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Umstrittenes Erbe

Die Literaturwissenschaftlerin Ulrike Kindl beschäftigt sich schon lange mit dem Volkskundler Karl Felix Wolff, seinem Bestseller „Dolomitensagen“ und der Frage, wem diese Erzählungen eigentlich „gehören“.

Wer im Burggrafenamt aufwächst, lernt früh, dass Landschaft nie nur Landschaft ist. Berge, Orte, Pässe und Täler enthalten immer auch Erzählungen. Sie tragen Geschichte mit sich, manchmal offen, manchmal verborgen. Bei Ulrike Kindl wurde daraus ein Lebensthema. Die gebürtige Meranerin forscht seit Jahrzehnten zu Karl Felix Wolff, dem Autor der berühmten „Dolomitensagen“. Der Bestseller ist 1913 erstmals erschienen, wurde inzwischen in unzählige Sprachen übersetzt und vermutlich millionenfach verkauft. Nun hat Kindl mit dem dritten Band ihrer „Kritischen Lektüre der Dolomitensagen“ einen weiteren Baustein dieser Arbeit vorgelegt – und dabei einmal mehr gezeigt, dass es bei den Sagen aus den Dolomiten um weit mehr geht als um Zwergenkönige, Rosengärten und Alpenglühen. Denn Kindl liest Wolffs Werk nicht als Märchensammlung, sondern als Schnittstelle von Literatur, Politik, Minderheitengeschichte und Tourismus. Dass dieses Thema auch die Leute im Burggrafenamt bewegt, liegt auf der Hand: Kindl ist nicht nur Meranerin, sie blickt auf eine Region, die selbst stark von Tourismus, Identität und Erinnerung geprägt ist. Und sie erinnert daran, dass Südtirols Geschichte eben nicht nur deutsch und italienisch ist, sondern noch eine weitere, viel ältere Schicht kennt: die ladinische.

Ladinisches Kulturgut
„Die Dolomitensagen sind ladinisches Kulturgut“, betont die Forscherin. Karl Felix Wolff, geboren 1879, Journalist, Schriftsteller und lange als „Barde der Dolomiten“ gefeiert, habe dieses Material gesammelt, bearbeitet und international bekannt gemacht. Erfunden habe er es aber nicht. Genau darüber wurde über Jahrzehnte gestritten. Ihm wurde vorgeworfen, Überlieferungen manipuliert oder frei ausgeschmückt zu haben. Kindl hat sich durch Notizbücher, Manuskripte, Fassungen und verstreute Quellen gearbeitet und kommt zu einer differenzierten Einschätzung: Wolff habe sehr wohl bearbeitet, geglättet und zusammengeführt. Aber der Stoff selbst, die mündlich weitergegebenen Erzählungen, sei Teil des kulturellen Erbes der Dolomiten-Ladiner. Damit rückt ein Thema ins Zentrum, das für Kindl weit über Literatur hinausweist. Minderheiten, sagt sie, sind auf ihre Geschichtstiefe angewiesen. „Für ein Minderheitenvolk ist der Verlust seiner Geschichtstiefe bedrohlich.“ Gerade bei den Ladinern sei das besonders deutlich. Die Gemeinschaft ist klein, über mehrere Provinzen verteilt und sprachlich verletzlich. Sobald Familien abwandern, geht Sprache schnell verloren. Kindl spricht von insgesamt vielleicht 30.000 Dolomiten-Ladinern.
Dass Kindl diesen Blick so beharrlich schärft, hat auch mit ihrer eigenen Herkunft zu tun. Sie erzählt, sie habe früh Kontakt zur ladinischen Minderheit gehabt und rasch verstanden, dass hier eine andere Form von Minderheit vorliegt als bei den deutschsprachigen Südtirolern.
Diese seien politisch zwar eine Minderheit im italienischen Staat, aber eben keine sprachliche „Minorität“ ohne kulturellen Rückraum. Die Ladiner dagegen hätten genau diesen Rückhalt nicht. Für Kindl ist klar: Wenn eine solche Sprache verschwindet, verliert Europa mehr als nur ein Idiom. Es verliert eine eigene Art, Welt zu ordnen, zu erinnern und zu erzählen.

