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Schule im Wandel?

Zu Septemberbeginn gingen wieder die Schultüren auf. Der Streik im Nahverkehr war
auch angekündigt, Busse und Züge standen teilweise still. Für viele begann dennoch
am 7. September ein ganz gewöhnlicher erster Schultag.

Manche betraten an diesem Montagmorgen zum ersten Mal eine Schule, andere zum letzten Mal. Dazwischen liegen Jahre des Lernens und Erwachsenwerdens, der Freundschaften und Konflikte, der Erfolge und Enttäuschungen.

Für mich war dieser Schulbeginn ein besonderer. Zum ersten Mal seit fast 40 Jahren begann ein Schuljahr, ohne dass ich selbst vor einer Klasse stand. Ich bin in Pension gegangen. Und vielleicht ist gerade deshalb der Blick auf die Schule noch einmal ein anderer geworden: Was ist Schule heute eigentlich? Was erwarten junge Menschen von ihr? Und wie muss sie sich verändern, wenn sich die Welt rund um sie so rasant verändert?  Rund 90.000 Kinder und Jugendliche besuchen im laufenden Schuljahr in Südtirol eine Schule. Allein im deutschen Bildungsbereich sind es 64.749 Schülerinnen und Schüler: 20.336 in der Grundschule, 12.544 in der Mittelschule, 12.286 in der Oberschule und 8.700 in den Landesberufs- und Landesberufsfachschulen. Hinter diesen Zahlen steht ein gewaltiges System – mit Lehrpersonen, Direktionen, Eltern, Verwaltung und vor allem mit jungen Menschen, die jeden Tag in Klassenzimmer kommen. Doch dieses System arbeitet vielfach noch nach einem Modell, das aus einer anderen Zeit stammt: Klassenzimmer, Tische, Stühle. Eine Lehrperson vorne, 50-Minuten-Unterricht, die Glocke, das nächste Fach. Hausaufgaben, Prüfung, Note. Draußen hat sich die Welt aber verändert.

  

„Schule ist ein Ort, wo man Freunde trifft“

Ich besuche die 4. Klasse des Realgymnasiums in Meran. Ihr Philosophie-Lehrer Christian Zelger hat mich eingeladen, mit den Schülerinnen und Schülern über Schule zu sprechen. Ich möchte wissen, wie jene, die täglich in diesem System sitzen, selbst darüber denken. Die erste Frage ist bewusst einfach: „Beschreibt Schule in einem Satz. Was fällt euch spontan dazu ein?“ Die Antworten zeigen schnell, dass Schule für Jugendliche weit mehr ist als Unterricht. „Schule ist ein Ort, wo man Freunde trifft“, sagt Elia. Elsa formuliert es etwas grundsätzlicher: „Schule ist da, wo man sich weiterentwickelt.“ Für Sophie ist Schule vor allem „ein Bildungsort“. David verbindet beides: „Schule ist ein Ort der Bildung und der Entwicklung – und ein Ort, wo man Mensch sein kann.“ Damit ist bereits ein Spannungsfeld angesprochen, das die Diskussion durchzieht: Schule soll Wissen vermitteln, aber gleichzeitig Persönlichkeit entwickeln. Sie soll auf Prüfungen vorbereiten und auf das Leben. Sie soll Orientierung geben, aber Selbstständigkeit fördern.

