

Unsere Smartphones werden in China gefertigt. Die modernsten Chips für die allgegenwärtige Technik stammen aus Taiwan. Viele Antibiotika hängen an Wirkstoffherstellern in Indien. Die Kleidung wird in Bangladesch und Kambodscha genäht. Wenn wir mit Kreditkarte bezahlen, brauchen wir die USA, ebenso bei der Nutzung von Betriebssystemen, Suchmaschinen oder Bürosoftware – von der militärischen Abhängigkeit ganz zu schweigen. Dabei gibt es mittlerweile nicht nur ein Bewusstsein dafür, sondern auch ganz konkrete Initiativen, die Europa schrittweise von diesen Abhängigkeiten lösen sollen. Nicht nur, wenn auf einstige Partner nicht mehr Verlass ist, sollte man sich auf die eigenen Stärken besinnen. Im Bereich der Informationstechnologie werden unter dem Motto „Es müssen nicht immer Google, X und Word sein“ bereits seit Jahren europäische Alternativen angeboten. Wir müssen sie nur nutzen. Europa braucht sich nicht zu verstecken.
Europa ist mehr
Die Idee, dass Europa mehr ist als nur eine Landmasse, geistert seit Jahrhunderten über den Kontinent. Eine deutliche Strahlkraft entwickelte sie gerade dann, wenn es von hier ausgehend besonders dunkel wurde. So entstand nach dem Ersten Weltkrieg mit der Paneuropa-Union die älteste heute noch bestehende Einigungsbewegung. Sie setzt sich für ein politisch und wirtschaftlich geeintes, demokratisches Europa auf Grundlage christlich-abendländischer Werte ein. Nach einem weiteren, um Größenordnungen verheerenderen Weltkrieg feilten nun einige Männer ehemals verfeindeter Staaten an einer Vision, die das „Nie wieder Krieg“ zu einer realistischen Chance werden ließ. Das Konzept dahinter war im Grunde genommen simpel. Würde man Kohle und Stahl, die Rohstoffe der Kriegsführung, unter eine gemeinsame Aufsicht stellen, wäre ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich. Der zukünftige Frieden sollte auf gutem Willen beruhen, aber auch auf gemeinsamen Verflechtungen. Mit dieser Hoffnung und der Rede des französischen Außenministers Robert Schuman am 9. Mai 1950 begann der europäische Einigungsprozess. Bereits zwei Jahre später trat mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl die Keimzelle der Europäischen Union in Kraft. 1957 wurde diese Logik der Zusammenarbeit mit den Römischen Verträgen auf den gesamten Markt ausgeweitet. Und es sollte nicht der letzte Schritt bleiben.
Meran ist Europa
Es kam deshalb nicht von ungefähr, dass man dem Europa-Gedanken eine Plattform bieten wollte. Als Folge der Römischen Verträge wurden beispielsweise Gemeinden aufgefordert, Straßen oder Plätze nach dem Kontinent zu benennen. So kam diese Aufgabe schließlich nach Meran. Man entschied sich für eine Straße in der Nähe des Bahnhofs. Diese hatte bereits einige Male die Bezeichnung gewechselt. Zuletzt erinnerte sie an das Ende des Ersten Weltkriegs am 4. November. Im Jahr 1959 wurde dann der Abschnitt zwischen dem Mazziniplatz und dem Bahnhofsplatz zur Europa-Allee umbenannt. Die Botschaft war klar. Europa sollte zum Friedensgarant werden: Wir haben verstanden, was das letzte Mal schiefgegangen ist. Wir werden es anders machen. Und daran sollten die Bürgerinnen und Bürger täglich erinnert werden. Denn es gibt Wege, die man benutzt, und Wege, die einem etwas sagen wollen, wenn man ihnen zuhört. Die Europa-Allee gehört zu dieser zweiten Gruppe. Und sie flüstert seit fast sieben Jahrzehnten: Europa ist eine gute Idee. Heute mehr denn je.
Christian Zelger