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Psairer Blau

Deckenfresko in der Pfarrkirche Neustift im Stubaital von Josef Haller

Mit dem Passeiertal verbinden wir Andreas Hofer, den Quellenhof, den Dialekt. An die Kunst würden wir zuletzt denken. Weit gefehlt, denn zwischen 1719 und 1845 bestand in St. Martin eine Art Malerschule, die bedeutende Künstler hervorgebracht, das ganze Tal mit Kunstwerken versorgt und weit über die Talgrenzen hinaus an Bedeutung erlangt hat.

„Triumph“ von Johann Evangelist Holzer im Meraner Stadtmuseum Palais Mamming

Kaum eine Talschaft in Südtirol arbeitet ihre Geschichte so gründlich auf wie die Passeirer. Das hängt mit dem Talmuseum zusammen. Immer wieder gelingt es Museumsverein-Obmann Albin Pixner und Judith Schwarz, die das MuseumPasseier leitet, aus der Schatz­truhe der Geschichte Vergessenes herauszuholen und originell wiederzubeleben: So gerade mit der Passeirer Malerschule. Ein Thema, das auf den ersten Blick nicht der Aufreißer ist. Dass aus einem Tiroler Tal aber vor 300 Jahren eine Künstlerschmiede von Malern und Bildhauern hervorging, ist beachtlich. „Wir begegnen ihren Werken auf Schritt und Tritt“, sagt Albin Pixner, „in vielen Kapellen, in fast jeder Kirche, auf den Hoffassaden und Bauerntruhen, auf den Kirchenfahnen im ganzen Tal.“ Wie ein Freilichtmuseum der sogenannten „Malerschule“ zeigt sich das Passeiertal. Josef Haller und Johann Holzer sind ihre zwei bedeutendsten Vertreter. Der gebürtige St. Mar­tiner Josef Haller (1737 – 1773) schuf zahlreiche Ölbilder für die Kirchen im ganzen Tal, Altar- und Fahnenbilder und auch Fresken: darunter das „Fresko der Himmelsglorie“ in seinen leuchtenden Farben für die Pfarrkirche in Neustift im Stubaital. Als „Sternstunde und Höhepunkt der Passeirer Barockkunst“ bezeichnet der Kunsthistoriker Hanns-Paul Ties, der die Malerschulwerke wie kein Zweiter kennt, das Schaffen Hallers. Besonders gut gefällt mir persönlich das sich in Münchner Privatbesitz befindende Hinterglasgemälde „Allegorie des Erdteils Asien“ (1760), das dem Passeirer Künstler zugeschrieben wird.

Bedeutendster Maler des Spätbarocks

Hanns-Paul Ties betrachtet die „Geißelung Christi“ von Nikolaus Auer

Der bedeutendste Vertreter der Passeirer Malerschule ist Johann Evangelist Holzer (1709 – 1740). Der Obervinschger aus Burgeis wollte eigentlich Laienbruder auf Marienberg werden, wurde aber wegen Platzmangels und fehlenden Geldes vom Klosterabt abgewiesen. Wie viele Vertreter der Passeirer Malerschule ging auch er in die Lehre bei Nikolaus Auer in St. Martin. Das „Malerhaus“ mit seinen prächtigen Fresken südwestlich der Pfarrkirche erinnert heute noch an diese ehemalige Kunstschmiede, und zu Recht führt jede Dorfführung daran vorbei. „Insgesamt aber hat die Malerschule bislang wenig Aufmerksamkeit erhalten, mit dem Jubiläum soll sich das ändern. Schloss Tirol schafft eine Sonderausstellung und das MuseumPasseier hat eine Online-Datenbank sowie ein ,erwanderbares‘ Hörspiel veröffentlicht“, erklärt die Leiterin des MuseumPasseier. In Zeiten von Corona nicht ohne Überraschungen, „mit tatkräftiger Unterstützung durch das Amt für Museen und museale Forschung, das Amt für Kultur und die Raika Passeier fand dann alles doch noch ein gutes Ende“, freut sich Albin Pixner, auch wenn die öffentliche Vorstellung auf bessere Zeiten warten muss. Zurück zu unseren Malern: Wie Haller vervollkommnte auch Johann Holzer seine Ausbildung in Augsburg. Bald schon übertraf er dort seinen Meister und machte sich im süddeutschen Raum einen Namen. Als bischöflicher Hofmaler sicherte er sich einen Platz in der Liste der großen Freskenmaler des Barocks. 1737 war er von Bischof Johann Anton II. von Freyberg, dessen Sommerresidenz er mit dem Deckenfresko „Der Triumph der Flora“ versah, zum fürstbischöflich-eichstättischen Hofmaler ernannt worden. Leider verstarb Holzer mit 30 Jahren an Typhus viel zu früh und konnte den Auftrag von Kurfürst Clemens August von Bayern, das wunderbare Schloss Emsland auszumalen, nicht mehr ausführen. Besonders beeindruckend ist sein Ölgemälde „Der Triumph der Hölle über die Erlösungsliebe Christi“ (1734), das im Meraner Stadtmuseum zu sehen ist.

