

Herr Bürgermeister, Sie wurden 2020 mit deutlicher Mehrheit in Ihrem Amt bestätigt. Als gelernter Handwerker sind Sie es gewohnt, Dinge pragmatisch anzupacken. Wo konnten Sie in Ihrer bisherigen Amtszeit die wichtigsten Akzente setzen?
Stefan Schwarz: (lacht) Das ist eine gute Frage! Pragmatismus hilft tatsächlich, wenn man in die Gemeindepolitik einsteigt – auch wenn dort manches langsamer läuft als in der Privatwirtschaft. Es geht oft nicht so schnell, wie man es gewohnt ist oder gerne hätte. Dennoch haben wir einiges umgesetzt. Wir haben sehr viel in die Bildung investiert: beispielsweise in die Sanierung und Instandhaltung der Schulgebäude sowie in neue bzw. sanierte Kindergärten in St. Walburg und St. Nikolaus. Fertiggestellt haben wir auch das Bürgerhaus, in dem sich eine großzügige Bibliothek, das neue Rathaus sowie eine Außenstelle des Sprengels mit den Ambulatorien und ärztlichen Diensten befinden. Die Einrichtungen sind für die Bevölkerung leichter zugänglich als früher, als sie noch über das ganze Tal verstreut waren. Ein weiterer Schwerpunkt war die Trinkwasserversorgung. Wir haben zahlreiche Leitungen erneuert und neu verlegt.

Wurden auch neue Quellen erschlossen?
Ja, eine Quelle wurde neu gefasst. Im Übrigen ging es um die Sanierung bestehender Anlagen. Wir tauschen laufend alte Leitungen aus, um Trinkwasserverluste zu minimieren. Auch das Abwasser ist bei uns ein großes Thema. Die Erschließung abgelegener Höfe erfordert oft hohe Investitionen. Im Ultental kann es beispielsweise vorkommen, dass wir für drei Häuser zehn Kilometer Leitungen verlegen müssen, während man in der Stadt auf derselben Länge 300 Häuser anschließt. Dennoch sollen alle die Möglichkeit haben, ihr Abwasser fachgerecht zu entsorgen. Wir haben bereits viele Gebiete erschlossen und arbeiten kontinuierlich an neuen Projekten.
In Ihrem Profil auf der Webseite der Gemeinde sticht ein Punkt besonders hervor: „Verhandlungen mit Alperia und Altlasten“. Welche Altlasten wiegen im Tal so schwer, dass sie zur Chefsache erklärt wurden?
Es gibt einige – wobei man Alperia nicht allein die Schuld geben darf. Die Landesenergiegesellschaft hat dieses Erbe nur übernommen: von den staatlichen und italienischen Betreibern der Anfangszeit wie Montecatini, Edison oder ENEL übernommen. All diese Unternehmen haben es versäumt, die Altlasten zu beseitigen, die beim Bau der Kraftwerke und Stauseen in den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden sind. Alperia hat sie automatisch übernommen. Gut ist, dass das Thema nun endlich angepackt wird. Wir versuchen, so viel wie möglich aufzuarbeiten. Vieles ist bereits geschafft, einiges ist noch offen, aber die Punkte liegen auf dem Tisch und werden diskutiert. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Zu den Altlasten zählen beispielsweise Grundstücke im Wald oder alte Almrechte, die eigentlich mit einem Energieunternehmen nichts zu tun haben; verfallene Bauten wie die Baubaracken in Weißbrunn aus der Zeit der Staudamm-Errichtung oder die Höchsterhütte, das einzige Schutzhaus im oberen Teil unseres Tals, im Nationalpark Stilfser Joch –, das jahrelang auf Alperia-Grund stand. All das bereinigen wir Schritt für Schritt.

Es geht also nicht nur um emotionale Altlasten, sondern auch um ganz konkrete, dokumentarische und materielle Punkte.
Ganz genau. Dazu gehören Grundstücke, Wege, Gebäude, nicht rückgebaute Schutthalden oder Deponien aus der Zeit des Stauseebaus. Durch den intensiven Austausch mit Alperia in den vergangenen Jahren konnten wir bereits viele dieser Punkte klären.
Ein weiteres großes Thema ist das geplante Pumpspeicherkraftwerk zwischen dem Zoggler Stausee und dem Arzkarsee. Im vergangenen Jahr musste zudem der Zoggler Stausee abgelassen werden. Wie ist der aktuelle Stand?
Die Idee für das Pumpspeicherkraftwerk wurde von Alperia an die Gemeinde herangetragen. Wir haben daraufhin einen Bürgerrat gegründet, der sich begleitet von einer Fachgruppe, intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt hat.

Was war der Anlass für das Ablassen des Zoggler Stausees?
Im Frühjahr 2025 trat ein Leck am Grundablassstollen auf. Der Stausee musste abgelassen werden, um den Schaden zu beheben. Inzwischen ist der See wieder vollständig gefüllt. Alperia nutzte die Entleerung gleich für weitere Sanierungs- und Revisionsarbeiten an den technischen Anlagen der Staumauer.
Es gab immer wieder Ideen für eine Naherholungs- oder Strandzone am Seeufer. Ist das noch ein Thema?
Das Projekt ist nach wie vor aktuell. Es wurde unter meiner Vorgängerin Beatrix Mairhofer als Seeweg begonnen, doch nur das letzte Teilstück fehlt noch. Wir haben das Vorhaben in den vergangenen Jahren bewusst zurückgestellt, um abzuwarten, wie sich die Planungen rund um das Pumpspeicherwerk entwickeln.
Das Pumpspeicherprojekt sorgt im Tal für Zündstoff. Wie stehen Sie als Bürgermeister dazu? Ist es eine Jahrhundertchance oder ein großes Risiko für Ulten?
Ein abschließendes Urteil ist derzeit noch nicht möglich. Wir warten die Gutachten und Informationen ab. Die positiven Aspekte, wie finanzielle Ausgleichsmaßnahmen, möglicher Gratisstrom für die Bürger und die Unterstützung des Skigebiets Schwemmalm müssen nüchtern gegen die Belastungen abgewogen werden: eine mehrjährige Großbaustelle mit erheblichem Verkehrsaufkommen und Eingriffen in die Landschaft.