Zwischen Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz

Dann geht es um die vielleicht größte Veränderung, die derzeit über der Schule schwebt: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Suchmaschinen liefern innerhalb von Sekunden Antworten. Smartphones sind ständig verfügbar. Programme können Texte schreiben, übersetzen, rechnen, Bilder erzeugen und komplexe Inhalte zusammenfassen. Was bedeutet das für eine Institution, deren zentrale Aufgabe traditionell darin bestand, Wissen zu vermitteln?  Frieda sieht die Entwicklung kritisch: „Schule hat sich durch die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz sehr stark verändert. Sie sollte aber vor allem zum Nachdenken anregen und zur Selbstständigkeit führen.“ Christian Zelger bezeichnet Künstliche Intelligenz tatsächlich als einen großen Einschnitt. Gleichzeitig warnt er davor, jede Veränderung sofort als Revolution der Grundlagen zu betrachten. „Schule war immer im Wandel“, sagt der Philosophie-Lehrer. In seiner Laufbahn hat er inzwischen zahlreiche Matura-Reformen erlebt. Schule sei niemals statisch gewesen. Neu sei heute allerdings die Geschwindigkeit, mit der sich die Lebenswelt der Jugendlichen verändert. Für Zelger bleibt trotz aller technischen Neuerungen eine Aufgabe unverändert: Schule müsse Basiskompetenzen vermitteln. Lesen, Schreiben und Rechnen seien dabei keineswegs überholte Kulturtechniken. Im Gegenteil. „Lesen heißt, verstehen zu können. Schreiben heißt, eigene Gedanken auszuformulieren und zu argumentieren. Und Rechnen bedeutet, logisch zu verknüpfen und analysieren zu können.“

„Wissen bleibt wichtig“, sagt Zelger. Grundlagen verschwinden nicht, nur weil eine Maschine Informationen jederzeit abrufen kann. Mathematik, Sprache, Geschichte, Naturwissenschaften und Faktenwissen bleiben unverzichtbar, damit das, was Computer ausgeben, geprüft und eingeordnet werden kann. Aber Wissen allein reicht nicht mehr. Die entscheidende Frage lautet heute: Was kann ein junger Mensch mit seinem Wissen anfangen? Kann er Informationen überprüfen und Wahrheit von Behauptungen unterscheiden? Kann er Zusammenhänge erkennen, argumentieren und eine eigene Position entwickeln? Kann er mit anderen zusammenarbeiten, Fehler aushalten und Neues ausprobieren, auch wenn der Ausgang ungewiss ist? Und vielleicht die wichtigste Frage: Kann er selbstständig weiterlernen, wenn die Schule längst vorbei ist? Denn in einer Welt, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, wird nicht das Wissen selbst wertlos – sondern die Fähigkeit, mit Wissen richtig umzugehen, wird immer wertvoller. „Wir sollten keine Angst vor KI haben. Die Schule sollte sie als Werkzeug verstehen, den Schülern erklären, wie man damit richtig umgeht, und sie auf eine Arbeitswelt vorbereiten, in der KI zum Alltag gehören wird“, unterstreicht Elia.

  

Was ist ein guter Lehrer?

Die nächste Frage geht an die Klasse: „Was ist ein guter Lehrer?“ Frieda muss nicht lange überlegen: „Ein guter Lehrer motiviert zum Lernen. Er gibt nicht auf, wenn es schwierige Situationen gibt. Er hilft und unterstützt und regt zum Selbstdenken an.“ David sieht die Aufgabe der Schule vor allem darin, Interesse zu wecken: „Die Aufgabe der Schule ist es, Interesse zu wecken und Jugendliche zur Selbstständigkeit zu führen. Aber jeder ist selbst verantwortlich dafür, was er daraus macht. Gute Lehrpersonen wecken Interessen.“ Franziska wünscht sich mehr Möglichkeiten, selbst Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen: „Schule sollte stärker zur Selbstorganisation führen. Selbstorganisiertes Lernen sollte ermöglicht werden.“ Und Jana bringt eine andere Erwartung auf den Punkt: „Lehrpersonen sollten nicht gegen die Schülerinnen und Schüler handeln.“ Das klingt zunächst selbstverständlich. Dahinter steckt aber eine wichtige Frage: Wie viel Führung brauchen Jugendliche und wie viel Freiheit? Elia sieht die Lehrperson weniger als jemanden, der jeden Schritt vorgibt, sondern als Begleiter: „Lehrpersonen sollten eher den Weg vorgeben und Begleiter sein, aber nicht alles vorgeben. Aber nicht jeder ist dafür geeignet, die Schule nach einem vorgegebenen Muster zu durchlaufen. Es gibt viele Bildungsmöglichkeiten. Lehrer sollten helfen, den richtigen Weg zu finden.“ Damit beschreiben die Jugendlichen ein Lehrerbild, das weniger auf Autorität und Wissensvermittlung und stärker auf Begleitung, Motivation und Orientierung setzt.

