Allerheiligen in Südtirol: Ein Bild tiefer Tradition, doch die Fassade bröckelt. Unsere Bestattungskultur steht in einem tiefen, oft widersprüchlichen Wandel, der Fragen nach Ehrlichkeit und Dekadenz aufwirft.
Auf dem Papier katholisch, bleiben die Kirchenbänke sonntags leer. Stirbt jedoch ein Angehöriger, muss plötzlich das maximale Programm her: Priester, feierliche Prozessionen und seitenlange Traueranzeigen. Dieser Drang, nach außen hin eine makellose christliche Fassade zu wahren, während die innere Überzeugung längst fehlt, hat bittere Züge einer gesellschaftlichen Inszenierung.
Wie rasant sich Werte verschieben, zeigt die Debatte um die Feuerbestattung. Vor 30 Jahren im erzkonservativen Land noch zögerlich geduldet, ist die Urne heute Normalität. Nun drängt der nächste, für viele dekadente Tabubruch in den Raum: der Wunsch, Haustiere im gemeinsamen Grab zu bestatten. Wenn der Vierbeiner denselben Stellenwert einnimmt wie der Mitmensch, droht der Friedhof vom Ort der Auferstehungshoffnung zum reinen Schauplatz persönlicher Befindlichkeiten zu werden.
Walter J. Werth
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