Dieses noble Baudenkmal als Meraner Stadttheater

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9. April 2019
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Dieses noble Baudenkmal als Meraner Stadttheater

Als Prunkstück der zeitgenössischen Theaterarchitektur samt seiner ursprünglichen Originalausstattung hat sich dieses Baudenkmal bis heute erhalten.

Es war die k.u.k. Zeitepoche vor 150 Jahren, in der sich das Landstädtchen Meran, bekannt durch sein mildes Klima, seine liebliche Umgebung und seine heilenden Wasser zur mondänen Kurstadt an der Alpensüdseite aufschwang.

Tourismus-Anfänge im 19. Jahrhundert
Neben dem Adel belebten namhafte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst sowie zunehmend gutsituierte Besucher aus dem Großbürgertum das Meraner Kurambiente. Die willkommenen Gäste sollten standesgemäße Unterkünfte vorfinden. So entstanden in nie dagewesener Aufbruchstimmung Gästehäuser, Grandhotels, Pensionen, Badehäuser unter ärztlicher Leitung. Für das Wohlbefinden der Urlaubsgesellschaft sollten entsprechende Kultureinrichtungen geboten werden. In der für Meran so bedeutenden Gründerzeit ab 1850 lagen die Wurzeln für die gestalterische Bedeutung des Kur­ortes und seinen Bekanntheitsgrad, der bis heute anhält. 1874 eröffnete das Meraner Kurhaus als stilvolles Veranstaltungszentrum, mit Kurabteilung und eleganten Mehrzwecksälen für Konzerte, Feste, Musik, Theater. Ein Kurorchester mit fester Besetzung wurde eingerichtet und gehörte alsbald mit festtäglichen Darbietungen zum gehobenen Kurbetrieb. Auch Volksschauspiele auf Gesellenvereinsbühnen waren damals verbreitet; ihre Tradition reicht zurück bis ins späte Mittelalter. Es gab in Meran lediglich das kleine Rosengartentheater für die Aufführung von Volksstücken. Der zunehmende Kurgastbetrieb ging einher mit immer anspruchsvollerem Publikum, das sich nach Theaterklassikern und Operetten mit Orchesterbegleitung sehnte. Erste Aufführungen in kleinem Rahmen wurden im Kurhaus Meran erprobt. Das Fehlen eines repräsentativen professionellen Theaters in der aufstrebenden Kurstadt war jedoch unübersehbar. Ein 1884 gegründetes Theaterbaukomitee sollte Abhilfe schaffen.

Projekt-, Standort-, Finanzierungsfragen
Noch jahrelang zogen sich diese Grundsatzfragen samt Architekturwettbewerben hin bis zum 1. Spatenstich des Theaterneubaus im August 1899. Mit einer beispielhaften Bausteinaktion für die Beihilfe zur Finanzierung des Prestigeobjektes im Herzen der Kurstadt hatten sich Gönner, Prominente, Gäste, viele Meraner Bürger durch Zeichnung von An­teilen hervorgetan. Den Bauauftrag erhielt wider Erwarten nicht die führende Gilde der Wiener Theaterbauer, sondern aufgrund der Fachempfehlung des beratenden bayrischen Architekturprofessors Fischer das ehrgeizige Architektenteam um Martin Dülfer, aus Breslau gebürtig, mit Kreativatelier in München.

