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Evangelische Gemeinde

Die steinerne Christuskirche sowie das Evangelische Pfarrhaus belegen als historische Baudenkmäler das Wirken der Protestanten in Meran. 

Die Geschichte der Evangelischen Gemeinde Meran geht einher mit der touristischen Entwicklung der Passerstadt zum Thermalkurort am südlichen Alpenrand. Ab Mitte des 19. Jh. nahm die Zahl der Kurgäste aus dem Norden ständig zu, viele davon wurden ortsansässig. Sie entstammten oftmals aus vermögenden Adelsfamilien oder aus künstlerisch-akademischen Bürgerkreisen mit evangelischem Glaubensbekenntnis. Im Zuge ihrer Bildungsansprüche strebten immer mehr nach der eigenen geistlichen Versorgung ihrer religiösen Bedürfnisse. Als „Lutherische“ und damit Andersgläubige stießen sie jedoch auf ablehnenden Widerstand im erzkatholischen Land Tirol, wo die Einheit im römisch-katholischen Glauben seit dem 16. Jh. als wichtigste Säule des Landesbewusstseins gewahrt worden war. 1861 gerieten diese Grundprinzipien ins Wanken: es war Kaiser Franz Josef I., der durch Erlass verordnete, den „Evangelischen Unter­thanen“ gleiche Rechte bei der Ausübung ihrer kirchlichen Gepflogenheiten zu gewährleisten.

Lutherische Ursprünge  

Martin Luther war Urheber der Evangelischen Reformation. Als gläubiger Christ wurde er Augustinermönch und Theologieprofessor. Durch seine Bibelübersetzung erwirbt er für die deutsche Sprachbildung besondere Verdienste. Als intellektueller Geist seiner Zeit kritisiert er die hierarchischen Missstände in Kirche und Gesellschaft – es war ihm ein Herzensanliegen, die Kirchenlehre von Grund auf zu erneuern. Vor etwa 500 Jahren um 1517 veröffentlichte er dazu in Wittenberg seine 95 Thesen, die er mittels Buchdruckverfahren rasch und weiträumig verbreiten konnte – mit großem Anklang bei Volk und Adel. Darin artikuliert er den Protest gegen Vatikan, Papst und Kirchenfürsten, gegen Verschwendung und Ablasshandel, gegen die priesterliche Bevormundung des Zölibats u.a. Martin Luther wird als Ketzer vor den Kaiser zitiert und aus der Katholischen Kirche verbannt. Er trifft jedoch auf namhafte Mitstreiter im ganzen Reich – es kommt zur endgültigen Spaltung in der römisch-katholischen Glaubenslehre, dem später der 30jährige Krieg folgen sollte. Das Evangelische Glaubensbekenntnis hat sich in unterschiedlicher Auslegung weltweit besonders in westlichen Ländern bis heute etabliert. Es steht für den ökumenisch-christlichen Dialog auch mit anderen Konfessionen und für ein freiheitliches Gottesverständnis.

Evangelische Anfänge Merans

Noch im selben Jahr 1861 des vom Kaiser erlassenen Protestanten-Erlasses konnte in der Meraner Altstadt Steinach das 1. Evangelische Bethaus eröffnet werden. Der erste ständige Pfarrer ab 1870, ein kleiner evangelischer Behelfsfriedhof hinter der Hl.-GeistKirche sowie die Gründung der Evangelischen Gemeinde Meran als Rechtsform 1876 waren die nächsten Schritte. Um 1882 wurden die ersten beiden Schulklassen für evangelische Kinder im erweiterten Bethaus eingerichtet. Der Betsaal für 140 Besucher wurde knapp und der dringliche Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus wurde konkretisiert, wobei man auf großzügige Spenden von Gläubigen und Gönnern zurückgreifen konnte. Der aufstrebende Tourismusboom bescherte dem Städtchen Hochkonjunktur am Bau von Hotels und Kureinrichtungen; fähige Bauhandwerker waren kaum zu finden. Direkt am rechtsseitigen Passerufer an der unteren Giselapromenade und nahe am Bahnhof konnte 1881 das ideale Baulos erworben werden für den Neubau der ersehnten Evangelischen Kirche.

