Wenn die Lärchen blühen
8. Mai 2026
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Stich für Stich

Mit Pfauenfedern auf Leder: Die Federkielstickerei ist uraltes Handwerk aus Südtirol.
Heute bewahren nur noch wenige diese aufwendige Technik.

Die Federkielstickerei zählt zu den ältesten und eindrucksvollsten Handwerkstechniken Südtirols. Dabei werden feine Streifen aus dem Kiel von Pfauenfedern auf Leder gestickt – Stich für Stich, Loch für Loch. Das Ergebnis sind kunstvolle Ornamente, meist auf Gürteln, Geldtaschen oder Hosenträgern, die bis heute Teil der traditionellen Tracht sind. Ihren Ursprung hat die Technik im Alpenraum, vermutlich im 18. Jahrhundert. Anfangs war sie ein Nebenerwerb von Bauern, Sattlern oder Riemern, die in den Wintermonaten Lederwaren verzierten. Im 19. Jahrhundert erreichte die Federkielstickerei ihre Blüte: reich bestickte Gürtel galten als Statussymbol und konnten so wertvoll sein wie ein Pferd. Das Zentrum dieser Handwerkskunst liegt bis heute im Sarntal. Von hier aus verbreitete sich die Technik in andere Täler. Auch im Pustertal, etwa in Prags, gibt es noch einzelne Werkstätten. Insgesamt jedoch ist die Zahl der Federkielsticker stark zurückgegangen und nur noch wenige spezialisierte Handwerker führen die Tradition fort. Die Arbeit selbst erfordert enorme Geduld und Präzision. Zunächst wird das Muster auf das Leder gezeichnet, dann werden mit einer Ahle feine Löcher gestochen. Anschließend wird der gespaltene Federkiel durchgezogen. Für einen aufwendig verzierten Trachtengurt können weit über hundert Arbeitsstunden nötig sein. Doch Federkielstickerei ist mehr als bloße Verzierung. Sie erzählt von Herkunft, Zugehörigkeit und Stolz auf die eigene Kultur. Besonders in der Tracht wird sie sichtbar, etwa beim „Fatschn“, dem breiten Gürtel der Sarner Männer. Heute entstehen neben traditionellen Stücken auch moderne Produkte wie Taschen oder Accessoires. Dennoch bleibt jedes Stück ein Unikat und ein Stück gelebter Geschichte.

Elisabeth Tappeiner