

Zwischen historischer Randlage und strategischer Nische: Wie der Löwenzahn drei Berggemeinden half, ihre wirtschaftliche Identität neu zu prägen.
Der Deutschnonsberg nimmt in der Südtiroler Geografie eine ganz eigene, oft unterschätzte Sonderrolle ein – eine Position, die über lange Zeit Fluch und Segen zugleich bedeutet hat. Die drei Gemeinden Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix, Laurein und Proveis bilden eine kompakte deutschsprachige Enklave auf einer sonnigen Hochebene, die geografisch stark zum benachbarten Trentiner Nonstal (Val di Non) neigt. Jahrzehntelange relative Isolation prägte das Leben in dieser Region, bis massive infrastrukturelle Investitionen – vor allem der Bau neuer Straßen und mehrerer Tunnel – Ende der 1990er-Jahre die Anbindung an das übrige Südtirol deutlich verbesserten. In diesem Jahr feiern die Löwenzahnwochen zusammen mit ihrem herbstlichen Pendant, den Radicchiotagen, ihr 30-jähriges Bestehen. Dieser doppelte Anlass ist weit mehr als nur ein touristisches Frühlings- und Herbstfest: Damit zeigen die drei Gemeinden, dass sie ihre wirtschaftliche Zukunft selbst in die Hand genommen haben.
Isolation als Identitätsstifter
Die historische Tiefe des Deutschnonsbergs reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Damals entstand am Gampenpass das Hospiz Unsere Liebe Frau im Walde (Senale), das als wichtiger Stützpunkt für den Nord-Süd-Transit über die Alpen diente und Reisenden Schutz sowie Unterkunft bot. Die politische Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg führte jedoch zu einer tiefgreifenden Identitätskrise. Bis 1948 unterstanden die deutschsprachigen Gemeinden der Verwaltung der Provinz Trient. Diese sogenannte „Trentiner Zeit“ brachte nicht nur kulturelle Entfremdung, sondern auch einen spürbaren wirtschaftlichen Rückstand mit sich. Während weite Teile Südtirols nach dem Zweiten Weltkrieg rasch touristische und industrielle Aufschwünge erlebten, blieb der Deutschnonsberg noch lange Zeit weitgehend abgeschnitten. Besonders schwierig gestaltete sich lange die Erreichbarkeit der Gemeinden Laurein und Proveis. Schmale, teils steile und wetteranfällige Zufahrtsstraßen machten einen zuverlässigen Güter- und Personenverkehr bis in die 1990er-Jahre hinein zu einem echten logistischen Kraftakt. Erst der Bau neuer Straßenverbindungen und Tunnel, darunter der Hofmahdjoch-Tunnel, schuf die notwendigen physischen Voraussetzungen für eine bessere Teilhabe am Südtiroler Wirtschaftsgefüge. Dennoch blieb die zentrale Herausforderung bestehen: Wie kann ein solches Gebiet ohne ideale Bedingungen für intensiven Obstbau oder große Hotelanlagen eine nachhaltige und eigenständige Wertschöpfung aufbauen?
Die Ökonomie der Nische
Die Geburtsstunde der Löwenzahnwochen im Jahr 1996 war keine spontane folkloristische Idee, sondern eine kluge, aus der Not geborene Standortstrategie. Auf Initiative des weit über die Region hinaus bekannten Kräuterpfarrers H. Joseph Weidinger (1918–2004) und engagierter lokaler Gastwirte rückte eine Pflanze in den Mittelpunkt, die bis dahin meist nur als lästiges Unkraut betrachtet worden war. Das Projekt gehörte zu den ersten, die im Rahmen des EU-Förderprogramms LEADER unterstützt wurden – ein frühes und bis heute gelungenes Beispiel für die gezielte Stärkung peripherer Bergregionen. Das gleiche gilt für die Radicchiotage im Herbst, die den Anbau und die kulinarische Verwertung des edlen Winterradicchios feiern. Die besonderen klimatischen Bedingungen auf der Hochebene zwischen 1.200 und 1.500 Metern Seehöhe spielen dabei eine Schlüsselrolle. Der Löwenzahn wächst hier verzögert und erreicht – wenn im wärmeren Etschtal die Blütezeit längst vorüber ist – seine höchste Qualität: zarter, mineralstoffreicher und im Geschmack oft deutlich milder. Dieses natürliche Alleinstellungsmerkmal wurde rasch zur Grundlage einer authentischen regionalen Marke. Nach drei Jahrzehnten hat sich diese Strategie der „kontrollierten Nische“ als erstaunlich resilient erwiesen. Die Löwenzahnwochen und Radicchiotage dienen heute als wichtiges Scharnier zwischen der kleinstrukturierten Berglandwirtschaft und der lokalen Gastronomie. Die Landwirtschaft bleibt das mit Abstand stärkste wirtschaftliche Standbein der Region – ergänzt durch Nischenprodukte wie Kleinobst und den bekannten Radicchio, die ebenfalls von LEADER-Initiativen profitierten.
In Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix ergänzen zwei überschaubare Gewerbegebiete sowie eine eigene Handwerkerzone das wirtschaftliche Bild. Hier dominieren vor allem die Holzverarbeitung, mehrere Tischlereien, eine Schlosserei, eine Autowerkstatt, ein Speckproduzent und Betriebe für Spezial- und Tiefbau. Diese kleinteilige, aber solide Gewerbestruktur unterstreicht, dass der Deutschnonsberg nicht allein auf Landwirtschaft und die beiden kulinarischen Events setzt, sondern bewusst auch auf traditionelles und modernes Handwerk baut.
Infrastruktur und soziale Resilienz
Trotz aller Erfolge bleibt der Deutschnonsberg ein anspruchsvoller Wirtschaftsstandort. Zu den größten Herausforderungen zählen die demografische Entwicklung und der langfristige Erhalt der oft nur im Nebenerwerb bewirtschafteten Bergbauernhöfe. Die drei Gemeinden reagieren darauf mit einer klaren Strategie: gezielte Investitionen in Lebensqualität, starke Nahversorgung, Bildungsangebote und ein lebendiges Kulturleben. Ein besonders anschauliches Beispiel für den kreativen Umgang mit der eigenen Geschichte ist der Gampen Bunker. Die massive Bunkeranlage aus der Zeit des Alpenwalls wurde nicht verdrängt, sondern bewusst in einen attraktiven Ausstellungsort umgewandelt. Mit der „Gampen Gallery“ und einer Mineraliensammlung wird die kriegshistorische Last produktiv umgedeutet und ins touristische Gesamtkonzept integriert. Insgesamt steht die Entwicklung des Deutschnonsbergs für beeindruckende soziale Resilienz. Die Bewohner haben erkannt, dass ihre wahre Stärke in enger Kooperation liegt. Die Löwenzahnwochen und Radicchiotage sind dafür das beste Beispiel: keine von außen aufgesetzten Marketingprodukte, sondern Initiativen, die von den Bürgern selbst getragen und mit Leben gefüllt werden. Diese charakteristische „Eigensinnigkeit“ macht die Region heute besonders attraktiv für qualitätsorientierte Gäste, die eine authentische Kulturlandschaft mit Ecken und Kanten suchen.
Zukunftsperspektiven
Zum 30-jährigen Jubiläum der Löwenzahnwochen und Radicchiotage fällt die Bilanz positiv, aber bewusst nüchtern aus. Die Region hat den Anschluss an die Moderne gefunden und ihre wirtschaftliche Identität deutlich gestärkt. Dennoch werden die kommenden Jahrzehnte neue Anpassungsleistungen erfordern. Der Klimawandel verändert die Vegetationsphasen und erschwert die Planung saisonaler Schwerpunkte. Gleichzeitig gilt es, die sensible Balance zwischen behutsamer touristischer Weiterentwicklung und dem Erhalt der dörflichen Ruhe und Ursprünglichkeit zu wahren.
Der Deutschnonsberg ist kein Relikt vergangener Zeiten, sondern ein lebendiges Labor für die Zukunft des ländlichen Raums in den Alpen. Er beweist, dass auch periphere Standorte florieren können, wenn sie ihre scheinbaren Schwächen – geografische Isolation und natürliche Kargheit – konsequent in Stärken umdeuten. Löwenzahn und Radicchio sind dabei weit mehr als nur Pflanzen.
Sie sind starke Symbole für eine Region, die es versteht, auch auf steinigem Boden und in einer politisch-geografischen Nische prächtig zu gedeihen. Die Identität des Deutschnonsbergs ist heute gefestigter denn je – als ruhige, beständige Region in einem Südtirol, das immer stärker vom Tourismus geprägt wird.
Philipp Genetti