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Die Schöne und der Kaiser

Dass ein Habsburger Kaiser von Mexiko war, mutet heute kurios an. Und dass in der
Geschichte auch die Burg Goyen in Schenna vorkommt, ist nicht minder erzählenswert.

Die Verbindungen zwischen Österreich und Mexiko scheinen auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Als im März 1938 der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vollzogen wurde und die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, protestierte weltweit ein einziges Land dagegen und legte Protest beim Völkerbund ein: Mexiko. Mehr noch. Da die UNO-Vorgängerin nicht aktiv wurde, gewährte Mexiko hunderten Österreichern, die vor den Nazis flüchteten, Asyl. Ausgerechnet jenes Land, in dem gut sieben Jahrzehnte zuvor ein Habsburger ein Kaiserreich begründet hatte und nach nur drei Jahren hingerichtet wurde. Es war Erzherzog Maximilian, der jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph. In seinem Tagebuch sind jene Einträge, die sich auf die in Tirol verbrachte Zeit beziehen, für uns von besonderem Interesse. Am 17. Juli 1863 schreibt er: „Nachmittags ziehen wir wieder durch eine wunderliebliche Gegend auf das hochgelegene Schloß Goyen. Der jetzige Besitzer […] empfing uns mit großer Herzlichkeit und führte uns in ein schönes, holzgetäfeltes Zimmer, von dem man einen herrlichen Blick in die Thäler genießt, und setzte uns einen Wein vor, während die schöne Tochter des Hauses reizende Weisen auf der Zither spielte.“ Die Geschichte der Burg Goyen, nach der der gleichnamige Weg in Schenna benannt ist, lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Einer antiken Legende zufolge gehe der Name auf einen Römer namens Gaius zurück. Die Anlage, die ursprünglich nur aus einem rechteckigen Wohnturm mit zinnenlosem Abschluss bestand, wurde in Folge stetig erweitert. Seit dem 14. Jahrhundert wechselten die Besitzer häufig. Heute ist die unter Denkmalschutz gestellte Burg in Privatbesitz und teilweise bewohnt. Als Erzherzog Max die Burg besuchte, gehörte sie dem Bauern Josef Innerhofer, der sie einige Jahre zuvor von den Grafen Mohr erworben hatte. Die von Max in seinen Aufzeichnungen erwähnte „schöne Tochter“ war die 20-jährige Katharina Innerhofer. Der Schriftsteller Felix Dahn nannte das „Trinele von Goyen“ später eine „gotische Schönheit des Meraner Menschenschlags in musterhafter Vollendung“. Maximilian war wohl von der Gastfreundschaft des Bauern und der Musikalität der Kinder so beeindruckt, dass er zwei weitere Male Goyen besuchte. Am 25. Juli war er dort in Begleitung einer mexikanischen Delegation samt Bischof, die in Max einen geeigneten Kandidaten für die Krone Mexikos sahen. Vorerst waren sie aber vom Zitherspiel und vom für sie unbekannten Instrument beeindruckt. Max träumte von einem modernen, liberalen Staat und glaubte, ihn in Mexiko realisieren zu können. Napoléon III. intervenierte vor Ort und sorgte dafür, dass Max im April 1864 zum Kaiser von Mexiko ausgerufen wurde. Dass dieser Wunsch vom mexikanischen Volk ausginge, erwies sich später als kalkulierte Manipulation. Max tappte in die Falle und bezahlte das „mexikanische Abenteuer“ 1867 mit seinem frühen Tod. Die Anhänger des entmachteten und immer noch populären Präsidenten Benito Juárez stürzten Maximilian und ließen ihn standrechtlich erschießen. Wie viel davon das von ihm bewunderte „Trinele von Goyen“ mitbekam, lässt sich schwer sagen. Katharina heiratete 1874 31-jährig den Bankierssohn, Weinbaupionier und Besitzer von Schloss Rametz Friedrich von Boscarolli und bekam mit ihm drei Kinder. Felix Dahn setzte ihr ein literarisches Denkmal und beschrieb sie als „Märchengestalt […] in der duftigen Blüte erster Mädchenschönheit, den Pfirsichhauch üppigster Gesundheit auf den Wangen“ und einer geschlungenen „Flechtenkrone ihres goldbraunen Haares auf dem Haupte“.

Christian Zelger