„Der Leistungsdruck ist schon groß“

Doch Schule hat auch ihre Schattenseiten. Auf die Frage „Was belastet euch?“ kommt eine schnelle Antwort. „Der Leistungsdruck ist schon groß“, sagt Elia. Noten, Prüfungen, Hausaufgaben und die Erwartung, gute Leistungen zu erbringen, gehören zum Schulalltag. „Man muss lernen Prioritäten zu setzen und die Woche gut planen“, sagt David. Christian Zelger spricht einen weiteren Punkt an: den frühen Schulbeginn. „Der Schulbeginn sollte später sein. Studien belegen, dass unser derzeitiger Schulbeginn nicht optimal für den Biorhythmus von Jugendlichen ist. Aber niemand tut wirklich etwas dagegen.“ Es ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich ein großes Bildungssystem mit Veränderungen tut. Was pädagogisch oder wissenschaftlich sinnvoll erscheinen mag, kollidiert mit Fahrplänen, Arbeitszeiten der Eltern, Stundenplänen und organisatorischen Zwängen.

Mehr Freiheit beim Lernen?

David würde deshalb das System grundsätzlich flexibler gestalten: „Wir brauchen eine modulare Oberstufe mit Pflichtfächern und mehr Wahlmöglichkeiten. In den höheren Klassen sollte den Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung übertragen werden.“ Gleichzeitig dürfe Selbstständigkeit nicht bedeuten, Jugendliche allein zu lassen. „Es braucht auch Unterstützungsangebote, Nachhilfe, Lernen in Gruppen und mehr Projekte.“ Das ist ein bemerkenswertes Zusammenspiel: mehr Freiheit, aber gleichzeitig mehr Unterstützung. Mehr Eigenverantwortung, aber auch mehr Begleitung. Vielleicht liegt genau darin eine der zentralen Aufgaben der Schule von morgen.

 

Wenn Schüler Schule verändern könnten

Was aber würden die Jugendlichen selbst ändern, wenn sie einen Tag lang Bildungspolitik machen könnten? Die Antworten gehen in unterschiedliche Richtungen. Weniger Leistungsdruck, mehr Wahlmöglichkeiten, späterer Schulbeginn, mehr selbstorganisiertes Lernen und mehr projektorientierter Unterricht werden genannt. Vor allem aber wünschen sich die Jugendlichen eine Schule, die ihnen mehr zutraut. Eine Schule, in der nicht jede Minute verplant ist. Eine Schule, die nicht nur fragt, welche Antwort richtig ist, sondern auch, wie eine Frage überhaupt entsteht. Eine Schule, in der Schülerinnen und Schüler lernen, selbstständig zu denken, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Und damit sind wir wieder bei der künstlichen Intelligenz. Denn gerade wenn Maschinen immer besser darin werden, Informationen abzurufen, Texte zu formulieren oder Aufgaben zu lösen, könnte eine andere Fähigkeit wichtiger werden: selbst zu denken.  Vielleicht muss Schule deshalb gar nicht weniger Wissen vermitteln, sondern Wissen anders verstehen. Nicht als Ansammlung von Fakten, die für die nächste Prüfung gespeichert und danach wieder vergessen werden. Sondern als Grundlage, um Zusammenhänge zu erkennen, Fragen zu stellen, Informationen zu bewerten und eigene Positionen zu entwickeln.

