

Prissian – Ein Land, sofern es funktionieren soll, muss ordentlich verwaltet werden. Jede Zeit hatte dafür ihre eigenen Möglichkeiten und Methoden. Im Mittelalter gab es innerhalb der weltlichen Führungsschicht große politische und soziale Unterschiede. Seit dem 11. Jahrhundert lässt sich zudem der Aufstieg einer neuen Klasse beobachten: die Dienstmannen oder sogenannten Ministerialen. Unter den Leibeigenen waren einige mit besonderen Aufgaben betraut worden, wie etwa der Bewachung einer Burg oder der Übernahme von Ämtern. Dabei stand die persönliche Unfreiheit dieser Dienstmannen ihrem steilen Aufstieg in keiner Weise im Weg. Ganz im Gegenteil. Denn für ihre Verpflichtungen erhielten sie oft Güter als Lehen. Damit bildeten sie ein wichtiges Instrument bei der Herrschaftsausübung der Bischöfe sowie der Adelsfamilien, etwa der Grafen von Andechs, von Tirol und von Eppan. Indem man ihnen an wichtigen Stellen Burgen anvertraute, wurden sie zu festen Stützpunkten vor Ort. Ein Jahrhundert später hatte sich diese neue Oberschicht bereits fest etabliert. Während der Kreis der hochadligen Familien durch aussterbende Linien stetig schrumpfte, wuchs die Zahl der Adligen insgesamt durch den Aufstieg neuer Ministerialenfamilien aus dem bürgerlichen und bäuerlichen Bereich. Ursprünglich wohnten sie innerhalb der Orte. Etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts begannen die ersten und bedeutendsten von ihnen, eigene Burgen zu errichten. 1194 beispielsweise belehnte der Trientner Bischof Konrad II. Ulrich Ruf, die Brüder Heinrich und Friedrich von Pitzol sowie Marquard, Hartwig und During von Tisens mit einem Bergrücken „in loco qui dicitur Casaz“, also einem Ort namens Casatsch. Mit der Belehnung war das Recht verbunden, dort eine feste Burg zu erbauen. Zumindest in älteren Beschreibungen wurden sie als Ministerialen der Grafen von Eppan ausgewiesen.
Zerfallene Dächer
Die Burg Casatsch, die seit etwa 1600 auch als Pfeffersburg bekannt ist, steht an einem Ort, der schon früh besiedelt wurde. Funde aus der Bronze- und Eisenzeit belegen dies für das 5. vorchristliche Jahrhundert. Im Unterschied zu anderen Burgen aus dieser Zeit verfügt Casatsch über keinen Bergfried. Die Baubewilligung war an die Bedingung geknüpft, die Burg für den Bischof von Trient sowie die Grafen von Eppan stets offen zu halten. Die rund 60 Meter lange Ringmauer aus Porphyrsteinen bildet ein Oval. Die Mauerstärke variiert zwischen knapp eineinhalb und über zwei Metern, wie an der Nordseite, die durch die natürliche Umgebung kaum geschützt ist. Der ursprüngliche Zugang erfolgte über eine Zugbrücke und einen etwa fünf Meter breiten künstlich angelegten Graben. Innerhalb der Burgmauern befanden sich die Wohnräume, deren Grundrisse heute noch erkennbar sind. Die Besitzergeschichte ist wie bei so vielen befestigten Sitzen wechselhaft. Im 14. Jahrhundert war die Burg im Besitz der Herren von Greifenstein. Ihnen folgten die Botsch, die von Stachlburg und schließlich die Freiherren von Schneeburg und Giovanelli. Da war die Burg schon lange eine Ruine. „Stehen Burgen stolz und kühn, ihre Dächer sind zerfallen, Und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin“, schrieb Franz Kugler. In einer Landesbeschreibung von Marx Sittich von Wolkenstein wird auf eine angeblich skandalöse Geschichte angespielt, die sich „zwischen einem Landesfürsten und dem von Pfeffersburg Weib zugetragen, die nit wohl zu beschreiben ist“, die zur Aufgabe der Burg geführt haben soll. Lassen wir das so stehen. Die aufwändig sanierte Ruine ist heute jederzeit zugänglich und bietet einen unbeschreiblichen Blick über das Etschtal.
Christian Zelger