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Kunst über alles

Zum 90. Geburtstag von Markus Vallazza wird Lana zum offenen Ausstellungsraum. Kuratorin Verena Kammerer erinnert an einen Künstler, für den das Werk stets an erster Stelle stand.

Am 8. August 2026 wäre Markus Vallazza 90 Jahre alt geworden. Der 1936 im Grödental geborene Zeichner, Radierer, Maler und Schriftsteller starb 2019. In Lana erinnert nun eine mehrtägige Hommage an sein Leben und Werk. Angestoßen hat sie Verena Kammerer. Für die Künstlerin und Psychologin ist Vallazza weit mehr als ein bedeutender Name der Südtiroler Kunstgeschichte: Er war ihr Mentor und Lehrer, später ihr Lebensgefährte und bis zu seinem Tod ein enger Freund.

Eine persönliche Hommage

Kammerer sagt, sie habe Vallazza um 1990 im Umfeld des Südtiroler Wochenmagazins ff kennen gelernt. Als sie 1991 nach Wien zog, fragte sie ihn, ob sie nach der Arbeit in sein Atelier kommen und bei ihm zeichnen lernen dürfe. Dort entstand auch ihre erste Radierung, erinnert sich Kammerer. Aus dem Unterricht habe sich dann eine enge persönliche und künstlerische Verbindung entwickelt. “Er hat meine Arbeiten mitunter klarer gesehen als ich selbst“, erzählt die Künstlerin.Besonders in Erinnerung blieb ihr eine Begegnung nach einem Aufenthalt in Berlin. Sie dachte damals bereits über eine Trennung nach und zeigte ihm einige neue Zeichnungen. Vallazza betrachtete sie und sagte: „Mach da weiter. Das sagt mir mehr als alles andere.“

Für Kammerer zeigt sich darin eine Haltung Vallazzas, die sie an ihm besonders schätzte: „Für ihn stand die Kunst immer über allem, auch über dem eigenen persönlichen Empfinden.“ Selbst in einem schwierigen Moment habe er nicht die Beziehung, sondern ihre künstlerische Entwicklung in den Mittelpunkt gestellt.

Lana als Erinnerungsort

Dass die Hommage in Lana stattfindet, ist kein Zufall. Kammerer selbst stammt aus der Gemeinde. Auch Vallazza war dem kulturellen Leben des Ortes über viele Jahre verbunden – durch die Kulturtage, den Verein der Bücherwürmer und den N.-C.-Kaser-Lyrikpreis. Gemeinsam mit Paul Flora, Paul Valtiner und den Bücherwürmern gehörte er 1988 zu jenen, die den Preis ins Leben riefen. Eine weitere Verbindung war seine langjährige Freundschaft mit dem ebenfalls bereits verstorbenen Lanaer Bildhauer Michael Höllrigl. „Lana ist kein zufälliger Schauplatz“, betont Kammerer. Hier würden persönliche Erinnerungen, Freundschaften und ein Stück Südtiroler Kulturgeschichte aufeinander treffen. Deshalb sollte die Würdigung auch nicht auf einen einzigen Ausstellungsraum beschränkt bleiben, sagt die Kuratorin.

Ein Dorf wird Galerie

Während der Hommage tauchen Vallazzas Arbeiten an verschiedenen Orten im Dorf auf: in der Freiluftgalerie am Gries, im Südtiroler Obstbaumuseum, im Bildhaus, im Café Harmonie, im Studio Hannes Egger, im Atelier von Ernst Müller, am Außerpfefferlehenhof und im Seniorenwohnheim Lorenzerhof.
Manche Stationen zeigen ausschließlich Werke Vallazzas. An anderen treten seine Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitte in einen Dialog mit Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler. Im Bildhaus werden neben ausgewählten Arbeiten Vallazzas auch Werke von Brigitte Mahlknecht, Christian Reisigl, Matthias Schönweger oder Michael Höllrigl ausgestellt. Zum Programm gehören auch Filme und eine Lesung der N.-C.-Kaser-Preisträgerin Gundi Feyrer. Während Hubert Scheibe im Café Harmonie den ganzen August eine persönliche Hommage zeigt, öffnet Ernst Müller sein eigenes Atelier für Arbeiten Vallazzas. Für Kammerer liegt gerade darin eine besondere Form der Wertschätzung, sagt sie: „Ein Künstler stellt seinen Raum dem Werk eines anderen zur Verfügung.“ Auch das Seniorenwohnheim Lorenzerhof ist bewusst gewählt. Die Kuratorin habe einen Ort einbeziehen wollen, der nicht auf den ersten Blick als Ausstellungsraum wahrgenommen wird. So entstehen Begegnungen mit Vallazzas Kunst nicht nur in klassischen Kulturstätten, sondern mitten im Alltag des Dorfes. Das Kernprogramm findet vom 8. bis zum 11. bzw. 16. August statt. Mehrere Stationen bleiben darüber hinaus bis Ende August zugänglich. Wer durch Lana geht, könne Vallazzas Werk somit auch nach den eigentlichen Veranstaltungstagen an unterschiedlichen Orten entdecken, betont Kammerer.

