

Der Tschögglberg gehört zu jenen Südtiroler Hochlagen, die man vom Tal aus zwar täglich sieht, aber selten wirklich kennt. Der langgezogene Bergrücken der Sarntaler Alpen zwischen Meran und Bozen beherbergt vier Gemeinden; im Mittelpunkt stehen Hafling, Vöran, Mölten und Jenesien. Zusammen leben auf diesem Hochplateau knapp 3500 Menschen. Was die vier Dörfer verbindet, ist mehr als die geografische Lage: Es ist das Bemühen, eine eigenständige wirtschaftliche und kulturelle Identität zu behaupten. Politisch stehen alle drei Gemeinden nach den Gemeindewahlen vom 4. Mai 2025 auf soliden Fundamenten. In Hafling wurde Bürgermeisterin Sonja Anna Plank (SVP) ohne Gegenkandidaten bestätigt. Gleich wie Walter Gruber (SVP) in Mölten und Paul Romen (SVP) in Jenesien. In Vöran hingegen übernahm Daniela Mittelberger das Bürgermeisteramt und brachte damit frischen Wind in die Gemeindestube. Die politisch relevante Frage stellt sich jenseits der Parteizugehörigkeit: Wie gestaltet man das Zusammenleben auf einem Hochplateau, das für junge Familien attraktiv bleiben muss, ohne seine Qualitäten zu verspielen? Ein zentrales Thema in allen vier Gemeindestuben ist das Gemeindeentwicklungsprogramm für Raum und Landschaft. Nachdem der Südtiroler Landtag 2023 die ursprünglich gesetzte Frist für die Ausarbeitung ersatzlos gestrichen hat, können die Gemeinden es freiwillig und ohne Termindruck erarbeiten. Die vier Tschögglberger Gemeinden tun es dennoch: Begleitet von der Plattform Land und den Partnern Kollektiv 2020 und Apollis arbeiten sie am Leerstandsmanagement, an Baufragena und am Schutz der Kulturlandschaft. Der Ansatz des Leerstandsmanagements, leerstehende Gebäude wieder nutzbar machen, statt neue Flächen zu versiegeln, ist dabei besonders relevant. Wirtschaftlich ruht der Tschögglberg auf drei Säulen: Landwirtschaft, Tourismus und einem soliden Gewerbe- und Dienstleistungsbereich.

Die Landwirtschaft prägt vor allem Mölten, wo bäuerliche Betriebe auf Direktvermarktung und die Verbindung von Hof und Gästetisch setzen. In Hafling und Vöran ist der Tourismus der wichtigste Erwerbszweig: Beherbergung, Gastronomie und die Bergbahnen bilden das wirtschaftliche Rückgrat. Handwerk und Dienstleistungsbetriebe ergänzen das Bild. Der Wirtschaftsverband lvh ist auf dem Tschögglberg aktiv präsent und organisiert regelmäßig Wirtschaftsschauen, bei denen sich die lokalen Betriebe aller vier Gemeinden einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Wie in vielen ländlichen Gemeinden Südtirols stellen Fachkräftemangel und der Mangel an leistbarem Wohnraum für Einheimische strukturelle Herausforderungen dar, auf die noch keine befriedigenden Antworten gefunden wurden. Im Februar 2025 haben die Tourismusvereine Hafling-Vöran-Meran 2000 und Mölten gemeinsam die GSTC-Zertifizierung und das Nachhaltigkeitslabel Südtirol Level 3 erhalten, innerhalb von nicht einmal einem Jahr Projektarbeit, unterstützt vom Ökoinstitut Südtirol. Auch die Meran 2000 Bergbahnen AG, deren Skigebiet hauptsächlich auf Haflinger Gemeindegebiet liegt, legte im März 2025 ihren ersten Nachhaltigkeitsbericht vor. Mit Beginn der Wintersaison 2024/25 wurde der gesamte Fuhrpark einschließlich aller Pistengeräte auf HVO-Diesel aus erneuerbaren Rohstoffen umgestellt. Vöran zeigt seit Jahren, dass Energieautonomie für kleine Bergdörfer kein Wunschdenken ist: Ein Biosolarheizwerk und Photovoltaikanlagen versorgen das gesamte Dorfzentrum mit Energie und gelten als Vorzeigeprojekt weit über die Gemeindegrenzen hinaus. Das Vereinsleben ist auf dem Tschögglberg eng mit dem sozialen Zusammenhalt verknüpft.

In Vöran ist das Knottnkino seit über 25 Jahren eine feste kulturelle Institution: Kinositzreihen vor freiem Himmel, der Film ist die Landschaft. Nach dem Tod von Franz Messner, dem Ideengeber des Knottnkinos, führten seine Kinder Verena und David Messner das Projekt weiter und erweiterten es 2019 um den Themenweg Knottnkino. In Mölten präsentiert das Fossilienmuseum Fossilia rund 260 Millionen Jahre alte Pflanzenfunde aus dem jüngeren Perm, darunter außergewöhnlich gut erhaltene Baumstämme und Reptilspuren. Der Tschögglberg hat auch historisch kaiserliche Spuren hinterlassen. Als Kaiserin Elisabeth von Österreich im Oktober 1870 mit ihrem Hofstaat in Schloss Trauttmansdorff einzog, unternahm die passionierte Bergwanderin ausgedehnte Ausflüge in die Umgebung – darunter auf das Hochplateau über Meran. Kaiser Franz Joseph besuchte sie in dieser Zeit viermal. Knapp anderthalb Jahrhunderte später erinnert am Ifinger, dem Hausberg von Hafling und Schenna, ein anderer Name an außergewöhnliche Leistungen: Heini Holzer, ein Schornsteinfeger aus Schenna und einer der bedeutendsten Steilwandfahrer seiner Zeit, bezwang am 13. Mai 1974 als Erster die bis zu 55 Grad steile Südwestflanke des Ifingers mit Skiern. Ein Vorhaben, auf das er sich fast zehn Jahre vorbereitet hatte. 1977 verunglückte Holzer tödlich am Piz Roseg in der Schweiz. 2016 wurde ihm der Heini-Holzer-Klettersteig am Ifinger gewidmet, der 2026 sein zehnjähriges Bestehen feiert: 1.000 Meter Stahlseil, 500 Höhenmeter, in den ersten zwei Monaten nach Eröffnung bereits 10.000-mal begangen. Der Tschögglberg steht heute an einem Punkt, an dem viele Weichen neu gestellt werden. Die Gemeindewahlen haben neue Akzente gesetzt, das Gemeindeentwicklungsprogramm gibt den Dörfern ein Planungsinstrument in die Hand, und die internationale GSTC-Zertifizierung dokumentiert eine touristische Ausrichtung, die auf Qualität statt auf Masse setzt. Die drei Gemeinden sind klein, aber nicht ohne Gewicht: Sie zeigen, dass alpine Lebensqualität, wirtschaftliche Eigenständigkeit und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sind, wenn die Bereitschaft vorhanden ist, ernsthaft daran zu arbeiten.
Philipp Genetti