

Vor 35 Jahren begann Alexander Schwabl in Lana historische Relikte aus den beiden Weltkriegen zu sammeln.

Herr Schwabl, vor 35 Jahren haben Sie die ersten Fundstücke gesichert. Wie fing alles an?
Alexander Schwabl: Eigentlich wollten wir nach dem Tod meines Großvaters am Binderweg nur den Keller und den Dachboden entrümpeln, um eine Werkstatt einzurichten. Dabei fielen mir ein schilfgrünes Militärhemd mit Kartonknöpfen, eine alte italienische Brottasche und eine Feldflasche in die Hände. Geschichtlich interessiert war ich schon als Kind, geprägt durch die Erzählungen der älteren Generation. Ich beschloss spontan, diese Sachen aufzuheben. Über Zeitungsannoncen knüpfte ich in den 1990er-Jahren Kontakte zu anderen Sammlern. Dass aus meiner Sammlung einmal ein Museum werden würde, war nie geplant. Im Jahr 1996 kam Albert Innerhofer vom Heimatpflegeverein Lana vorbei, schaute sich alles an und meinte: „Das ist kein normaler Keller mehr, das ist ein kleines Museum – mach das unbedingt öffentlich!“
Du betreibst das Museum bis heute vollkommen privat und unabhängig. Warum ist dir diese Eigenständigkeit so wichtig?
Mir wurde im Laufe der Jahrzehnte öfter geraten, einen Verein zu gründen, um offizielle Fördergelder zu beantragen. Ich habe das bewusst abgelehnt. Ich bin mein eigener Chef: Ich sperre auf und zu, wann ich will, und lasse herein, wen ich möchte. Das Museum finanziert sich so aus eigener Kraft. Freiwillige Spenden decken die laufenden Stromspesen, alles andere trage ich selbst. Viele Stücke bekomme ich von Familien geschenkt, die Nachlässe vor der Mülltonne retten wollen. Für mich ist das eine Vertrauensfrage: Was mir anvertraut wird wie persönliche Fotos, Briefe oder Uniformen von Veteranen, bleibt hier und wird unter keinen Umständen jemals verkauft.
Auf welche Exponate bist du besonders stolz – oder wiegt der ideelle Wert der gesamten Sammlung mehr?
Jedes Stück hat seine eigene Geschichte. Wenn du etwas vom Händler kaufst, ist das nicht dasselbe, wie wenn du es selber findest oder rettest. Ich habe zum Beispiel einen Stahlhelm vom Jägerheim in Lana bekommen: Der war in einem miserablen Zustand, aber ich nahm ihn mit. Als ich ihn vorsichtig putzte, fand ich innen auf dem Lederfutter den Namen des Soldaten mit Tinte geschrieben. Wenn man so etwas selbst freilegt und restauriert, geht einem das Herz auf. Das sind im Grunde kleine Zeitkapseln. Bei einer Munitionskiste, in die ein Soldat seinen Namen und seine Einheit geritzt hat, fragst du dich unweigerlich: Was ging in diesem Menschen damals vor, sich so zu verewigen?
Inzwischen leihen sogar renommierte Häuser wie das Militärhistorische Museum Dresden, die Festung Franzensfeste, Schloss Tirol und das Museum Passeier bei dir aus …
Das ist natürlich eine riesige Genugtuung. Als damals eine offizielle Anfrage des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr aus Dresden im Postkasten einging, war ich ehrlich gesagt baff! Neben der Leihgabe an das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden, lieh ich einige Relikte der Festung Franzensfeste im Rahmen der dortigen Wanderausstellung in Zusammenarbeit des Hauses der Geschichte Österreich „Hitler entsorgen – vom Keller ins Museum“. Ein besonderes Leihstück war hier etwa ein alter Stahlhelm, der nach Kriegsende in Südtirol zu einem Jaucheschöpfer umfunktioniert worden war. Für uns auf den heimischen Bauernhöfen spiegelte das die pure Nachkriegsnot und den erfinderischen Pragmatismus wider, für die Vertreter der großen Museen sorgte das für enormes Staunen.
Neben den Ausstellungsstücken widmest du dich intensiv der Ahnen- und Gefallenenforschung. 2018 erschien dein Buch über die Lananer Schicksale im Ersten Weltkrieg.
Mir geht es darum, die Menschen hinter den Gegenständen aus dem Vergessen zu reißen. Auf dem Kriegerdenkmal in Lana stehen 84 Namen, tatsächlich forschte ich über 110 gefallene Lananer nach. Ich verbringe unzählige Stunden in Archiven von Innsbruck bis zu den Kriegsarchiven in Wien, um jedem Gesicht eine lückenlose Biografie zuzuordnen. Jedes Exponat ist im Grunde wie eine kleine Zeitkapsel, an der ein Menschenleben und ein Familienschicksal hängen.

