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Wa(h)re Kleidung

Wenn wir an Mode denken, denken wir an Paris, Mailand, vielleicht Berlin, aber ganz sicher nicht Bozen oder Meran. Südtirol mag in der Welt der Mode keine große Rolle spielen, genauso wenig sind wir aber ein weißer Fleck auf der Modelandkarte – im Gegenteil. Sehr viele junge Leute habe ihren Traum verwirklicht und machen heute bei uns Mode.
von Josef Prantl

Seitdem Thomas Gottschalk „Luis Trenker“ trägt, kennt fast jeder das Mode- und Life­style-Label aus Südtirol. 1995 von den Brüdern Michi und Hansjörg Klemera in Bozen gegründet, legt das Unternehmen laut eigenen Aussagen „großen Wert auf Nachverfolgbarkeit der Produkte und die Hervorhebung der Qualität“. Aber es sind vor allem die jungen, kreativen Köpfe bei uns, die ihren Traum le­ben: Dimitrios Panagiotopoulos („Dimitri“) oder Alexandra Stelzer („De Call“) sind schon sehr bekannt. Dutzende Südtiroler Namen ließen sich noch anführen, die mittlerweile in der Modewelt mitmischen: der Pfalzner Michael Klammsteiner, der auf Naturmode setzt; Philip Pezzei, der Mode auch für Hunde macht; die zwei Designerinnen Cate Marchettini und Greta Ballerini; die zwei jungen Sockendesigner Daniel Kaneider und Robert Larcher; Johanna Dalvai, die Innicherin Giulia Mazzi, der Kastelruther Andreas Steiner, der bei Prada gearbeitet hat; die zwei Meranerinnen Mirjam Hellrigl und Verena Maria Hesse. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie designen selbst, produzieren nahe am Markt und setzen mit hochwertigen Produkten konsequent auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit. Sie nutzen nachhaltige Materialien, stellen fair her und verkaufen in eigenen Läden bzw. online. Slow Fashion steht als Gegenbewegung zu Fast Fashion für einen bewussteren Umgang mit Mode und Textilien.

Textiles Handwerk ist Kulturgut
Einer der ersten bei uns war Richard Vill. 1985 gründete er sein eigenes Label und spezialisierte sich auf Leinen. Flachs ist der Rohstoff dafür und der wächst auch bei uns.
1991 wurde er zum Jungunternehmer des Jahres gewählt. Vill war seiner Zeit weit voraus, wenn es darum geht, Mode nachhaltig und fair zu produzieren. Leidenschaft für das Handwerk, natürliche Materialien, die Neu­in­terpretation alten Wissens sind ihm bis heute wichtig. 2016 gründete er in Bozen die Europäische Textilakademie (ETA). Die Genossenschaft, international sehr gut vernetzt, hat sich zum Ziel gesetzt, alte Techniken und Stoffe wiederzubeleben, Tradition und textiles Handwerk zu bewahren, das Bewusstsein für regionale und nachhaltige Produktion in der Modewelt zu schärfen.
Diverse Veranstaltungen in den vergangenen Jahren sahen sich dem verpflichtet: Das Textilfestival auf Schloss Maretsch (heuer vom 15.-17. März), die Ausstellung „Samt und Seide im historischen Tirol 1000 – 1914“ auf Schloss Tirol (mit prächtigem Katalog), das „Festival für Textile Manufaktur“ am Waltherplatz. „Wir sehen uns als Kom­petenzzentrum für Textilien und Mode“, sagt Vill. Erstmals vergab die Akademie heuer im Jänner in Bozen den internationalen „European Textil & Craft Award“.