„Die Kunst als Dienerin der Religion“
Zu verdanken ist der künstlerische Höhenflug des Passeiertals einem Priester. Der in St. Martin geborene Michael Winnebacher (1656 – 1742), Kurat von Hinterpasseier, muss ein feinsinniger Mensch gewesen sein und ein besonderes Näheverhältnis zur Kunst gehabt haben. Seine Ausbildung erhielt er bei den Jesuiten in Innsbruck. Selbst betätigte er sich als Übersetzer und Dichter; er soll sogar ein Gedicht über den Kummersee verfasst haben und gilt als Vertreter Südtiroler Barockdichtung. Ihm ist es zu verdanken, dass sein Heimathof in St. Martin zu einer Malerschule wurde. Denn es war Winnebacher, der den Maler Nikolaus Auer und den Bildhauer und Altarbauer Anton Ferner nach Passeier holte und so den Anstoß zur Gründung der Malerschule gab. Fast 150 Jahre lang entstehen hier Kunstwerke für beinah alle Kirchen und Kapellen des Passeiertals und für viele Ortschaften des Vinschgaus, des Meraner und Sterzin­ger Raums, des Ötztals sowie des Sarntals. Mehrere später teils überregionale bedeutende Künstler werden hier in St. Martin die Grundlagen ihres Handwerks erlernen.

Das „Martiner Malerhaus“
Ohne das Zutun von Michael Winnebacher hätte das Passeiertal also nie eine Rolle in der Geschichte der Malerei gespielt. Nach Abschluss seiner Gesellenzeit in Augsburg (damals ein Zentrum der Barockkunst) holte der pfiffige Kurat Nikolaus Auer ins Tal und bescherte ihm nicht nur Aufträge, sondern gab ihm auch noch seine Haushälterin zur Frau. Seine Werkstatt richtete der talentierte Maler dann gleich auch im Geburtshaus des Pfarrers, im „Aussermoarhof“ in St. Martin ein. Seine Frau, die wohlhabende Witwe Maria Pichler, hatte nämlich das Gebäude noch vor der Heirat dem Pfarrer und seinen Geschwistern abgekauft.
Nikolaus Auer wird als Lehrmeister Bedeutung erhalten. Neben seinen drei Söhnen zählen mehrere spätere Künstler zu seinen Schülern, darunter auch Johann Evangelist Holzer und Josef Haller. „Während Holzer in der schwäbischen Reichsstadt verblieb und sich dort in den Olymp der deutschen Barockkunst malte, kehrte Haller in sein Heimattal zurück. Sein Schaffen bildete nicht nur den Höhepunkt der barocken Passeirer Malerschule, sondern zugleich eine der Sternstunden der Malerei des Spätbarocks und Rokoko in Tirol“, schreibt Hanns-Paul Ties im Ausstellungskatalog zur Sonderausstellung „Zwischen Augsburg und Venedig“ auf Schloss Tirol, die zur Zeit wegen der Corona-Krise online im 3-D-Format angeboten wird.

Aus „Pariser Blau“ wurde „Psairer Blau“
Um der Erinnerung an die sogenannte „Passeirer Malerschule“, die vor rund 300 Jahren in St. Martin gegründet wurde, neuen Aufwind zu geben, hat sich das MuseumPasseier einiges einfallen lassen. Dazwischen gekommen ist dem Team um Museumsleiterin Judith Schwarz dann aber Corona, und so war es gut, dass man mit der Werk-Datenbank und dem Hörspiel „digitale Wege“ beschreiten wollte. Im März wurde die Webseite www.malerschule.it mit über 400 Werken der Malerschule online gestellt. Das Farb-­Hör­spiel „Malerspuren“, das im Mai erschienen ist, greift eine im Jahr 1825 tatsächlich unternommene Fußreise eines Wiener Beamten auf und begibt sich mit ihm und den Menschen im Tal auf die Suche nach Malerspuren – dabei träumt der Wiener immer wieder vom unbekannten Farbton „Psaier Blau“. „Die Idee zu diesem unbekannten Farbton haben wir einem Jungen aus St. Martin zu verdanken“, erzählt Martin Hanni, der für Drehbuch, Gestaltung und Produktion verantwortlich zeichnet. Mehrere Grundschüler schenk­ten dem Projekt ihre Stimme und sprachen unter anderem die Namen von Farbtönen ins Mikrophon. „Ein Kind verwandelte ,Pariser Blau‘ in ,Psairer Blau‘, ein Fehler, den wir nicht rückgängig machen mochten.“

Die „BAZ“ sprach mit Judith Schwarz über ein Kapitel wiederbelebter Kulturgeschichte des Passeiertals:

Judith Schwarz, Leiterin des MuseumPasseier

Die Coronakrise hat auch das MuseumPasseier getroffen. Sie haben sich zum 300-jährigen Jubiläum der sogenannten „Malerschule“ in St. Martin einiges vorgenommen.
Judith Schwarz: Wie allen Museen sind uns durch Corona die Frühjahrsbesucher abhandengekommen. Dass wir dann nach der Massenquarantäne mit dem Hörspiel etwas Neues anbieten konnten, das außerhalb der geschlossenen Museumsmauern funktioniert, war ein glücklicher Zufall. Viele haben sich nach dem Hausarrest und der visuellen Überflutung am Handy gerne auf dieses auditive Angebot eingelassen und es mit einer Wanderung durch Passeier verbunden, wofür es ja gedacht ist.

