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Eine Liebe, zwei Heimaten

Astrid Kristanell und Christian Bichon: Von Meran in die französischen Alpen und zurück.

Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Napoleon und Joséphine: Große Liebesgeschichten sind von Leidenschaft und Tragik geprägt. Wir kennen sie, diese besonderen Liebespaare. Die Meranerin Astrid Kristanell und der Lyoner Christian Bichon erzählen eine andere Geschichte. Seit 1966 gehen sie gemeinsam durchs Leben. Sie haben in Frankreich beruflich Außergewöhnliches erreicht, ein Vermögen aufgebaut und später alles hinter sich gelassen, um nach Meran zurückzukehren. In ihrer Wohnung in der Otto-Huber-Straße sind die Berge Frankreichs weit entfernt und doch in den Erinnerungen allgegenwärtig. 

Ein Mädchen aus einer besonderen Meraner Familie

Astrid Kristanell wird am 1. Juli 1942 in Meran geboren. Sie wächst in einer Familie auf, die in der Stadt einen Namen hat. Vater Adolf (1900 – 1960) – er stammt vom Dorfmoarhof  in Naturns ist weitum bekannter Rechtsanwalt, Vizebürgermeister und  er dichtet, schreibt Romane, Theaterstücke, Gedichte. Meist abends, nachts, untertags nimmt ihn sein Brotberuf in Beschlag. Die Mutter, Erna geborene Hörtmayr (die Hörtmayrs führen in der Passeirer Gasse eine Sodawasserfabrik) kümmert sich um die Familie, vier Kinder, zwei Buben, zwei Mädchen. Astrid ist die Drittgeborene. Künstlerisches Blut liegt den Kristanells im Blut. Adolf Kristanells Bruder Hermann (1902 – 1977) war ein begabter Komponist. Astrids Schwester Doris, die unter dem Künstlernamen „Krista Nell“ in den 1960er Jahren bekannt wurde, war Model und Schauspielerin. Ihre Karriere blieb leider kurz: 1975 starb sie in Rom im Alter von 29 Jahren an Leukämie. Astrid erlebt eine behütete Kindheit in Meran, die Familie besitzt eine Villa – sogar mit einem Schwimmbad, kaum vorstellbar in dieser Zeit. Es ist eine Kindheit in einem Südtirol, das von Armut geprägt ist. Astrid besucht die Volks- und Lateinmittelschule bei den Englischen Fräulein am Sandplatz in Meran. Vieles aus dieser Zeit ist im Laufe der Jahrzehnte verblasst. Lebendig bleibt dagegen die Erinnerung an die Entschlossenheit ihres Vaters, der seiner Tochter Möglichkeiten eröffnen will, die für ein Mädchen ihrer Generation keineswegs selbstverständlich sind. Er schickt sie in die Schweiz nach Neuchâtel, damit sie Französisch lernt. Ein Jahr verbringt sie als 14-Jährige in der französischsprachigen Westschweiz in einem Mädcheninternat. Zurück nach Meran darf sie ihren Traum leben: Sie geht nach Wien, besucht dort vier Jahre die Modeschule Hetzendorf  – es gibt sie heute noch im gleichnamigen Schloss – , spezialisiert sich auf Handtaschen und träumt davon, eines Tages für Louis Vuitton zu arbeiten. Was heute wie eine selbstverständliche Ausbildung in einem internationalen Umfeld erscheinen mag, ist in den 1950er-Jahren alles andere als gewöhnlich. Astrid lernt Sprachen, bewegt sich zwischen verschiedenen Kulturen und gewinnt früh eine Selbstständigkeit, die ihr später zugutekommen wird. Sie entdeckt eine Welt, die weit über Meran hinausreicht.  Ihr Vater bleibt ihr Leben lang eine wichtige Bezugsperson. Lange versteht sie nicht vollständig, wie viel er ihr mitgegeben hat. Erst jetzt, im Alter, wenn sich die Erinnerungen neu ordnen und manche Zusammenhänge klarer werden, erkennt sie, wie stark er sie geprägt hat. Nicht nur materiell, sondern vor allem durch seine Haltung, seine Bildung und sein Vertrauen in ihre Fähigkeiten. In vielem, so empfindet sie heute, hat sie mehr von ihm geerbt, als ihr früher bewusst war.

 

Eine Begegnung, die alles verändert

Nach erfolgreichem Abschluss der Modeschule kehrt Astrid nach Hause zurück – jung und voller Möglichkeiten. Sie spricht drei Sprachen und hat sich ein Wissen angeeignet, das ihr viele Wege eröffnet. Welchen sie einschlagen wird, weiß sie noch nicht. 1966 erfährt sie von einer Arbeitsstelle in Misurina, oberhalb von Cortina d’Ampezzo. Der Club Méditerranée sucht eine Mitarbeiterin, die Französisch, Italienisch und Deutsch spricht. Für Astrid scheint das Angebot wie geschaffen. Sie nimmt die Stelle an. Beruflich ist es eine Gelegenheit, persönlich wird es zum Wendepunkt. Denn hier begegnet sie einem jungen Mann aus Frankreich: Christian Bichon (geb. 1943). Er stammt aus Lyon und arbeitet als Skilehrer im Club. Zufall oder Schicksal: Es ist Christian, der der jungen Frau im Club Med die Autotür öffnet. Was zunächst eine Bekanntschaft ist, wird zu einer Beziehung, die beide nicht mehr loslassen wird. Sie entscheiden sich füreinander. Und sie entscheiden sich für Frankreich, für Christians Heimat, für einen gemeinsamen Anfang, dessen Ausmaß sie noch nicht kennen.