Preis für Nachhaltigkeit und Qualität_Aufburg in Bozen

Kleine Label gegen Fast Fashion
Wie kann es aber gelingen, bei den Menschen ein Bewusstsein und eine Wertschätzung für Textilien und Mode zu schaffen, die sich auch in der Akzeptanz für einen angemessenen Preis niederschlägt? Über ein Vorleben, ständige Aufklärung und ein dementsprechendes Angebot, ist Vill überzeugt. Die Modebranche habe die Welt in den letzten Jahren sehr „verschmutzt“; von der Herstellung bis zur Wegwerfkultur. Bis zu 24 Kollektionen entwerfen große Modelabels jährlich. Produziert wird immer schneller und immer billiger. Diese sogenannte Fast Fashion belastet die Umwelt und hat meistens, das sagt schon der Name „schnelle Mode“, ein kurzes Leben.

Die wahren Kosten eines T-Shirts
Haben Sie sich einmal gefragt, wer eigentlich den Preis dafür bezahlt, wenn Bananen, T-Shirts oder Schokolade bei uns weniger kosten als ein Laib Brot oder 1 kg Äpfel? Ein paar Fakten: Nur in der EU fallen pro Jahr 12,6 Millionen Tonnen Textilabfälle an; davon sind 5,2 Millionen Tonnen Kleidung und Schuhe, was umgerechnet pro Kopf 12 Kilogramm entspricht. Die Textilproduktion hat sich seit Anfang der 2000er Jahre verdoppelt. Baumwolle ist neben künstlichen Rohstoffen der wichtigste Rohstoff für Kleidung – eine Pflanze, die sehr viel Wasser benötigt. Ein Kilogramm Baumwolle braucht zum Wachsen zwischen 7000 und 29.000 Liter Wasser. Dazu kommt noch der Pestizideinsatz auf den Feldern. Trainingskleidung, Badeanzüge, T-Shirts sind meist aus Polyester, Acryl, Nylon und anderen synthetischen Fasern, die aus Öl hergestellt werden. Wenn wir Kleidung aus diesen Fasern waschen, zerfallen sie gern. Die sich auflösenden Fasern geraten in Flüsse und Bäche, verschmutzen die Ozeane. Um die Kosten so weit wie möglich zu senken, wird in Billiglohnländern produziert. Kinderarbeit und Zwangsarbeit sind in Afghanistan, Argentinien, Bangladesch, Bolivien, Brasilien, Kambodscha, Kolumbien, Türkei, China, Mexiko, Ecuador, Indien, Russland und der Ukraine nachgewiesen. Millionen Menschen erhalten Hungerlöhne, bis das T-Shirt bei uns landet, hat es Tausende Kilometer hinter sich. Komplexe Lieferketten erschweren Kontrolle und Veränderung: Bis zu 140 Unternehmen sind an der Herstellung eines einfachen Herrenhemdes beteiligt, von Baumwollbauern über Webereien und Nähereien bis zu Knopf­fabrikanten und Transporteuren.

Richard Vill und Irene Tomedi

Bewusstseinswandel findet langsam statt
„Größe ist immer eine Gefahr“, sagt Richard Vill, „denn ab einer gewissen Größe kann ein Unternehmen gar nicht mehr nachhaltig arbeiten. Auch wenn Fast Fashion immer schneller und öfter Kollektionen auf den Markt bringt, stellt der ehemalige Obmann der Berufsgruppe Textiles Handwerk im LVH zunehmend ein Umdenken fest. Nachhaltige Aspekte wie Transportwege, Material, Verarbeitung, die Einhaltung sozialer Standards, Tier- und Umweltschutz werden für immer mehr Menschen beim Kauf von Kleidung wichtiger.

Nachhaltig oder nur Greenwashing?
Verglichen mit konventionellen Produkten sind faire und nachhaltige Textilien aber ein Nischenprodukt. Und was heißt überhaupt nachhaltig? Irene Tomedi mag den Begriff nicht, denn es wird viel Schindluder damit getrieben. Nur weil 20 % eines Kleidungsstücks vermeintlich recycelt sind, sei es noch lange nicht nachhaltig. Die Textilrestauratorin ist eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, wurde ihr doch die Restaurierung des Turiner Grabtuches anvertraut. Tomedi ist Gründungsmitglied und Vizepräsidentin der Europäischen Textilakademie. Nachhaltig produzierte Textilien, das sind für sie vor allem handwerklich hergestellte Textilien, die auf Materialien aus der Umgebung zurückgreifen.