Verläuft die geplante Trasse denn über Privatgrund?
Die Stollen verlaufen unterirdisch – in einer Tiefe von 150 bis 300 Metern. Es gibt aber auch oberirdische Baustellen, Zufahrten und Portale. Dort muss man sich mit den betroffenen Grundeigentümern einigen. Es liegen bereits detaillierte Bauablaufpläne vor. Vor der Volksbefragung im Februar werden wir mindestens drei Informationsveranstaltungen in den Fraktionen abhalten und eine Broschüre an alle Haushalte verschicken, damit sich jeder eine fundierte Meinung bilden kann. Am Ende entscheidet die Bevölkerung.
Ulten ist zweifellos eines der wasserreichsten Täler Südtirols und liefert große Mengen sauberer Energie für das ganze Land. Doch was hat Ulten davon?
Derzeit erhalten wir Umweltgelder aus den bestehenden Kraftwerken. Diese werden nach einem gesetzlichen Schlüssel auf Gemeinde, Betreiber und Land aufgeteilt. Das ist momentan unsere wichtigste Einnahmequelle. Im Rahmen des neuen Projekts verhandeln wir über ein „Ultner Paket“: Gratisstrom beziehungsweise stark vergünstigten Strom für Privathaushalte und Betriebe sowie weitere Unterstützungsmaßnahmen. Ohne einen greifbaren Mehrwert für die Bevölkerung bräuchten wir über das Projekt gar nicht nachzudenken.

Abseits der Energiewirtschaft: Welche Themen liegen Ihnen derzeit besonders am Herzen?
Im Mittelpunkt stehen derzeit die Erhaltung der Infrastruktur und des Lebensstandards im Tal. Erstens betrifft dies das Skigebiet Schwemmalm als touristischen und wirtschaftlichen Leitbetrieb, von dem viele Arbeitsplätze und die Gastronomie abhängen. Zweitens geht es um den Erhalt der Dorfgemeinschaften und die Familienfreundlichkeit: Wir bieten täglich eine Schulausspeisung für alle Kinder an. Das ist für die Gemeinde mit einem sehr großen organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden, ermöglicht es aber beiden Elternteilen, berufstätig zu sein, da die Kinder bestens versorgt sind. Drittens liegt uns das Vereinswesen am Herzen: Wir haben ein sehr starkes Vereinsleben im Tal mit Musikkapellen, Feuerwehr, Schützen, Bäuerinnen und vielen mehr. Junge Menschen, die sich in Vereinen engagieren, bleiben dem Tal meist erhalten, gründen hier Familien und bauen ihr Leben auf. Ein weiteres Thema ist bezahlbarer Wohnraum und die Ausweisung von Wohnbauzonen, damit junge Ultner im Tal bleiben können und nicht abwandern müssen. Seit 2010 haben wir eine stabile Einwohnerzahl und kaum Abwanderung. Ein Beispiel: In St. Gertraud, unserer kleinsten Fraktion mit rund 300 Einwohnern, drohte vor einigen Jahren die Schulschließung, da es nur noch vier Schüler gab. Meine Vorgängerin Beatrix Mairhofer hat sich jedoch mit Nachdruck für den Erhalt eingesetzt. Heute besuchen wieder 40 Kinder die Schule.
Während andernorts über „Overtourismus“ geklagt wird, wie ist die Situation in Ulten?
Ulten ist davon weit entfernt. Wir streben ein gesundes, sanftes Wachstum an. Ein zweites Gröden wollen wir nicht werden, aber das Tal verträgt durchaus ein paar zusätzliche Gästebetten, um unsere Betriebe und das Skigebiet rentabel zu halten.

Welche Vorhaben möchten Sie bis zum Ende Ihrer Amtsperiode auf den Weg bringen?
Da wäre zunächst der Neubau der Winterschule Ulten, ein absolutes Herzensprojekt. Die Winterschule ist eine einzigartige Einrichtung für handwerkliche und berufliche Weiterbildung im Tal. Derzeit ist sie auf drei Standorte verteilt. Wir möchten ein zentrales Gebäude dafür errichten. Zweitens die neue Feuerwehrhalle in St. Nikolaus. Auch dieses Projekt ist bereits auf Schiene. Drittens gilt es, das Skigebiet Schwemmalm mit allen Mitteln zu unterstützen, damit der Betrieb langfristig gesichert bleibt. Für St. Walburg haben wir ebenfalls vielfältige Pläne: Das Dorfzentrum ist etwas ungeschickt angelegt, da die Kirche außerhalb liegt und ein echter Dorfplatz fehlt. Wir planen eine Verkehrsberuhigung, neue Parkflächen und einen zentralen Dorfplatz mit Pavillon für Veranstaltungen. Und natürlich hoffe ich, dass wir bei der Naherholungszone am Zoggler Stausee weiterkommen.
Philipp Genetti