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Palais Esplanade Meran Steinach

Der älteste Stadtteil Merans erschließt sich direkt hinter der eindrucksvollen Fassade des geschichtsträchtigen Palais Esplanade am Sandplatz.

Als eines der ersten Meraner Wirtshäuser wird jenes zur Goldenen Rose an der Ecke Sandplatz – Metzger-(Bozner)tor um 1570 urkundlich benannt. Mit Stallungen für den Wechsel der Fuhrgespanne und als Poststation strategisch gelegen am Beginn der Steigung des Fuhrwegs durch die Postgasse und durchs Steinachviertel nach Zenoberg war dieses Torwirtshaus über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung. Der Sandplatz war Treffpunkt, Markt- und Verladeplatz – der Rosenwirt war als k.u.k.-Posthalterstätte Dreh- und Angelpunkt des mittelalterlichen Geschehens an der Passer.

Das Passeirer Tor (l) mit Patrizier-Wohnhaus

Vom Wirtshaus zum Luxushotel

Um 1760 wurde das Torwirtshaus erweitert und um 1870 zum stattlichen Hotel namens Erzherzog Johann ausgebaut – in ehrender Anlehnung an die adeligen Gäste, die Meran als Luft- und Wasserkurort entdeckt hatten. Gegen die Wende zum 20. Jh. erlebte Meran einen beispiellosen touristischen Aufschwung. Es waren die Gründerjahre zu Beginn der industriellen Revolution, in welchen es Meraner Touristik-Pionieren, Architekten, Kulturschaffenden gelang, die maßgeblichen Investitionen sowie gestalterischen Akzente zu setzen für den guten Ruf als Kurstadt, der über die Grenzen hinweg bis heute anhält. Das Erzherzog Johann wurde neben Palace und Emma ebenfalls zum Grandhotel mit über 150 Gästezimmern. Für seine Majestät Kaiser Franz Josef ebenso für Kaiserin Sissi waren Luxusräume reserviert – mit in Gold gemalten Namensinitialen in deren kunstvollen Stuckdecken. Es war die einmalige Belle Epoche Merans.

Palais Esplanade heute

Darauf folgten unabsehbare Kriegs- und Besatzungsjahre. Sie brachten die zeitweise Zweckentfremdung des Hotelbetriebs und dessen Namensänderung in Palais Esplanade – doch glücklicherweise blieb die Bausubstanz vollständig erhalten. In den Nachkriegsjahren wurde sie mehrfach renoviert und zum Geschäfts- und Bürohaus umgestaltet. Die vorhandenen großen Säle werden seitdem für die Internationale Sprachenmediathek wie für diverse Landesämter genutzt. Sie haben ihren Zugang über eine gebäu­de­interne Galerie im Innenhof. Ostseitig vor dem angrenzenden Schloss Kallmünz gibt es die private Tiefgarage, darüber einen gepflegten Park vor dem Flügel mit neuerbauten Wohnungen anstelle des ehemaligen Personalhauses. Das gesamte Dachgeschoss birgt ein Dutzend hochwertiger Loft-Appartements in Bestlage hoch über dem Sandplatz. Durch sinnvolle Erhaltung und Pflege seiner historischen Fassade wirbt der Jahrhundertbau somit weiterhin für Merans Image.