Eine Vellauerin gewinnt den ETA-Award
Genau das macht Johanna Aichner. Auf rund 1000 Meter Seehöhe, oberhalb der Kirche von Vellau, liegt der Hoferhof. Hier arbeitet zwischen Biogemüse und freilebenden Bergschafen Johanna Aichner an ihrem Herzensprojekt „Boden.Kleid“. Im ehemaligen Hühnerstall betreibt die gebürtige Barbianerin einen Hofladen, wo sie ihre Kreationen – selbst gemachte Teppiche mit 3-D-Effekt, Kissen, Decken, Häkelarbeiten und auch Kleidung , alles aus Schafwolle – liebevoll arrangiert. Ihr Unternehmen hat sie „bBoden.Kleid“ genannt, als Verkaufsplattform nutzt sie auch Instagram. Im Jänner wurde sie im Waltherhaus in Bozen mit dem ETA-Award 2024 in der Kategorie „Textiles Handwerk – Newcomerin des Jahres“ ausgezeichnet. „Die Leistungen von Kleinbetrieben des textilen Handwerks werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen“, sagt Richard Vill. In 17 Kategorien (darunter auch die weniger bekannte Textilarchitektur) wurden von einer internationalen Jury „Awards“ vergeben, zwei davon gingen an Südtirol. Das Fachgeschäft „Aufburg“, das seit 1970 in Bozens Altstadt naturbelassene Textilien und alles fürs Stricken im Sortiment hat, wurde in der Kategorie „Empfehlung Handelsbetrieb“ mit dem ETA-Award gekürt. Ein weiterer Award ging an ein Projekt in Südtirol, wenn auch die Projektanten aus Hamburg stammen, und zwar jener in der Kategorie „Textile Architektur und Membranbau“. Das Architekturstudio „Schlotthauer-Matthiessen“ habe mit dem markanten Dach für die Kronplatzseilbahn Olang 1+2 ein beeindruckendes Beispiel textiler Architektur geliefert.

Lieber gut als zu viel
Mit den Auszeichnungen soll auch das Bewusstsein zum Umdenken geschaffen werden. Denn wir müssen bereit sein, für natürliche und umweltfreundliche Kleidung und Textilien mehr Geld auszugeben. Fakt ist: Milliarden Menschen zu kleiden, verschlingt Unmengen an Rohstoffen, Energie, Wasser und Chemie – um 10 % der weltweiten Treibhausgasemissionen werden der Textilindustrie zugeordnet. Mehr als 60 Millionen Menschen arbeiten in den textilen Wertschöpfungsketten. Ihre Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten beeinflussen die weltweite soziale und wirtschaftliche Entwicklung markant.

Wie viele Kleidungsstücke hängen bei Ihnen zu Hause? Weniger würden reichen, denken Sie. Umweltorganisationen schlagen vor: sechs Kleidungsstücke für die Arbeit, drei für zu Hause, drei Outfits für den Sport, zwei für festliche Anlässe sowie vier Outdoorjacken und -Hosen oder -Röcke.

 

Mode ist vergänglich, der Stil bleibt

Am 12. Jänner 2024  wurde im Waltherhaus in Bozen der „European Textile & Craft Award“ verliehen.  Mit dem internationalen Preis möchte die Europäische Textilakademie besondere Leistungen aus zeitgenössischem und traditionellem Handwerk sowie Kunstberufe und deren Verbindung zur Welt des Designs würdigen.