Zwischen Überforderung und Aufbruch

Die Schule steht heute vor einem Spagat: Die Aufgaben werden mehr, die Ressourcen nicht im gleichen Maß. Heterogene Klassen, Sprachförderung, Inklusion, soziale und psychische Belastungen, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz stellen Lehrpersonen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte, und die Bürokratie bindet Zeit, die eigentlich für Unterricht und Schüler da sein sollte. Genau hier setzt der Südtiroler Bildungsdialog an. Mehr als 1.300 Rückmeldungen zeigen, wo der Schuh drückt: Personal, Bürokratieabbau, Sprachförderung, Teamunterricht und Digitalisierung gehören zu den zentralen Themen. Ziel ist nicht, der Schule noch mehr Aufgaben aufzubürden, sondern die Rahmenbedingungen zu verbessern und wieder mehr Freiraum für das Lernen zu schaffen. Gleichzeitig braucht Schule neue Ideen. Südtirol selbst könnte dabei zum Lernraum werden. Tourismus, Landwirtschaft, Handwerk, Industrie, Natur und Mehrsprachigkeit liegen direkt vor der Schultür. Der Wald kann zum Klassenzimmer werden, der Betrieb zum Lernort, das Museum zum Unterrichtsraum. Die Wirklichkeit müsste viel stärker Teil des Lernens werden. Auch die Räume gehören dazu: Wer selbstständiges und gemeinsames Lernen will, braucht andere Möglichkeiten als die klassische Anordnung von Tischen und Stühlen. Doch ein modernes Schulgebäude allein macht noch keine moderne Schule. Entscheidend ist, was darin passiert.


Josef Prantl

Eine gute Schule lebt von starken Beziehungen

Piero Di Benedetto hat Jura studiert, war zunächst als Rechtsanwalt tätig und
wechselte 2003 als Lehrer an die Fachoberschule für Tourismus und Biotechnologie
„Marie Curie“ in Meran. Dort unterrichtete er Recht und Volkswirtschaftslehre. 2019 übernahm er die Leitung des Schulsprengels Meran Stadt, anschließend war er Direktor der Wirtschaftsfachoberschule Meran. Seit September 2024 ist er Schulinspektor für die staatlichen Oberschulen in der Deutschen Bildungsdirektion.

Herr Di Benedetto, Sie haben Schule aus sehr unterschiedlichen Rollen erlebt – als Lehrer, Schulleiter und jetzt als Inspektor. Aus welcher dieser Perspektiven sehen Sie die Schule heute am kritischsten?

Piero Di Benedetto: Ich sehe die Leistungen unserer Bildungseinrichtungen grundsätzlich sehr positiv, egal aus welcher Perspektive ich sie betrachte. Ich bin auch Vater und erlebe Schule daher nicht nur aus beruflicher, sondern auch aus persönlicher Perspektive. Bildung ist nachweislich eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung und steht insbesondere angesichts zunehmender gesellschaftlicher Herausforderungen vor großen Aufgaben. Kindergärten und Schulen bewegen sich heute in einem immer komplexeren Umfeld. Zunehmend wird von ihnen erwartet, Aufgaben zu übernehmen, die früher stärker von den Familien, Vereinen oder verschiedenen Institutionen wahrgenommen wurden.

Sind die Schulen aber nicht überfordert?

Diese vielfältigen Erwartungen für die im Bildungsbereich tätigen Menschen stellt in der Tat eine erhebliche Herausforderung dar. Umso wichtiger erscheint es mir, dass sich die Bildungseinrichtungen und die dort arbeitenden Personen im Einklang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen kontinuierlich weiterentwickeln und professionalisieren. Nur so können sie den Herausforderungen im Interesse der Kinder und Jugendlichen angemessen begegnen. Dies setzt allerdings die Bereitschaft voraus, sich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln. Gerade vor dem Hintergrund eines zunehmend komplexen Berufsalltags stellt dies nicht selten eine Herausforderung dar. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Haltung zum Unterricht sowie die Bereitschaft, Beziehungsarbeit als einen zentralen Bestandteil professionellen pädagogischen Handelns zu verstehen.


Piero Di Benedetto

Der sogenannte „Bildungsomnibus“ bringt Änderungen im Südtiroler Bildungssystem. Was sind die wichtigsten Neuerungen?

