Editorial

Bald werden wieder viele Kinder vom Nikolaus besucht. Hoffentlich nur vom Nikolaus allein, oder von einem Engele begleitet. Ohne seinen zotteligen Gesellen, den Krampus. Denn dann ist es meist aus mit der Freude der Kleinen. Lange Zeit gehörte der Krampus einfach dazu und so sagen es heute auch noch viele: Zum Nikolaus gehört der Krampus, „das ist Tradition“. Die Krampustradition verdankt sich letztlich einer „schwarzen Pädagogik“ mit Zuckerbrot und Peitsche. Und gerade diese Pädagogik glaubt man heute überwunden zu haben. Es wird den Kindern etwas zugetraut. Sie müssen nicht eingeschüchtert werden, um zu lernen.
In der kirchlichen Verkündigung war es ebenfalls gute Praxis, die Menschen zur Umkehr zu bewegen, indem die Hölle und der Teufel mit drastischen Bildern ausgemalt wurden. Viele Kirchen haben Fresken und Bilder an den Wänden mit dem Fegefeuer und dem gehörnten Teufel. Man ist heute der Überzeugung, dass die gute Botschaft nicht auf Angst aufbauen darf, sondern auf positiven Vorbildern und Zielen.
Aber sind die Krampusläufe ganz unabhängig von diesen Hintergründen heute als lokale Tradition, als ein Wert, als identitätsstiftend anzusehen und zu fördern? Muss etwas, nur weil es eine gewisse Zeit lang Tradition war, deshalb auch immer fortgeführt werden? Gibt es nicht auch Kriterien, nach denen man Traditionen daraufhin anschauen kann, ob sie noch zeitgemäß sind? Wir brauchen keinen Krampus, weil er für ein Bild von Religion, Pädagogik und Mensch steht, das in unserer Zeit nicht mehr zeitgemäß ist: einer Religion, die den Himmel dadurch anpreist, indem sie die Hölle möglichst schrecklich ausmalt; einer Pädagogik, die Angst vor Strafen schürt und das Bild eines Menschen, der nicht selbstverantwortlich und frei entscheiden kann, sondern mit erhobenem Zeigefinger dorthin gelenkt wird, wohin eine höhere Autorität es will.
Wir brauchen nur echte Traditionen – denn sie geben uns Halt und Sicherheit.

von Walter J. Werth
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