Nach Flaine 

Astrid und Christian erfahren von einem außergewöhnlichen Vorhaben in Hochsavoyen (Haute-Savoie): In Flaine, in den französischen Alpen, soll ein neuer Wintersportort entstehen. Hinter dem Projekt stehen Éric und Sylvie Boissonnas, die den Ort mit einer eigenständigen architektonischen Handschrift gestalten wollen. Für die Planung gewinnen sie den international renommierten Architekten Marcel Breuer, einen bedeutenden Vertreter der Moderne und des Bauhauses. Flaine wird zu einem besonderen Beispiel für die Verbindung von Wintersport, Architektur und Kunst. Die klaren Formen, die markanten Sichtbetonbauten und die bewusste Einbettung in die Berglandschaft unterscheiden den bereits damals autofreien Skiort von vielen traditionellen Alpenorten.  Was hier entsteht, ist nicht einfach ein weiteres Skigebiet, sondern ein neu gedachter Ferienort. 

Die ersten Gebäude werden in den 1960er-Jahren errichtet. Für Astrid und Christian eröffnet sich damit eine Chance, wie sie nur selten im Leben entsteht. Sie erhält das Angebot, beim Verkauf und bei der Vermietung der Wohnanlagen und Chalets mitzuarbeiten. Eine Ausbildung zur Immobilienmaklerin hat sie zwar nicht, einschlägige Erfahrung ebenso wenig. Was sie jedoch besitzt, sind Neugier, Einsatzbereitschaft und ein sicheres Gespür für Menschen. Während Christian als Skilehrer arbeitet, beginnt sie, Wohnungen und Chalets zu verkaufen und zu vermieten. Der Skisport wird immer beliebter, immer mehr Menschen können sich einen Winterurlaub leisten, und Flaine entwickelt sich schnell zur internationalen Wintersportdestination.  Für Astrid bedeutet das viel Arbeit, aber auch die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sie lernt rasch. Sie knüpft Kontakte, gewinnt Vertrauen und erkennt, was Menschen suchen, wenn sie sich eine Wohnung in den Bergen kaufen oder für die Ferien mieten.

Die Selbständigkeit

Nach 15 Jahren wagt Astrid den nächsten großen Schritt: Sie macht sich selbstständig und gründet ihre eigene Immobilienagentur – „Astrid Immobilier“. Daraus entwickelt sich ein erfolgreiches Unternehmen, das sich am Markt etabliert und mit der Geschichte von Flaine eng verbunden bleibt.  Christian geht seinen eigenen beruflichen Weg: Er eröffnet ein Sportgeschäft, verkauft und verleiht Skiausrüstung. Bald kommt ein weiteres Geschäft hinzu, schließlich ein drittes. Die beiden ergänzen einander. Astrid vermittelt Wohnungen und Ferienunterkünfte, Christian kümmert sich um die sportlichen Bedürfnisse der Gäste.  Der Erfolg ist groß. Astrid verkauft und vermietet Wohnungen, Christian baut seine Sportgeschäfte aus. Die Nachfrage wächst, und Flaine zieht zunehmend auch prominente Gäste, darunter den Dirigenten Claudio Abbado, dessen Frau Astrid gleich zwei Wohnungen verkauft.

Neuer Lebensabschnitt in Meran

Der Erfolg ist Astrid und Christian nicht in den Schoß gefallen. Dahinter stehen jahrelange Arbeit, unternehmerischer Mut, Risiken und schlaflose Nächte. Den engen Kontakt zu ihrer Mutter hat Astrid all die Jahre bewahrt. Besuche gehörten selbstverständlich dazu: Mal kam ihre Mutter nach Flaine oder Cannes, wo Astrid und Christian eine Wohnung hatten, mal reiste Astrid nach Meran. So blieb die Verbindung zur Heimat stets lebendig. Nach vielen Jahren in Frankreich stellt sich für Astrid und Christian zunehmend die Frage, wie ihr gemeinsamer Weg weitergehen soll. Als beide etwa sechzig Jahre alt sind, treffen sie eine Entscheidung, die von außen überraschend wirken mag: Sie verkaufen ihre Unternehmen, Immobilien und ihren Besitz in Frankreich. Es ist kein Schritt aus Not, sondern eine bewusste Entscheidung für einen neuen Lebensabschnitt. Sie wollen zurück nach Meran, in jene Stadt, aus der Astrid einst aufgebrochen ist und in die sich sofort Christian „verliebt“ hat.  In der Otto-Huber-Straße finden sie ihre Traumwohnung, ihr neues und endgültiges Zuhause.

Was am Ende zählt. Seit rund 25 Jahren leben sie nun wieder in Meran. Sie genießen das Leben, die vertraute Umgebung und die Nähe zu jenen Orten, die Astrid aus ihrer Kindheit kennt.  Im Alter verändert sich auch der Blick auf die eigene Herkunft. Was in jungen Jahren selbstverständlich erschien, bekommt nun eine andere Bedeutung. Für Astrid ist das besonders in der Erinnerung an ihren Vater spürbar. Wenn Astrid und Christian heute auf ihr Leben schauen, können sie auf vieles zurückblicken, was gelungen ist. Doch die entscheidende Bilanz lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken.  Sie liegt darin, dass sie sich 1966 begegnet sind und sechs Jahrzehnte später noch immer gemeinsam glücklich durchs Leben gehen.  

Josef Prantl