Der Apfelbaum als Zeichen

Im Südtiroler Obstbaumuseum steht der Zyklus „Mein Apfelbaum“ im Mittelpunkt. Vallazza habe diese Arbeiten in einer schwierigen Lebensphase geschaffen, meint Kammerer. Nach Jahren in Berlin und Augsburg befand er sich auf dem Weg zurück nach Südtirol. In Innsbruck begann der Künstler, sich zeichnend und radierend intensiv mit einem einzelnen Baum auseinanderzusetzen, erinnert sie sich. Die konzentrierte Arbeit an diesem Motiv habe für ihn etwas Stabilisierendes, beinahe Heilendes gehabt. In Lana erhält der Zyklus nun eine zusätzliche Bedeutung, erklärt Kammerer. Der Apfelbaum gehöre zur Landschaft und zur Geschichte des Ortes. Immerhin ist Lana weithin als größte Obstanbau-Gemeinde Südtirols bekannt. Zugleich stehe der Apfelbaum für Wachstum, Veränderung und Vergänglichkeit. „Für mich sprechen diese Arbeiten von Verlust und Wandlung“, sagt die Kuratorin. Abbildungen des Zyklus sind in der Freiluftgalerie am Gries zu sehen, die Originale werden im Obstbaumuseum gezeigt. Damit verbindet sich Vallazzas persönliche Bildwelt unmittelbar mit einer Landschaft, die das Burggrafenamt bis heute prägt.

Arbeiter und Erzähler

Kammerer beschreibt Vallazza als lebensbejahenden, toleranten und großzügigen Menschen.
Er sei ein großer Arbeiter gewesen, der mitunter bereits um vier oder fünf Uhr morgens begann. Zugleich habe er ausgiebig feiern können. „Er war sehr menschlich und überhaupt kein Snob“, sagt sie. Vallazza habe die Arbeiten anderer ernst genommen und junge Künstlerinnen und Künstler unterstützt. Manchmal kaufte er ein Werk, nur um jemanden zu ermutigen, erzählt Kammerer. Entscheidend seien für ihn nicht Rang, Besitz oder Erfolg gewesen, sondern die Qualität einer Arbeit. „Markus war kaum korrumpierbar“, ist sich Kammerer sicher. Geld, Besitz und gesellschaftlicher Status hätten für ihn keine bestimmende Rolle gespielt. Seine Maßstäbe fand er vielmehr in der Kunst und Literatur. Vallazza setzte sich intensiv mit Don Quijote, Dantes „Divina Commedia“, Oswald von Wolkenstein und vielen weiteren Figuren und Werken der Literatur auseinander. Er war dabei nicht nur Zeichner, sondern auch Erzähler, sagt Kammerer. In seinen Werken habe er jedenfalls Gelesenes, Erlebtes, Ängste und Gedanken zu vielschichtigen Bildwelten verbunden.

Was von ihm bleibt

Kammerer ist überzeugt, dass Vallazza im Südtiroler Kulturleben heute stärker sichtbar sein müsste. Immerhin hatte der Grödner Künstler im Laufe seines Lebens einen Verdienstordens der Italienischen Republik, das Ehrenzeichen des Landes Tirol sowie die Ehrenbürgerschaft durch die Universität Innsbruck verliehen bekommen. Die Hommage in Lana könne keine umfassende Rückschau auf sein großes Werk ersetzen, betont sie. „Sie kann aber Erinnerungen wachhalten und neue Zugänge eröffnen“. Gerade die Verteilung über das Dorf macht die Veranstaltungsreihe für ein breites Publikum zugänglich, erklärt die Kuratorin. Man müsse nicht gezielt eine große Ausstellung besuchen. Vallazza begegnet den Menschen im Café, im Museum, in einem Atelier, unter freiem Himmel oder in einem Wohnheim. Aus einer persönlichen Initiative wird so eine gemeinsame Erinnerung – und Lana für einige Wochen zu einem offenen Ausstellungsraum. „Diesen Anlass zu nehmen und Markus zu feiern, erschien mir wichtig“, sagt Kammerer.

Programm im August

  • Ausstellung im Obstbaumuseum, Brandiswaalweg 4 (So – Fr 10 – 17 Uhr)
  • Ausstellung im Café Harmonie, Am Gries 14 (Mo – Fr 7 – 20 Uhr, Sa 7.30 – 13 Uhr)
  • Ausstellung im Seniorenwohnheim Lorenzerhof, Ausserdorferweg 3 (Mo – So 9 – 17.30 Uhr)
  • 08.08. – 16.08: Ausstellung und Ausschank im Ausserpfefferlehenhof, St.-Peter- Weg 10 (17 – 21 Uhr)
  • 08.08. – 11.08. Ausstellung im Atelier von Ernst Müller, Kapuzinerstraße 30 (17 – 19 Uhr)
  • 10.08. – 16.08: Ausstellung im Studio Hannes Egger, Am Gries 20 (17 – 19 Uhr)
  • 10.08. – 16.08: Ausstellung und Filme im Bildhaus, Maria Hilf-Straße 1 (17 – 19 Uhr)
  • 15.08: Dietmar Gamper führt die Technik der Radierung im Bildhaus vor (ab 20.30 Uhr)

Max Hofer