In diesem Audioguide „Malerspuren. Ein Farb-Hörspiel“ erwandern Interessierte in drei Etappen das Tal und erfahren so ei­niges über die Malerschule und darüber hinaus. Können Sie uns das Projekt näher erläutern?
Das Hörspiel führt als Fuß- bzw. Busreise nach St. Martin, St. Leon­hard und Moos und zu Fresken, die man im Alltag keines Blickes würdigt oder zu Kirchenwerken, die man allsonntäglich sieht und doch nicht wirklich betrachtet. Passeirer Geschichten, in denen es um Malereien – nicht nur um jene der Malerschule – geht, werden dabei miteinander verwoben. Die Hauptrolle im dokumentarisch-fiktiven Stück spielt ein Wiener Beamte, der 1825 mit Pinsel und Farbe ins Passeier kommt und dort die Tochter des letzten Malers der Malerschule trifft. Ausgangspunkt des Hörspiels ist das MuseumPasseier. Interessierte brauchen ein Smartphone mit genügend Akku und Kopfhörer – und den Link www.museum.passeier.it/malerspuren.

Kann man denn wirklich von einer barocken Malerschule in Passeier sprechen oder stammt die Bezeichnung mehr aus dem Volksmund?
Der Begriff „Passeirer Malerschule“ ist eine Wortschöpfung, die erst nach dem Tod der Künstler aufkam. Er ist nicht nur auf die meist zwischen 14 und 18 Jahre alten Lehrbuben gemünzt, die in St. Martin die Malerkunst erlernten. Gleichzeitig werden damit die Künstler zusammengefasst, die im Umkreis der Werkstatt tätig waren. Die Malerfamilie Auer, welche die Werkstatt im Malerhaus drei Generationen lang führte, war in ein Netzwerk eingebunden und arbeitete beispielsweise mit der in unmittelbarer Nähe lebenden Bildhauerfamilie Ferner zusammen.

In einer Datenbank, die online abrufbar ist, haben Sie über 400 Werke der Malerschule dokumentiert und beschrieben. Das klingt mühevoll und recht langweilig?

Josef Holzer, Selbstporträt

Im Gegenteil. Auf diese Weise durfte ich gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Hanns-Paul Ties (der die Texte erstellt hat) in Kirchendachböden steigen und Pfarr­häuser durchkämmen, mit Taschenlampe verblichene Datierungen und Signaturen auf Gemälden suchen und anhand der Kirchenbücher neue Puzzleteile zu den Künstlern entdecken. Mit von der Partie war der Ansporn, dass damit erstmals in dieser Geschlossenheit die Malerschulwerke in und außerhalb von Passeier fotografiert, beschrieben und für alle sichtbar gemacht werden. Dass es über 400 werden würden, hätten weder wir noch die Gemeinde St. Martin (die das Projekt angestoßen hat) gedacht.

Eine Sonderausstellung auf Schloss Tirol zur Passeirer Malerschule ist momentan auch nur online abrufbar. Was hat es mit dem Titel „Zwischen Augsburg und Venedig“ auf sich?
Seine begabtesten Schüler hat Nikolaus Auer zur weiteren Ausbildung in das damals bedeutendste deutschsprachige Kunstzentrum nach Augsburg geschickt, zwei seiner Söhne studierten in der Kunstmetropole Venedig. Das barocke Augsburg galt als „Bilderfabrik Europas“, um 1780 werden hier 65 verschiedene Kunstberufe aufgezählt, vor allem galt die schwäbische Reichsstadt als das Zentrum der Druckgrafik und Hinterglasmalerei schlechthin. Dass von seinen Schülern einer der „Star der süddeutschen Malerszene“ (Johann Evangelist Holzer) und der zweite „einer der besten Rokokomaler Tirols“ (Josef Haller) werden würde, hat Nikolaus Auer jedoch nicht mehr erlebt.

Wie geht es mit dem MuseumPasseier vor dem Hintergrund von Covid-19 weiter?
Momentan sind wir dabei, unsere Ausstellung „Uffizi in Passeier. Wer schützt Kunst im Krieg?“ umzugestalten; sie wird von 27. Juni bis 1. November 2020 in „Le Gallerie di Piedicastello“ in Trient zu sehen sein. Ab 1. Juli wird das Museum dienstags bis sonntags für Besucher öffnen, für diesen wohl besucherarmen „Corona-­Sommer“ haben wir uns eine gründliche Inventarisierung der Bestände vorgenommen.

Leo Andergassen vor dem Bild „14 Nothelfer„ in St. Leonhard

von Josef Prantl