Die BAZ sprach mit dem Präsidenten der Akademie, Richard Vill.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen „Textil Award“ zu vergeben?
Richard Vill: Es gibt zwar verschiedene Fashion und Design Awards, aber keinen für Textilmanufakturen und Textilhandwerker, welche ja meist eine Nische in der breiten Textilwirtschaft darstellen. So wollen wir deren verdiente Leistung sichtbar machen.

Insgesamt wurden in  Bozen in 17 Kategorien Auszeichnungen von einer internationalen Jury vergeben.  Die Sieger kommen aus ganz Europa. Wie kam es  zu dieser internationalen Vernetzung?
Die Europäische Textilakademie bietet seit vielen Jahren im internationalen Kontext Weiterbildung zu verschiedenen Textilbereichen wie textiles Handwerk, textile Architektur, Textilrestaurierung, Textilökologie an und organisiert Ausstellungen, Kongresse und Messen. All diese Tätigkeiten haben zu einer außerordentlichen internationalen Vernetzung geführt.

Die Europäische Textilakademie, deren Präsident Sie sind,  hat ihren Sitz in Bozen. Welche Rolle spielt unser Land in der Welt der Mode und des Designs? Ein ETA-Award ging ja auch an eine junge Südtirolerin.
Johanna Aichner wurde von der Jury zur Newcomerin des Jahres gewählt, vordergründig war dabei ein stimmiges, nachhaltiges Konzept. Aber auch die Kronplatzseilbahn Olang 1+2 wurde für die außergewöhnliche Architektur im Membranbau mit einem Award ausgezeichnet. Südtirol war aufgrund seiner geografischen Lage und als wichtigste Handelsroute zwischen Nord und Süd seit jeher Drehpunkt für den Handel mit Textilien oder die Produktion von Leinen und Seide. Dabei sind auch eine Reihe von textilen Handwerksberufen entstanden, die jedoch heute in seiner Einzigartigkeit Gefahr laufen zu verschwinden. Dabei sind es gerade diese Berufe, die in der Welt der Mode und des Designs aus Südtiroler Sicht Akzente setzen kann. Dieser Aufgabe hat sich die Europäische Textilakademie verschrieben.

Geshoppt wird weiterhin, als gäbe es kein Morgen, und gerade einmal 5 % der Modekäufe sind nachhaltig. Ist da eine Umkehr in Ihren Augen in Sicht?
Wir können feststellen, dass sich langsam das Kundenverhalten ändert. Allerdings ist der Begriff „nachhaltig“ genau zu definieren, denn nicht alles, was als nachhaltig angepriesen wird, entspricht den textilökologischen Kriterien.

Wie wichtig wären transparente Qualitätssiegel für Textilien?
Seit Jahren bemüht sich die Europäische Union endlich ein einheitliches transparentes Qualitätssiegel durchzusetzen. Dabei ist jedoch festzustellen, dass große Industriezweige durch permanenten Lobbyismus Sand ins Getriebe streuen. Auf längere Sicht wird sich jedoch das allgemeine Qualitätssiegel durchsetzen.

Worauf sollte man beim Kauf von Kleidung Ihrer Ansicht nach achten?
Allgemein bei Textilien und der Kleidung sollten es immer Naturfasern sein, aber natürlich zählen neben dem Material auch noch andere Kriterien wie z.B. Passform, Verarbeitung usw.. Grundsätzlich gilt, Mode ist vergänglich, der Stil bleibt.

Was steht bei der Europäischen Textilakademie auf dem Programm?
Vom 15.-17 März findet das Internationale Festival für textiles Handwerk, textile Kunst und Design im Schloss Maretsch in Bozen statt. Die Verkaufsmesse ist eines der Highlights im Programm der Europäischen Textilakademie. Auch heuer stellen wiederum hochwertige Manufakturen und Textildesigner aus, zudem gibt es eine Sonderausstellung zu Textilien aus Bangladesch, sowie neben anderen den Themenschwerpunkt „Gesundes Schlafen“.