

Joseph Zoderer, Anita Pichler, Norbert C. Kaser, Sabine Gruber, Oswald Egger oder Kurt Lanthaler haben die Südtiroler Literatur geprägt. Doch die heutige Szene umfasst weit mehr als bekannte deutschsprachige Namen. Zwischen Roman, Lyrik, Theater und Poetry Slam schreiben Menschen in unterschiedlichen Sprachen über vielfältige Themen. Die Szene ist lebendig, steht aber vor der Frage, wie sie auch über die Landesgrenzen hinaus sichtbarer werden kann.
Viele Sprachen, viele Stimmen
Ein Freitagabend im Juni in Meran: Im ost west club est ovest finden vier Lesungen gleichzeitig statt. Beim jährlichen Literaturfest der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung (SAAV) entscheiden die Besucher selbst, wem sie zuhören möchten. Deutsch, Italienisch, Ladinisch und weitere Sprachen sind vertreten. Insgesamt 28 Autorinnen und Autoren zeigen die Bandbreite der Südtiroler Literatur. Die SAAV vertritt Autorinnen und Autoren aller Sprachen in Südtirol oder mit Südtiroler Wurzeln. Geschäftsleiterin Joanna Voss betont, dass dazu auch Menschen gehören, die seit Jahrzehnten im Ausland leben und sich weiterhin mit Südtirol identifizieren. „Die Mehrsprachigkeit ist sicher eines jener Dinge, die die Szene hierzulande charakterisiert.“ Auch Zugewanderte bringen neue literarische Stimmen mit.

Zwischen den Sprachen
Trotz gemeinsamer Veranstaltungen und erster Kooperationen bleibt der Austausch zwischen den Sprachgruppen begrenzt. Besonders die ladinische Literatur ist außerhalb der ladinischen Täler kaum sichtbar. Dabei könnte Südtirol gerade aus seiner sprachlichen Vielfalt schöpfen. „Für mich ergibt dieses Schubladendenken – gerade im Kulturbereich! – keinen Sinn“, sagt Voss. Sprache sei eng mit Identität verbunden, dennoch müsse man stärker aufeinander zugehen. Übersetzungen können Brücken bauen. Sepp Malls Roman Ein Hund kam in die Küche, der die Folgen von Option, Nationalsozialismus und Krieg für eine Familie thematisiert, wurde ins Italienische übersetzt. Auch Kurt Lanthaler ist ein Beispiel. Das Zentrum für europäische Literatur und Übersetzung (ZELT) in Brixen will solche Verbindungen stärken. Noch sind entsprechende Projekte jedoch die Ausnahme.
Neue Wege der Literatur
Neben den Sprachen verändern sich auch Formen und Themen. Besonders bei jungen Schreibenden erlebt Poetry Slam einen Aufschwung. Dabei werden selbst verfasste Texte live vor Publikum vorgetragen. Literatur findet somit nicht nur zwischen Buchdeckeln, sondern auch auf Bühnen und in Kulturzentren statt. Beim Landesfinale im UFO Bruneck überzeugte heuer der 22-jährige Andreas Kofler. „Er bringt gerade junge Menschen zum Schreiben – und hält sie meist auch“, sagt Voss.
Kampf um Sichtbarkeit?
Um überregional wahrgenommen zu werden, brauche es Netzwerke, Lesereisen und Wettbewerbe. Preise könnten Verlage und Literaturagenturen auf Südtiroler Schreibende aufmerksam machen. Auch die von Maxi Obwexer gegründete Summer School Südtirol auf Schloss Velthurns bringt heimische Autorinnen und Autoren mit renommierten Mentorinnen und Mentoren zusammen. Dass der Sprung über die Landesgrenzen gelingt, zeigen mehrere Beispiele: Roberta Dapunt erhielt 2026 den Premio Montale per la poesia. Oswald Egger wurde 2024 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, Sepp Mall schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Krimiautoren wie Luca D’Andrea und Lenz Koppelstätter erreichen ein breites Publikum. Auch junge Stimmen wie Greta Maria Pichler, Miriam Unterthiner und Nadia Rungger machen auf sich aufmerksam.

Wie viel Südtirol steckt in Südtiroler Literatur?
Südtiroler Literatur muss nicht zwingend auf einem Bauernhof spielen oder von Option und Bergbauernleben erzählen. Herkunft kann ein Ausgangspunkt sein, ist aber kein literarisches Gefängnis. Während historische Erfahrungen weiterhin wichtige Themen sind, beschäftigen sich jüngere Schreibende auch mit Beziehungen, Identität, psychischer Gesundheit, Gewalt und gesellschaftlichen Umbrüchen. Auch wer längst im Ausland lebt, kann Teil dieser literarischen Landschaft bleiben.
Schreiben als Beruf
Vom Schreiben leben können in Südtirol nur wenige. Die meisten Autorinnen und Autoren haben einen Brotberuf und schreiben in ihrer Freizeit. Laut Voss fehlen zusätzliche Fördermöglichkeiten, wie sie in anderen deutschsprachigen Ländern bestehen. Die Provinz Bozen unterstütze die Literatur zwar, staatliche Förderung fehle jedoch. Hohe Lebenshaltungskosten und unregelmäßige Einnahmen aus Büchern, Lesungen und Stipendien erschwerten eine professionelle Laufbahn. Umso wichtiger seien eine aufgeschlossene Kulturpolitik und der Austausch mit den deutsch- und italienischsprachigen Nachbarregionen. Denn eine lebendige Literaturszene braucht viele Stimmen, unterschiedliche Sprachen und Wege zum Publikum. Sie braucht Sichtbarkeit, Vernetzung und verlässliche Rahmenbedingungen, um sich weiterzuentwickeln. Die Literaturszene lebt – und sie hat noch viel zu erzählen.
Sarah Meraner