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Colorado in Obermais

Meraner Villen von wohlhabenden Nicht-Meranern besitzen oft erklärungsbedürftige Namen, weshalb man in Obermais auf einen amerikanischen Bundesstaat trifft.

Als der Meraner Künstlerbund 1909 seine Weihnachtsverlosung organisierte, gab es eine Reihe attraktiver und künstlerisch wertvoller Preise. Der 10. Preis war eine Originalradierung von Orazio Gaigher, der hier bereits als Namengeber einer Meraner Straße vorgestellt wurde. Das Kunstwerk ging an Ida von Vacchiery. Sie wohnte zusammen mit ihrem Mann in der Plantastraße in Obermais. Dort steht die 1901 von Ing. Hans Elting erbaute Villa Colorado, die heute Teil des geschützten Ensembles „Stifterhof“ ist. Ida, die hier jahrzehntelang lebte, stammte aus gutem Hause und trat in ihrer Wahlheimat Meran immer wieder als Wohltäterin in Erscheinung: Während des 1. Weltkrieges spendete sie Geld und Gegenstände für die Soldaten, nach 1918 für die heimgekehrten Invaliden; Schulen erhielten Unterrichtsmaterialien, Bibliotheken Quellensammlungen und arme Familien Lebensmittelpakete. Sie muss über genügend finanzielle Mittel verfügt haben. 1911 entstand Föhrenegg als zweistöckiges Nebengebäude zu ihrer Villa, das später ausgebaut wurde. Mitte der 30er Jahre begann sie zwischen Sittner- und Ladurnerhof am Hang des Küchelbergs ein weiteres Anwesen zu errichten. Sie nutzte es als Privathaus mit einer eigenen Wohnung für das Haushälterehepaar.

Ida Henriette Meyer wurde am 1. September 1868 in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio geboren. Ihre Eltern waren Heinrich Adolf Meyer und dessen Ehefrau Maria Henriette Orlopp. Sie waren in die USA ausgewandert und Henry, wie er sich dort nannte, gründete ein erfolgreiches Unternehmen. Neben Ida gab es noch die beiden Brüder Philip und Hugo. Letzterer war Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University und Schriftsteller. Als Ida sich 1907 mit ihrem Mann verlobt hatte, wurde das Aufgebot auch in der „Meraner Zeitung“ abgedruckt. Dort sind ihre Eltern als „Privatiers“ aufgeführt, die zuletzt in Denver gewohnt hatten – der Hauptstadt von Colorado. Der Name der Obermaiser Villa war somit eine Reminiszenz an ihre Jahre jenseits des großen Teichs. Ihr fast 20 Jahre älterer Bräutigam Clemens Ritter von Vacchiery war Major a. D. der königlich-bayerischen Armee. Er entstammte einer bedeutenden Münchner Familie, die Juristen, Offiziere und Historiker hervorgebracht hatte und deren Wurzeln im Piemont lagen. Er starb 1924 im Alter von 75 Jahren. Ida von Vacchiery besuchte danach ihre Heimat mindestens zweimal, 1928 und 1932, wie aus den Passagierlisten der Schiffe, die von Bremen nach New York fuhren, hervorgeht.  Nach ihrem Tod am 20. September 1944 entspann sich ein Krimi um ihr Erbe. Sie hatte ihr Vermögen testamentarisch je zur Hälfte ihrer Haushälterin Anna Messner und der Evangelischen Kirche in Meran vermacht. Aufgrund der Kriegsumstände wurde der Nachlass zunächst als „feindliches Eigentum“ beschlagnahmt. Spätere Anschuldigungen, die Erblasserin sei nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen, führten vor Gericht und durchliefen mehrere Instanzen. Erst 1959 konnte die Angelegenheit abgeschlossen werden, obwohl noch eine beschämende Intrige des früheren Pfarrers folgte. Fast vier Jahrzehnte später tauchte Ida von Vacchierys Name erneut in den Medien auf. Die „Financial Times“ hatte eine Liste mit etwa 1.500 Namen veröffentlicht, denen seit dem 2. Weltkrieg ruhende Konten in der Schweiz zugeordnet werden konnten. Es sollte noch einmal vier Jahre dauern, bis die Evangelische Gemeinde auch diese ihr zustehende Geldsumme erhielt. Obwohl Ida allem Anschein nach Jüdin war und ihr Ehemann Katholik, sind beide auf dem evangelischen Friedhof begraben. Als Bedingung für ihre Erbschaft soll ihr Grab so lange gepflegt werden, wie der Friedhof besteht.


Christian Zelger