Dekorative Theaterarchitektur
Vorweggenommen sei, dass sich die Wahl des Projektanten im Zu­sam­menwirken mit dem damals führenden Bau­meis­ter­be­trieb von Peter Delugan als seltener Glück­sgriff erwies. Die unglaublich kurze Bauzeit von 15 Mona­ten, bei 2 Monaten Win­ter­ruhe, für die ordnungsgemäße Ausfüh­rung dieses komplexen Theater­bau­volumens samt detailreicher In­nenausstattung bleibt eine Meis­­terleistung – selbst für heutige Begriffe. Vom Aushub der Baugrube bis zum Mau­er­werk aus gehauenen Bruch­stei­nen, bis hin zur gezimmerten Dach­kons­truk­tion galt es mit geballter Mannes­kraft, mit Hand­werks­ge­rät und Pfer­de­fuhr­werken für den Mate­rial­trans­port ein Bau­werk fer­tigzustellen; dabei waren Hun­dertschaften von angeworbenen Bauarbeitern zu koordinieren, zu kontrollieren, zu versorgen. Das Baujuwel Me­raner Stadt­the­ater wurde ohne Hil­fe von Bag­ger, Kran, Ma­schi­nen oder Spann­beton in Rekord­zeit meisterlich vollendet. Für die besondere Ar­chi­tek­tenpersön­lich­keit Martin Dülfer war dies sein Erst­lings­projekt im Thea­ter­bau, dem zahlreiche weitere Re­fe­renz­ob­jekte folgten. Sein schöpferisches Gestalten im Zeichen des Ju­gendstils sowie als Vor­läu­fer des Art Deco umfasste stets das gesamte Projekt inklusive der Form­sprache und Funk­tion aller wichtigen Details der Innenaus­stat­tung. Es ist ihm in genialer Wei­se gelungen, den hohen Er­war­tungen eines einzigartigen Thea­ter-Musetempels für Meran in vieler Hinsicht zu entsprechen. Mit sicherem Gespür für die ansprechende Raum­glie­derung in seiner Größe, Funk­tionalität und eleganten Aus­strah­lung durch form­vollendete Stilmischung von Klassizismus und Avantgarde prä­sentiert er das Stadttheater über 2 Etagen. Die Eröf­fnungs­prä­miere mit Goethes Faust wurde am 1. Dezember 1900 gefeiert.

Stadttheater-Raumaufteilung
Der Haupteingang in der Mitte der symmetrischen Westfassade liegt hinter vier kräftigen Mar­mor­säulen und wird überdacht von der Sommerterrasse des Haupt­foyers im Theater­ober­ge­schoss.
Drei Schwingtüren mit Mes­­­sing­orna­men­tik eröffnen das Kassen­ves­ti­bül, vom dem aus, 2 Porphyr­stu­fen höher, durch weitere Dop­pel­­schwing­türen die Rän­­­­ge erschlossen werden.
Ein ele­gantes Marmorgranulat am Bo­den und die wunderschöne weiße Ovaldecke mit kunstvollem Zen­tralluster dominieren dieses Ein­gangsfoyer. Von Wan­del­gän­gen mit Garderoben und Ser­vice­räu­men im Erdgeschoss ge­langt man seitlich in das zentrale Audi­to­rium mit sanft geneigtem Bo­den hin zur Bühne. Vom repräsentativen Theater-Haupt­fo­yer mit Bar­buffet im Oberge­schoss führen seit­liche Ring­fo­yers mittels doppelwandiger Schwing­türen zu den Logen im 1. Rang; ein separater Trep­pen­­auf­gang erschließt die höher gelegene Ga­le­rie mit Lo­gen­bal­ko­nade. Der stim­mige große Thea­tersaal wird überspannt von einer reich verzierten Stuck­de­cke. Da­rin verbaut sind dekorative Be­leuch­tungs­kör­per und Be­lüf­tungs­­rosetten. Das Theater ver­fügt über eine bestens aus­­­­ge­stat­tete Profibühne und über ta­­dellose Akustik im gesamten Au­­­dito­r­ium.

Theatererfolge, Renovierungsarbeiten
Seine Glanzzeit erfuhr das Stadt­theater von Beginn an mit jährlich bis zu 250 Aufführungen. Die Kriegsjahre beeinträchtigten den Kulturbetrieb beider Sprach­gruppen, der jedoch nie ganz zum Stillstand kam.
Zeitweise wurde das Theater zum Puc­ci­ni­kino umfunktioniert. Mit dem legendären Impresario Karl Mar­graf kam Meran in der Nach­kriegs­zeit wieder zu einem festen Theaterensemble und zu neuen Theatererfolgen. Er führte Regie bei umfangreichen Reno­vie­rungs­­arbeiten ab 1971, geleitet vom Meraner Architek­ten­ehe­paar Gutweniger.
Mit der Er­neu­erung aller substanziellen Stuk­turen samt Innen­ausstattung, mit zeitgemäßer Haus- und Bühnen­technik verse­hen, erwartet das Me­raner Stadt­­theater als originelle Bau­­iko­­ne der Jahr­hun­dert­wen­de seine kulturbewussten Gäste auch heute im ursprünglichen Glanz.

 

von Jörg Bauer