Das Museum ist auch ein gefragter außerschulischer Lernort. Was erleben Schulklassen, wenn sie zu dir kommen?
Bei mir gibt es kein PowerPoint oder moderne Beamer. Die Schüler setzen sich direkt auf den Holzboden, ich zeige historische Dias mit einem alten Projektor, lese aus echten Fronttagebüchern vor und lasse sie Kriegsbrot verkosten. Das backe ich nach Originalrezept mit Sägemehlanteil – was darin ist, verrate ich den Jugendlichen natürlich erst hinterher! Da herrscht plötzlich mucksmäuschenstille Aufmerksamkeit. Selbst Klassen, die von ihren Lehrern als schwierig angekündigt werden, hören gebannt zu. Wenn die Jugendlichen begreifen, was frühere Generationen unter extremen Bedingungen durchgemacht haben, schätzen sie unseren heutigen Frieden und Wohlstand ganz anders ein.
Was ist dir besonders wichtig: Was sollen Besucher nach einem Rundgang mit nach Hause nehmen?
Vor allem, dass sie unsere Geschichte kennenlernen, die Geschichte unserer eigenen Leute. Man sollte wissen, woher man kommt und wo die Wurzeln liegen. Dass wir eben bei Österreich gewesen sind. Oft fragen Schulkinder ganz unbedarft: „Wieso redet ihr von Österreich, wir sind doch Italien?“ Da erkläre ich ihnen, dass wir annektiert worden sind. Mein Großvater zog für Österreich-Ungarn in den Krieg; mein anderer Großvater, Jahrgang 1907, war bis 1918 altösterreichischer Staatsbürger. Man darf nicht vergessen, was unsere Vorfahren durchgemacht haben: erst Österreich, dann Italien, der Faschismus, die Zerreißprobe der Option, die deutsche Besatzung. Mir geht es dabei rein um die Sache, nie um Tagespolitik. Ob italienische, deutsche oder österreichische Gäste: Wer mit Interesse und Respekt kommt, ist herzlich willkommen. Wer politisieren will, dem zeige ich die Tür.
Im Jahr 2020 wurdest du von der Gemeinde Lana geehrt. Was bedeutet dir dieser Rückhalt und wie blickst du nach vorne?
Die Ehrung war eine große Freude. Besonders berührt hat mich ein älterer Lananer, der mir im Rathaus fest die Hand schüttelte und sagte: „Du hast es verdient.“ Zukunftspläne schmiede ich keine großen – ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Solange die Gesundheit mitspielt, mache ich mit voller Leidenschaft weiter. Man kann nichts erzwingen, aber ich hoffe natürlich, dass das Erbe eines Tages von der nächsten Generation weitergeführt wird.
Jubiläumsfeier am 16. Mai
Zahlreiche Gäste, Wegbegleiter und Freunde feierten am 16. Mai das 35-jährige Bestehen des „Kleinen Museums“ in Lana. Seit seiner Gründung im Jahr 1991 hat sich das privat geführte Museum des gelernten Schlossers zu einer Dokumentationsstätte der Zeitgeschichte entwickelt und bewahrt heute mehr als 5.000 Exponate aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Neben seiner Tätigkeit als Sammler und Heimatforscher veröffentlichte Schwabl in den vergangenen Jahrzehnten mehrere zeitgeschichtliche Publikationen. Die Festredner den Jubiläumsfeierlichkeiten im Mai dieses Jahres waren: Museumsbetreiber Alexander Schwabl, Landtagsabgeordneter Harald Stauder, Gemeindereferent Jürgen Zöggeler, Obmann des Heimatschutzverein Lana Albert Innerhofer, Präsident des Kriegsmuseum Rovereto Oswald Mederle und Präsident des comitato storico Val di Ledro Marco Ischia.
Philipp Genetti