König Laurin und sein Rosengarten
Von hier aus führt der Weg fast zwangsläufig zu Wolffs bekanntestem Stoff: König Laurin und sein Rosengarten. Kaum eine Dolomiten-Erzählung ist so wirkmächtig geworden. Und kaum eine ist laut Kindl so missverständlich überliefert worden. Denn genau hier setzt ihre Forschung an. Wolff habe die mittelhochdeutsche Laurin-Märe mit ladinischen Überlieferungen zur Enrosadüra, dem Alpenglühen, verknüpft. Das Ergebnis war literarisch enorm erfolgreich, historisch und philologisch aber problematisch. Der berühmte Zusammenhang von König Laurin, Rosengarten und rötlich aufleuchtenden Felsen ist in dieser Form nicht einfach ein uralter, homogener Sagenstoff. Vielmehr seien verschiedene Erzähltraditionen, Sprachschichten und Missverständnisse übereinandergelegt worden. Kindl schildert das mit sichtbarer Lust an der Präzision. Sie spricht über Wortverschiebungen, über falsch verstandene Begriffe, über Spielleute, die gehörte Elemente in andere Erzählzusammenhänge eingebaut haben könnten. Das Faszinierende daran: Gerade aus solchen Missverständnissen ist ein Bild entstanden, das heute wie selbstverständlich wirkt. Der Rosengarten, das Alpenglühen, Laurin – vieles scheint seit jeher zusammenzugehören. Kindl zeigt, wie sehr diese Selbstverständlichkeit Ergebnis von Missverständnissen und Zufällen ist. Und doch wertet sie das nicht einfach ab. Im Gegenteil: Dass Wolff diesen Stoff mit seiner Feder so wirksam in Szene setzte, habe die Wahrnehmung der Dolomiten über Jahrzehnte geprägt. „Er hat die Dolomiten logischerweise nicht erfunden“, sagt sie, „aber er hat ihren Mythos mit Sicherheit stark geprägt.“

Die Inszenierung der Dolomiten
In Kindls Darstellung tritt neben Wolff noch eine zweite Figur auf, die für diese touristische Prägung der Gebirgsgruppe entscheidend war: Theodor Christomannos.
Der Unternehmer, Erschließer und Netzwerker finanzierte die Große Dolomitenstraße mit, besaß ein berühmtes Hotel am Karersee und spielte eine Schlüsselrolle bei der touristischen Entwicklung der Region. Dass er in Meran ein Ehrengrab hat, ist aus Sicht Kindls kein Zufall und kein Nebenaspekt. Es erinnert daran, wie eng das Burggrafenamt mit der frühen touristischen Entwicklung Tirols und Südtirols verbunden war. Meran war nicht nur Kurstadt, sondern auch ein Ort, an dem sich die infrastrukturelle und kulturelle Modernisierung der Region bündelte. Wolff wiederum war für Christomannos gewissermaßen die publizistische Ergänzung, „überspitzt formuliert war er der Propagandist“, sagt Kindl und schmunzelt. Während der eine baute und erschloss, schrieb der andere. Reiseberichte, Zeitungsartikel, Monografien – Kindl zeichnet das Bild eines ungemein produktiven Autors, der in deutschsprachigen Blättern präsent war und die Dolomiten in eine literarische Markenlandschaft verwandelte. Dass der Begriff „Dolomiten“ selbst erst im 19. Jahrhundert populär wurde und erstmals von britischen Reisenden verwendet wurde, passt in dieses Bild.Kindl spricht zudem offen davon, dass die Ladiner heute wirtschaftlich besser dastehen als früher. Gerade der Tourismus habe ihnen ermöglicht, in ihren Tälern zu bleiben, statt auswandern zu müssen. Und doch sieht sie darin die nächste Bedrohung. „Das größte Problem heute ist der Skitourismus“, zeigt sie sich überzeugt. Sie befürchtet eine Entwicklung, in der wirtschaftlicher Erfolg und kulturelle Überrollung Hand in Hand gehen, erklärt sie. Die Menschen bleiben zwar vor Ort, aber die Landschaft, in der sie leben, wird zunehmend zerstört.

Max Hofer