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Zwischen Ritual und Resonanz

TRANSART26 machte Südtirol zum Raum zwischen Klang, Körper, Architektur und Experiment.

Schon die Eröffnung in den Ex-Masten in Bozen Süd machte klar, dass hier niemand gekommen war, um es sich bequem zu machen. In Simon Steen-Andersens Piano Concerto trifft die Pianistin Ning Yu auf das filmische Gegenüber eines zweiten Pianisten, der auf den Überresten eines zuvor aus acht Metern Höhe auf Beton gestürzten Flügels spielt. Zusammen mit Michael Gordons und Bill Morrisons Gotham und dem Haydn Orchester wurde daraus weniger ein Konzert als ein kontrollierter Unfall zwischen Bild, Klang und Zerstörung. Ein Klavier fällt, wird beschädigt und spielt trotzdem weiter. Eigentlich kein schlechtes Bild für unsere Zeit.

    

Überhaupt waren Grenzen bei TRANSART26 eher Material als Regel. Xiu Xiu stiegen bei Rothoblaas in Kurtatsch erneut in David Lynchs Eraserhead hinab. Und dann Matthew Herbert, der seit Jahren zeigt, dass im scheinbar Banalen genug Musik steckt: Geräusche des Alltags werden gesammelt, zerlegt, verstärkt und plötzlich hört man in Dingen, über die man sonst hinweggeht, Rhythmus, Politik und Erinnerung. Vielleicht ist das eine der einfachsten Ideen des Festivals – und gleichzeitig eine der stärksten: genau hinhören. Persische Dastgāh-Musik traf bei Schullian auf Pflanzen, Glas und Alltagsarchitektur, japanische Taiko-Trommeln füllten die BASIS im Vinschgau, während Flamenco sin género(s) Tradition und Körperbilder gegeneinander laufen ließ. Manchmal passte alles zusammen, manchmal bewusst nicht. Genau dort wurde es interessant. Kunst muss nicht immer erklären, warum sie da ist. Das wohl stärkste Bild hinterließ Florentina Holzingers Stadion Étude. Über dem Bozner Europastadion steigt eine riesige Glocke an einem Heißluftballon in den Himmel. Darunter Zither, Musikkapelle, Körper und weitere Glocken, an denen Performerinnen selbst zu Klöppeln werden. Südtiroler Volkskultur wird dabei nicht vorsichtig angefasst. Sie wird zerlegt, überzeichnet, aufgehängt und wieder zusammengesetzt. Für vierzig Minuten verwandelt sich das Stadion in eine seltsame alpine Kathedrale aus Metall, Körpern, Luft und Lärm. Irgendwo zwischen Ritual, Volksfest und leichtem Größenwahn. Es funktioniert. Fast gegenteilig endet das Festival am Sonntagvormittag in Neumarkt. In Manuel Zwergers The Sanatorium of Soft Gravity wird das ehemalige Züst-Ambrosetti-Lager selbst Teil der Komposition. Tetra Brass und das mdi ensemble sind über Schläuche, Mechanik und eine semianaloge Maschine miteinander verschaltet. Klänge verschwinden, tauchen an anderer Stelle wieder auf, verlieren ihren Ursprung. Irgendwann spielt nicht mehr nur das Ensemble, sondern der ganze Raum. Inspiriert von Thomas Manns Zauberberg wird daraus ein langsamer, entrückter Schluss. Weniger Konzert als Zustand. Vielleicht liegt genau dort die Stärke von TRANSART: für ein paar Stunden die vertraute Ordnung außer Kraft zu setzen. Danach steht das Gebäude noch dort, die Straße ist dieselbe, der Alltag kommt zurück. Aber irgendetwas hat sich verschoben.


Philipp Kieser