

19 Schauspielende und eine gemeinsame Rolle: Ein ungewöhnliches Theaterprojekt der Vereinigten Bühnen Bozen in Koproduktion mit dem Südtiroler Theaterverband stellt die Frage nach Identität – und danach, was „normal“ eigentlich bedeutet.
„Alle bitte auf ihre Anfangsposition!“, ruft Regisseur Peter Lorenz. „Ihr schaut ins Publikum, als wäre es ein Spiegel, und tragt euren Lippenstift auf.“ Der Regisseur gibt seinem Ensemble klare Anweisungen. Die braucht es auch, denn immerhin besteht es aus 19 Personen – eine beachtliche Größe für ein Theaterstück. Regieassistentin Theresa Prey ruft alle nacheinander auf, bis die Frauen und Männer in Reih und Glied stehen und sich ihren Lippenstift andächtig auf den Mund streichen. „Ich soll bitte einen ganz normalen Menschen spielen“, sagt eine der Darstellenden. „Ja, was soll das überhaupt sein?“, fragt eine andere. „Was macht ein so ganz normaler Mensch?“, will wieder ein anderer wissen. Eine schwierige Frage, mit der man sich im siebten Stock des Stadttheaters Bozen bewusst auseinandersetzt. Hier finden derzeit die Proben zur Inszenierung „Möglichkeitsmenschen“ statt. An dem Projekt arbeiten seit Herbst 2025 Theaterlaien und -profis aller Altersgruppen gemeinsam. „,Möglichkeitsmenschen‘ wird eine experimentelle Komödie“, so Lorenz. Das Besondere ist nicht nur die Größe des Ensembles, sondern auch, dass alle 19 Schauspieler:innen ein- und dieselbe Figur spielen, nämlich „Sie“. Trotzdem gibt es eine konkrete Geschichte, in der die Protagonistin zwei Konflikte durchlebt: Zum einen muss sie auf der Bühne jemanden verkörpern, den sie nicht spielen will, und zum anderen scheitert sie in ihrem eigenen Zuhause. Sie verliert sich in komplett unterschiedlichen Rollen – eine Achterbahnfahrt, wie sie vielleicht jede:r in seinem Leben kennt.
Wer bin ich?
Das Thema der eigenen Identität und der vielen Rollen, die man in seinem Leben innehat, beschäftigt auch die Darstellenden des Stücks. Claudia Erlacher vom Südtiroler Theaterverband etwa erzählt, dass sie hier nicht nur für ihre Arbeit am Bezirkstheater viel lernt, sondern auch privat Einiges reflektieren konnte. Auch für Bruno Demetz ist das Thema nicht neu – er ist überzeugt, dass die eigene Identität immer eine fluktuierende Größe ist. „Einige Rollen im Leben kann man sich nicht aussuchen, aber in dem festgelegten Rahmen haben wir viele Möglichkeiten, unsere eigene Identität zu bilden“, ist der pensionierte Philosophieprofessor überzeugt. Als Ältester und zugleich als Laie im Ensemble ist er neugierig auf dieses Abenteuer Theater – und auf eine Gruppe, die ihm zunächst unbekannt war. Besonders für die 14-jährige Emma Traunmüller sei es anfangs ungewohnt gewesen, mit so vielen Menschen unterschiedlichen Alters zu arbeiten. Sie ist die Zweitjüngste der Gruppe und hat schon viel über sich und das Theater lernen können, wie sie sagt. Dass das Ensemble so vielfältig ist, empfindet sie als Bereicherung. Schauspielerin Sabine Ladurner ist eine der Profis – und auch ihr macht es großen Spaß zu sehen, wie sich Team und Stück entwickeln. „Unser Regisseur lenkt uns seit Herbst gekonnt durch das Projekt – auch durch seine Fragestellungen.“ Dass es bei so vielen Menschen mit unterschiedlicher Theatererfahrung oft Geduld braucht, ist für sie als Profi kein Problem. „Das hat mit Respekt zu tun“, sagt sie. Die gegenseitige Wertschätzung spürt man in der Gruppe: Man nimmt sich ernst, lacht zusammen, öffnet sich einander. „Die bisherigen Treffen und Proben waren gut und lustig. Es gab viele spannende Begegnungen und ein schönes Miteinander in einem sicheren Rahmen, in dem auch sensible Themen besprochen wurden und man sich verletzlich zeigen konnte“, resümiert der österreichische Regisseur, der in der Arbeit mit einem so großen Ensemble nicht nur eine Herausforderung sieht, sondern auch eine Menge Positives: „Der Charme sind die Menschen. Ihre Energie. Ihre Geschichten.“ Dabei verliert die Gruppe das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen: „Das Schöne ist, dass jede:r die Macken der anderen annimmt und wir gut zusammengewachsen sind. Man möchte für die anderen aber auch gut arbeiten“, so Claudia. „Ein Theaterstück ist eine gemeinsame Verantwortung.“
Raum fürs Lernen –
Raum für Spielfreude
Die ersten Szenen. Es gibt mehrere Wiederholungen einzelner Passagen – es geht um Details, um Tempo und Timing, um feine Nuancen in den Bewegungen. Darum, Emotionen stärker spürbar zu machen, damit sie später beim Publikum auch ankommen. Obwohl die Darstellenden in manchen Einheiten alle das Gleiche spielen, bringt jede und jeder die eigene Persönlichkeit ein. „Paradoxerweise ist es genau das, was ich hier lerne: dass es sich immer auszahlt, man selbst zu sein“, lacht Bruno und bezieht diese Aussage auf Theater und Leben gleichermaßen. Im Spannungsfeld mit den anderen finde er sich selbst. Wie wichtig die eigenen Erfahrungen der Beteiligten sind, weiß Peter Lorenz genau. Aus diesem Grund hat er diese nach einem dreitägigen Workshop zu Projektbeginn in das von ihm geschriebene Stück inkludiert – so sollte der Zugang für alle leichter sein. Unterschiede zwischen Laien und Profis mache er keine, so Lorenz, der sieht, wie jede:r voneinander lernt. „Für mich war von Beginn an die Frage wichtig: Wie schaffe ich es, einen Raum zu schaffen, damit alle nebeneinander gleichermaßen glänzen?“ Seine Antwort: Struktur und Sicherheit. So bleibt auch die Lust am Spielen bei sämtlichen Beteiligten groß – und diese spürt er stark. „Ich gebe Übungen und Räume vor, um Spielfreude zu schaffen, aber auch, damit alle ihre Rollen ausprobieren und selbst ausgestalten können.“ Neben der Hauptfigur haben die Darstellenden noch weitere Rollen inne: von der Eiskönigin und dem Clown über die Erbse und das kleine Ich-bin-Ich bis hin zu Papst, Krebs und Saunameisterin. Nathan Laimer ist angehender Schauspieler und ebenfalls Teil des Ensembles – er findet, dass das Stück auch fürs Publikum deshalb so spannend wird: „Es gibt definitiv jede Menge zu schauen und zu lernen.“ Kein Wunder also, wenn die Frage auftaucht: Was ist schon normal? Und vielleicht bringt es Nathan ja auf den Punkt: „Was ich von ,Möglichkeitsmenschen‘ bisher gelernt habe? Dass man sich mit der Frage nach dem Normalsein selbst ein Bein stellt. ,Normal‘ … Das gibt es nicht.“
Sarah Meraner