Aus meiner Sicht umfasst das Sammelgesetz zu Reformen im Bildungsbereich und darüber hinaus eine Reihe von Neuerungen, die den Bildungseinrichtungen zusätzliche Instrumente für ihre Weiterentwicklung zur Verfügung stellen. Der sogenannte Bildungsomnibus bringt vor allem mehr Inklusion, mehr Mitbestimmung und mehr organisatorische Flexibilität für die Schulen, etwa bei der Gestaltung der Bewertungsabschnitte. Individuelle Bildungswege werden gestärkt und die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus weiterentwickelt. Im Bereich der Berufsbildung erhalten Inhaberinnen und Inhaber eines Meisterdiploms zudem die Möglichkeit, ein Studium an der Freien Universität Bozen aufzunehmen. Konkret erhalten die Schulen und Lehrpersonen mehr Möglichkeiten, Unterrichts- und Schulentwicklungsprozesse im Rahmen ihrer Autonomie zu gestalten. Die Bildungsdirektion bietet dabei Unterstützung insbesondere in den Bereichen Organisationsentwicklung so­wie bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen.

Kürzlich wurde die neue Schülercharta vorgestellt: Warum braucht es überhaupt eine neue Charta  und was hat sich verändert?

Die Schüler- und Schülerinnencharta stammt aus dem Jahr 2003 und wird in diesem Schuljahr somit 23 Jahre alt. Es war daher an der Zeit, eine Überarbeitung dieses nach wie vor bewährten Garantiedokuments für die Rechte und Pflichten der Schülerinnen und Schüler sowie eines wichtigen Organisationsdokuments für die Schulen vorzunehmen. Ausgangspunkt waren Neuerungen auf Ebene verbindlicher staatlicher Bestimmungen, insbesondere im Bereich der Disziplinarmaßnahmen. Die Bildungsdirektionen haben diese Gelegenheit genutzt, um neben der Neugestaltung der Disziplinarordnung auch Anpassungen in den Bereichen Unterrichtsqualität, Digitalisierung sowie bei der verbindlichen Einbindung der Familien in den Bildungsweg ihrer Kinder vorzunehmen. Als Beispiel kann die bisherige Bestimmung genannt werden, wonach die Schüler- und Schülerinnencharta den Schülerinnen und Schülern in Papierform auszuhändigen war. Diese Regelung entsprach schon seit geraumer Zeit nicht mehr der schulischen Realität. Heute sind alle Schulen aus Gründen der Transparenz verpflichtet, digitale Register zu verwenden und einen angemessenen Zugang zu den entsprechenden Informationen sicherzustellen. Die fortschreitende Digitalisierung hat auch Anpassungen im Bereich der Kommunikation zwischen Schule und Familien notwendig gemacht. In diesem Sinne wurde festgelegt, dass die Schule die verbindlichen Kommunikationskanäle definiert. Gleichzeitig wurde ein Recht auf digitale Abwesenheit eingeführt. Im Bereich der Disziplinarmaßnahmen bei Fehlverhalten war es uns wichtig, den Aspekt der Wiedergutmachung sowie die pädagogische Sinnhaftigkeit der Maßnahmen stärker hervorzuheben. Gleichzeitig soll, wo immer möglich, auch der Austausch mit den Familien gesucht werden, um erzieherische Maßnahmen gemeinsam zu tragen und pädagogisch abgestimmt vorzugehen. Besonders wichtig erscheint mir, dass es im Zuge der Überarbeitung gelungen ist, die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern über die jeweiligen Landesbeiräte sowie Lehrpersonen und Schulführungskräfte über den Landesschulrat aktiv einzubinden. Alle diese Gruppen hatten die Möglichkeit, Vorschläge einzubringen und auf die Ausgestaltung der Charta Einfluss zu nehmen. Der Neufassung liegen somit ein Beteiligungsprozess und ein demokratisches Verfahren zugrunde.

Italien plant eine umfassende Reform der Oberstufe. Was sind die zentralen Ziele?

