

Die Geschichte der Thermenallee spiegelt den Wandel einer Stadt wider. Sowohl ihr Name als auch ihr Erscheinungsbild haben sich mehrfach stark verändert. Bis Ende des 19. Jahrhunderts trug sie den Namen „Greutendamm“, um dann für gut zwei Jahrzehnte als Franz-Ferdinand-Quai auf den 1914 ermordeten Thronfolger zu verweisen. 1921 hat man dann, der neuen politischen Lage geschuldet, die Umbenennung wieder rückgängig gemacht. Erst seit Ende der 50er Jahre trägt die Allee ihren heutigen Namen. Die einschneidendste Veränderung erfolgte jedoch 2002. Das damalige Thermalzentrum S.A.L.V.A.R. wurde trotz starker Proteste von Seiten der Bevölkerung abgerissen. Durch den anschließend gebauten Thermentunnel blieb von der Allee selbst nicht mehr viel übrig. Einige Jahre zuvor sah alles noch ganz anders aus – und war Ort einer originellen Veranstaltung. Am 19. Juni 1999 fand im Park des Kurbades das Kunst- und Kulturfest „artefax 1“ statt, das vom Verein artForum Gallery rund um Herta Torggler, Christian Klotzner und Margit Klammer initiiert worden war. Das Publikum sollte mit einer vielfältigen Mischung aus Musik, Tanz und Film sowie Künstlern aus dem In- und Ausland verwöhnt werden. Für 30.000 Lire Eintritt verwandelte sich der Park eine Nacht lang in eine Bühne für eines der ungewöhnlichsten Kulturereignisse seiner Zeit. Unterstützt von öffentlichen Einrichtungen und privaten Sponsoren wollte man nichts Geringeres als „etwas nie Dagewesenes“ verwirklichen. Der weitläufige Park galt als ein fast vergessenes Paradies im Herzen der Kurstadt, das bis dahin einen Dornröschenschlaf geführt hätte. Das Programm begann um halb acht Uhr mit Musik: Joe Greens & the Bloody Electric Band, die Männergesangsvereine aus Meran und Bruneck sowie der Chor Singflut spannten einen Bogen zwischen Tradition und Gegenwart. Das indische Märchen „Das Mädchen und der Krähen-König“ und ein Hochzeitstanz der Beduinen bewiesen, dass hier verschiedene Kulturen bewusst zusammengeführt wurden. Mit der Gruppe Farafina aus Burkina Faso erklangen westafrikanische Rhythmen, während Performances von Doris Plankl und Remo Rostagno, Installationen und ein Kräuterlabyrinth die Grenzen zwischen bildender Kunst, Theater und Aktion verwischten. Getreu dem Motto „Kunst ist leichter zu vermitteln, wenn es etwas zu essen gibt“ sorgte das Restaurant „Park“ für das leibliche Wohl. Auch essbare Skulpturen luden dazu ein, Kunst auf neue Weise sinnlich zu erfahren. Matthias Schönweger bot zudem „garantiert frische Südtiroler Ameisen“ zum Verzehr an (und der Autor dieser Zeilen ließ sich tatsächlich dazu hinreißen). Ein Highlight war die Modenschau auf dem Laufsteg über dem künstlichen See. Südtiroler Architekten versuchten sich unter dem Titel „Körperlandschaften“ als Schneider und der Berliner Künstler Stephan Hann präsentierte Pflanzenkleider. Auch das Licht spielte eine bedeutende Rolle. Nach den Ideen von Elisabeth Hölzl und Marcello Fera erstrahlte der Park dank einer spektakulären UFO-Lasershow in wechselnden Farben. Wenig später verlagerte sich das Geschehen ins Innere des Gebäudes. Dort sorgte DJ Elmar für die richtige Tanzstimmung, während Michael Lösch den Stummfilmklassiker „Metropolis“ von Fritz Lang live am Klavier begleitete. Gegen vier Uhr übernahm das Serafinian Quartet das musikalische Geschehen, ehe die ausdauerndsten Besucher den Morgen mit Qigong begrüßten. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Sie zog über 1.000 Besucherinnen und Besucher an, nochmals doppelt so viele verfolgten sie, damals ein Novum, online im Live-Stream. Obwohl als Biennale geplant, blieb es bei dieser ersten Ausgabe.
Christian Zelger