Bau der Christuskirche 

1882 erfolgte die Ausschreibung für das beste Bauprojekt, 1883 konnte der Sieger Architekt Johannes Vollmer aus Hamburg, ein anerkannter Planer gotischer Sakralbauten, bereits mit der Grundsteinlegung beginnen. Der Baumeister seines Vertrauens Adolf Leyn kam ebenfalls von weither aus Hannover – dies erschien als deut licher Erschwernispunkt, bedenkt man die räumlichen Distanzen zum Bauplatz in der vorindustriellen Zeit vor 130 Jahren. Allen Unkenrufen zum Trotz bewies sich das Duo als optimales Gespann: mit preußischer Genauigkeit und Fachkompetenz wurde der umfangreiche Kirchenbau mit allen komplexen Details fristgerecht und preisgetreu in weniger als 2 1/2 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Die feierliche Einweihung im Dezember 1885 war ein Meilenstein für die Evangelische Gemeinschaft mit Vorzeigefunktion bis über die Grenzen Tirols. Das neugotische Kirchenschiff als Langhaus im Ausmaß von etwa 40 x 20 Meter wird überspannt von einem Kreuzrippengewölbe aus gefärbtem Sandstein, von seitlichen Arkadensäulen mit Knospenkapitellen getragen. Dazwischen verlaufen 36 Bankreihen aus Nussbaum mit knapp 300 Sitzplätzen. Auf den Längsseiten reihen sich jeweils 4 Quergiebel-Vorbauten mit hohen gotischen glasbemalten Fenstern. Nach Osten mündet das Hauptschiff in die offene Altarapsis, darüber eine große dominierende Fensterrosette, daneben die achteckige Sakristei als Einzelanbau. Nach Westen hin zum Park und zum Pfarrhaus liegt der Haupteingang mit Vorhalle im Sockelbereich des 51 Meter hohen Glockenturms. Die massive Sichtstein-Bauweise nach außen kann als typische Fassade protestantischer Gotteshäuser gelten, die Dachabdeckung meist in Schieferplatten.

Einzigartige Innenausstattung

Durchwegs schlicht, aber andachtsvoll ist die Innenausstattung der Christuskirche mit besonders großen, filigranen Gusseisen-Lustern, kunstvolles Schnitzwerk bei Kanzel und Altar, der künstlerische Taufstein aus Marmor und rotem Porphyr mit in Kupfer getriebener Taufschale, die Opferstöcke – in der Mehrzahl sind es wohlwollende Schenkungen. Drei wunderbar klingende Glocken samt gusseisernem Glockenstuhl wurden aus St. Petersburg gestiftet. Die wertvolle Orgel auf der Westempore mit 16 Registern stammt aus Bayern. Diese meist offene Meraner Christuskirche ist Sinnbild des Friedens, der Menschlichkeit, der Besinnung – will ein Ort zum Feiern und Zufluchtsort sein für alle Besucher mit christlicher Gesinnung.

Pfarrhaus, Friedhof, Altenpflege

Gegen Ende des 19. Jh. konnte die Evangelische Gemeinde das Pfarrhaus als Ensemble im passenden Baustil über vier Etagen verwirklichen. Ebenso konnte der zweite größere Friedhof mit Andachtskapelle als idyllisches Kleinod angelegt werden. Hohe soziale Aufgabe erfüllt der Evangelische Frauenverein mit der Führung des Altenpflegeheimes Bethanien sowie der Pension Angelika. Aus Platzmangel soll der evangelische Außendienst als christliche Mission bei den Predigtstationen in Bozen, Arco und Sulden eben noch Erwähnung finden..

 

von Jörg Bauer