Die Reform betrifft die Wirtschaftsfachoberschulen und die Technologischen Fachoberschulen. Nicht betroffen sind hingegen die Gymnasien sowie die Schulen der Berufsbildung. Ziel der Reform ist es, die Bildungswege der Fachoberschulen stärker an die Anforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft und Arbeitswelt anzupassen. Gleichzeitig sollen die fachlichen Ausrichtungen der einzelnen Fachrichtungen und Schwerpunkte geschärft und den Schulen zusätzliche Gestaltungsspielräume durch eine autonome Quote in der Stundentafel eröffnet werden. Im Mittelpunkt stehen die Förderung von Zukunftskompetenzen, die Stärkung des praxisorientierten Lernens sowie eine bessere Anbindung der Fachoberschulen an weiterführende Studiengänge. Die Reform bringt sowohl angepasste Stundentafeln als auch überarbeitete Rahmenrichtlinien mit sich. Da Südtirol im Bildungsbereich nicht vollkommen autonom entscheiden kann, müssen die grundlegenden Vorgaben der staatlichen Reform auch bei uns umgesetzt werden. Auf staatlicher Ebene beginnt die Reform bereits in diesem Schuljahr. Hier haben wir die autonomen Gestaltungsspielräume genutzt, sodass die neuen Stundentafeln und Inhalte an den deutschsprachigen Fachoberschulen erst ab dem Schuljahr 2027/2028 in Kraft treten.

Was erwarten Sie sich vom Bildungsdialog, der am 18. September in Bozen seinen Höhepunkt und Abschluss findet?  

Der Bildungsdialog ist ein breit angelegtes Diskussionsforum, in dem sich die Mitglieder der Bildungsgemeinschaft einbringen und ihre Anliegen vorbringen konnten. Die Ergebnisse der verschiedenen Treffen auf Bezirksebene wurden aufgearbeitet und bilden eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung des Südtiroler Bildungssystems. Besonders wichtig erscheint mir, dass es sich auch dabei um einen partizipativen und demokratischen Prozess gehandelt hat. Das ist eine Stärke unseres Bildungssystems. Viele Entscheidungen werden nicht von oben nach unten getroffen, sondern unter Einbeziehung der Menschen, die das System täglich mitgestalten auch wenn es nicht immer so wahrgenommen wird.  Die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen, dass unsere Schulen gute Arbeit leisten und die Schülerinnen und Schüler in allen Kompetenzbereichen überdurchschnittliche Leistungen erzielen. Dabei geht es jedoch nicht nur um Didaktik, Unterrichtsorganisation und Leistungsfähigkeit. In meiner Arbeit erhalte ich Einblick in viele unterschiedliche Schulrealitäten, und grundsätzlich erlebe ich ein positives Klima, sowohl unter den Schülerinnen und Schülern als auch im Miteinander mit den Lehrpersonen und dem weiteren Schulpersonal.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, was sollten wir bewahren?

Was wir auch in Zukunft bewahren müssen, ist die hohe Bedeutung der Beziehungsarbeit auf allen Bildungsstufen. Es gilt, Kinder und Jugendliche wahrzunehmen, sie zu fordern, zu fördern und zu unterstützen. Damit dies gelingt, sollten wir an unserem inklusiven Bildungssystem festhalten, das auch im europäischen Vergleich eine Besonderheit darstellt. Ich möchte nur einen Aspekt hervorheben, der vielen selbstverständlich erscheint, es aber keineswegs ist: In Südtirol können alle Kinder die Schule besuchen, und sie können nach der Mittelschule mit ihren Eltern frei entscheiden, welche weiterführende Schule sie besuchen möchten. In benachbarten ausländischen Regionen ist dies nicht der Fall. Dort erfolgt bereits sehr früh eine leistungsbezogene Weichenstellung, die den weiteren Bildungsweg maßgeblich beeinflusst. Wenn es uns gelingt, diese international anerkannten Stärken zu erhalten, wird unser Bildungssystem auch in zehn Jahren gut aufgestellt sein. Für unsere Schulen und Kindergärten wünsche ich mir sachliche Diskussionen und einen gemeinsamen Blick auf eine nachhaltige und positive Entwicklung.


Interview: Josef Prantl