

Angesichts des seit Wochen andauernden Konflikts mit dem Iran treten andere Länder medial in den Hintergrund. Syrien zum Beispiel. Wie viel wissen wir von dem Land, in dem Ende 2024 das über Jahrzehnte herrschende Assad-Regime entmachtet wurde?
Wer gezielt nach Nachrichten zur Situation in Syrien sucht, stellt fest, dass das Land nicht ganz aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden ist. Aber Titelseiten und Schlagzeilen werden von anderen Staaten und anderen Konflikten beherrscht. Allenfalls geht es darum, wie viele der geflohenen Syrer wieder in ihre Heimat zurückkehren. Schade ist, dass vor allem die politischen Probleme hervorstechen. Dabei ist Syrien ein Land mit einer außergewöhnlichen Kulturlandschaft. Geprägt durch eine jahrtausendealte Geschichte wurde es unter dem Einfluss unterschiedlicher Kulturen, die ihre Sprachen, Traditionen, Texte, Melodien und Gerichte mitbrachten, zu dem, was es heute ist. Ob Literatur, Geschichtsschreibung oder Philosophie, der Einfluss auf die Entwicklung der hellenistischen und römischen Kultur war enorm. Auch christliche Theologen wie beispielsweise Johannes von Damaskus oder Ephräm der Syrer sind bis heute bekannt. Im 19. Jahrhundert entstand in Aleppo ein wichtiges geistiges Zentrum des Osmanischen Reiches. Schriftsteller und Denker setzten sich mit der Zukunft der arabischen Welt auseinander. In den letzten Jahrzehnten haben wissenschaftliche Untersuchungen die Bedeutung bronzezeitlicher Städte auf dem Gebiet des heutigen Syrien für die Entwicklung von Schrift und musikalischer Notation hervorgehoben. Ein Tiroler Benediktinerpater, dem in Meran eine kleine, schmale Straße gewidmet wurde, hat sich schon vor zweihundert Jahren eingehend mit syrischer Literatur beschäftigt.
Lehrer, Dichter, Forscher
P. Pius Zingerle wurde am 17. März 1801 als Jakob Kaspar Josef Zingerle in Meran geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Josef Thomas und dessen Frau Maria Anna Neunhäuser. Wie bedeutend der christliche Glaube in der Familie war, beweist der Umstand, dass sich vier Söhne für den geistlichen Stand entschieden haben. Nach dem Abschluss des Gymnasiums in Meran und einem zweijährigen Theologiestudium in Innsbruck trat Jakob zusammen mit Beda Weber ins Benediktinerstift Marienberg oberhalb von Burgeis ein. Zwischen Zingerle und Weber entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. 1824 wurde Pius, so sein gewählter Ordensname, zum Priester geweiht und als Kooperator nach Platt in Passeier geschickt. Schon damals galt sein Interesse den Werken der syrischen Kirchenschriftsteller. Ab 1828 war er als Gymnasiallehrer in Meran tätig, später sogar als Rektor. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Sprachbegabung und tiefer Liebe zu den orientalischen Sprachen begann er erste Übersetzungen aus dem Syrischen zu veröffentlichen. Es ging ihm darum, dem Abendland einen Zugang zum Denken des Orients zu ermöglichen. 1862 wurde er von Papst Pius IX. als Professor für arabische Sprache an die Universität „La Sapienza“ in Rom berufen. In der Vatikanischen Bibliothek entdeckte er Texte von bisher unbekannten orientalischen Autoren sowie verschollen geglaubte Schriften. Als sein Hauptwerk gilt eine sechsbändige Übersetzung der Texte von Ephräm dem Syrer, dem bedeutendsten syrischen Kirchenlehrer. Damit konnte er das damalige Bild der syrischen Literatur positiv korrigieren. Dass er neben seinen wissenschaftlichen Studien auch selbst Poesie verfasste, ging bei seinem immensen Arbeitspensum fast unter. Pius Zingerle starb am 10. Jänner 1881 in Abgeschiedenheit und Stille im Stift Marienberg. Zwischen Deutschen und Orientalen sah er aufgrund ihres Harmonie- und Beschaulichkeitsbedürfnisses eine Wesensverwandtschaft. Es wäre spannend zu sehen, wie er das heutige Verhältnis einschätzen und deuten würde.
Christian Zelger