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Kultur schafft Zukunft

Warum sollten wir gerade jetzt in Kunst, Kultur und Soziales investieren?

Südtirol – In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung stellt sich die Frage, was uns eine lebendige Gesellschaft wert ist. Während Infrastruktur gefördert wird, müssen Kultur und soziale Initiativen ihren Nutzen rechtfertigen. Dabei schaffen sie Begegnung und neue Perspektiven. Hannes Götsch kommt aus der Metallindustrie, ist Gründer und Geschäftsführer von BASIS Vinschgau und seit 2025 Mitglied des internationalen Ashoka-Netzwerks. Er verbindet Kultur, Wirtschaft und Soziales.

Warum wäre es gerade jetzt falsch, bei Kunst, Kultur und Sozialem zu sparen?

Wer hier spart, spart am Fundament. Wenn Menschen sich nicht begegnen, wächst Misstrauen. Sie sind Krisen- und Gesundheitsvorsorge als Teil der Infrastruktur.

Sind Kunst, Kultur und Soziales als getrennte Bereiche noch zeitgemäß?

Nein, diese Trennung ist ein Verwaltungsrelikt. Ein Konzert kann Integration fördern, ein Coworking-Raum sozialer Treffpunkt werden und ein Workshop die Wirtschaft stärken.

Warum gelten kulturelle Begegnungsräume nicht als ebenso wichtige Infrastruktur?

Weil wir leichter messen, was sichtbar ist. Vertrauen lässt sich schwer messen. Ohne Begegnungsorte nützt auch die schönste Gewerbezone wenig, wenn Talente abwandern.

Wie hat sich dein Verständnis von Kultur durch BASIS verändert?

BASIS steht für „Business And Service Incubator Schlanders/Silandro“. Heute sehe ich Kultur als Haltung und Hebel: Sie verändert, ohne zu belehren. Auch Südtirol braucht Perspektiven für eine faire, naturverträgliche Gesellschaft.

Was macht BASIS als Verbindung von Wirtschaft, Kultur und Sozialem besonders?

BASIS vereint Team, Vorstand, Kreative, Unternehmen, Unterstützer und Ehrenamtliche. Beispiele sind EVi, die Energiegemeinschaft die über 15 Gemeinden verbindet, das KASINO als Eventlocation und Alto Mare. Aus zufälligen Begegnungen entstehen Neues und Kooperationen. Das Unplanbare ist unsere Stärke.

Was können wir von europäischen Kultur- und Innovationszentren lernen?

Helsinki, Kopenhagen und Amsterdam sichern Kreativen leistbare Räume. In Helsinki wurde eine ehemalige Kabelfabrik nach dem Auszug von Nokia zum Kultur- und Innovationszentrum Kaapeli. Statt Abriss ermöglichte die Stadt die Weiterentwicklung. Daraus entstand ein Ort für Unternehmen, Start-ups, Schulen und Kreative.

Warum ist die Umnutzung leer stehender Gebäude gesellschaftlich wichtig?

Es geht um Teilhabe. Ein umgenutzter Ort vermittelt: Dieser Raum gehört auch euch. Entscheidend ist Mitgestaltung. Spekulation und Gentrifizierung dürfen nicht überhandnehmen.

Fehlt Südtirol das Geld oder der politische Mut für Kultur und Soziales?

Am Geld liegt es nicht allein. Oft fehlen Vertrauen in Experimente und Vorstellungskraft. Wir fördern lieber Bewährtes und wundern uns, wenn Innovation anderswo entsteht.

Was kostet uns eine Gesellschaft, die auf Kultur und Begegnung verzichtet?

Fehlende Kultur und analoge Begegnungsräume können Abwanderung, Einsamkeit und Radikalisierung begünstigen. Deshalb müssen wir schneller von der Theorie in die Praxis kommen und langfristig denken – in Zeiträumen von 50 bis 100 Jahren.

 

Philipp Kieser