Steinach – eine Geschichtsinsel 

Es handelt sich um den historischen Kern – ein in sich geschlossenes Stadtviertel, teils an die Felsen des Küchlbergs geschmiegt, von drei engen Gassen durchzogen. Im 13. Jh. längs des Fuhrwegs durchs Passeirer Tor als Wegesiedlung entstanden und über die Jahrhunderte als solche funktionierend – hat sich das Steinachviertel seit der Umleitung der Ver­kehrsflüsse Mitte des 20. Jh. grundlegend gewandelt. Einst residierten dort die Burggrafen und trieben den Städtebau mit Pfarrkirche und Laubengängen im 14. Jh. voran. Bedenkt man also, dass aus dem ursprünglichen Steinach das übrige mittelalterliche Meran heranwuchs, das zur Hauptstadt Tirols wurde, dann gebührte dem Viertel deutlich  ehrwürdigere Zuwendung – die es bis heute leider nicht erfährt. Man vermisst das Interesse der öffentlichen Hand, der Stadtgestalter und –verwalter am Wiederbelebungskonzept des Steinachviertels. Es bleibt seit Jahrzehnten sich selbst überlassen. Sein einzigartiges Altstadtflair mit dem Duft nach der guten alten entschläunigten Zeit als Wohn- und Künstlerviertel wirkt vernachlässigt. Sämtliche kleinen Läden und Werkstätten sind verwaist. Ehemals stimmungsvolle Wirtshäuser sind verschlossen. Es bedarf dringend einer geordneten Perspektive für den baulichen Erhalt und für eine akzeptable Verkehrsregelung der Anwohner.

Häuser mit Seele in Steinach

Erhaben und geräumig gibt sich am Eingang zu Steinach der obere Pfarrplatz mit dem schön restaurierten Palais Mamming Museum. Anschließend ist im vormaligen Schneeburgpalais das Widum des Dekans sowie das Stadtarchiv eingangs der von hohen Mauern gesäumten Passeirer Gasse anzutreffen. In mäßiger Steigung erschließen sich in der gepflasterten Gasse zusammenhängend auf engem Raum abwechselnd renovierungsbedürftige wie neuzeitlich frisch herausgeputzte Altbau- Wohnhäuser. Am Nordende die Mündung in die Hallergasse mit der seit altersher bekannten Wirtsstube Santer Klause; ihr gegenüber das Hohe Haus mit dominantem Erker und Zinnengiebel, Wohnsitz des Burggrafen und Amtssitz des Landgerichts. Eines der Häuser mit Seele, wie es ungezählte gibt im Viertel. Dieses ist bergseitig mittels erhaltener Ringmauer verbunden mit der ehemaligen Burg Ortenstein, deren mäch­tiger Bergfried als sogenannter Pulverturm am Tappeinerweg hoch über Steinach thront. In der Nähe des besterhaltenen Passeirer Tores liegen an der steilen Auffahrt zur Zenoburg mehrere reizvolle Patriziervillen.

Gilf und Steinerner Steg

Gleich hinter dem steinernen Tor befindet sich rechts der Einstieg zur kühlenden Gilfpromenade, die beidseitig längs der rauschenden Passer bis zur Gilfbrücke 30 Meter hoch über die wassertobende Gilfschlucht führt. Sie ist eine ganz besondere Naturidylle zu Füßen der aufragenden Felswand mit der Zenoburg im Blick. Ein weiteres eindrucksvolles Naturdenkmal in der Gilf ist der Steinerne Steg hoch über der Passer, von Andrä Tanner aus Brixen um 1616 handwerklich gemauert. Unterhalb des Passeirer Tores reiht sich linker Hand das Henkerhaus, daneben das Frauenhaus aus dem 15 Jh. Südwärts gelangt man zum Steinachplatz. Er ist umsäumt von historischen Giebelbauten und vom Tiroler Edelsitz Kallmünz mit altem hochstämmigem Park. Über die urige Steinachgasse mit der von Steinplatten abgedeckten Ritsche gelangt man wieder zurück in die Hallergasse, wo es das erste Lutherische Gotteshaus Tirols gab, wo sich an deren Beginn das traditionelle Wirtshaus Parthanes bis heute halten konnte und Kirchgänger wie Altstadtgäste mit echter Tiroler Kost erfreut. Das Meraner Steinachviertel als bauliches Ensemble von hoher historischer Bedeutung hat die Geschicke vieler Generationen und die Geschichte der Passerstadt seit bald 800 Jahren mitgeprägt. Mit einer angemessenen, klugen Einbindung in das heutige Stadtgefüge wird Steinach zum Juwel von Meran.

von Jörg Bauer