Untersuchung zeigt, dass vor allem drei Dinge wichtig sind: eine transparente Kommunikation, ein regelmäßiger Dialog mit der Bevölkerung und eine echte Einbindung der Menschen vor Ort. Das sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass die wirtschaftlichen Chancen eines Projekts tatsächlich genutzt werden können und gleichzeitig eine breite Akzeptanz entsteht.


Interviews & Artikel: Josef Prantl