Mehrfach durchnummeriert

Wer in Meran die Meinhardstraße entlangspaziert, sollte nicht nur an den Begründer Tirols erinnert werden, sondern blickt auch auf drei übereinanderstehende Zahlen.

Der griechische Philosoph Heraklit von Ephesos hat eine Reihe von Gedanken hinterlassen. Dass alles fließt beispielsweise, panta rhei, geht auf ihn zurück, ebenso, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Diese Aussage wurde von seinen Lesern unterschiedlich ausgelegt. Für die einen war es tatsächlich der bewaffnete Konflikt, auf den er sich hier bezieht, für andere jede Form von Streit, Uneinigkeit und Gegensätzlichkeit, aus denen Neues entstehen konnte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Kriege direkt oder indirekt für viele nützliche Erfindungen verantwortlich sind. Ob Internet, Konservendosen oder vegane Würstchen, sie alle verdanken ihre Existenz einer militärischen Auseinandersetzung: Der Kalte Krieg verlangte nach einem Netzwerk, das dezentral auch einen Atomschlag überleben konnte, Napoleon suchte nach einer Möglichkeit, Lebensmittel für seine Soldaten haltbar über weite Strecken zu transportieren und Konrad Adenauer fand eine Lösung für die Fleischknappheit während des Ersten Weltkrieges. Vielleicht etwas weniger naheliegend, als militärisches Produkt gesehen zu werden, sind unsere allgegenwärtigen Hausnummern. Aus der Sicht eines Herrschers des 18. Jahrhunderts aber waren sie eine praktische und notwendige Neuerung. Wie konnte man den Überblick über seine Untertanen bewahren? Und wie konnte man eine bestimmte Person finden, wenn sie zu den Waffen gerufen werden sollte?

Ein Produkt der Aufklärung

Bevor Häuser nummeriert wurden, nutzte man zur Unterscheidung individuelle Zeichen oder Namen. In den Städten waren sie daher oft anhand von bemalten Schildern zu erkennen und im ländlichen Raum ermöglichten Hofnamen eine Identifizierung. Die ersten Hausnummern tauchten dann im 15. Jahrhundert in Paris auf, als man die Häuser auf der berühmten Bogenbrücke „Pont Notre-Dame“ mit Nummern versah. Im 16. Jahrhundert traf es die Augsburger Fuggerei und so erhielten die Gebäude einer der ältesten Sozialsiedlungen der Welt jeweils eine Zahl. Flächendeckend wurden Hausnummern in Europa jedoch erst im 18. Jahrhundert genutzt: beginnend in Frankreich, Böhmen, Preußen, Spanien und England, zunächst in Vororten und Kleinstädten, später auch in den größeren Orten. Als eine der letzten Metropolen erkannte Berlin die Vorteile. Im Habsburgerreich begann die Diskussion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zuge einer Polizeireform. Die Hausnummern sollten der skeptischen Bevölkerung als Möglichkeit für eine effizientere Verbrechensbekämpfung verkauft werden. 1769 wurden sie schließlich in der gesamten Monarchie bei einer Volkszählung zur steuerlichen und militärischen Organisation verwendet. Sie wurden mit schwarzer oder roter Farbe auf die Hauswände gepinselt. Wer sich weigerte, musste mit einer Strafe von neun Gulden rechnen. Beliebt waren sie von Anfang an nicht. So kratzten sie viele Untertanen ab oder bewarfen sie mit Schmutz. Auch der Adel war wenig begeistert. Am Ende setzte sich das System durch und half auch bei der Postzustellung.

Alles fließt

Was passierte, wenn neue Häuser gebaut wurden, vielleicht sogar zwischen zwei bestehende hinein? Diese erhielten meist die nächste freie Nummer. Entsprechend schwierig war es damit, neue Gebäude ohne gute Ortskenntnis zu finden – vor allem, wenn nicht Straßenzüge, sondern ganze Ortschaften fortlaufend durchnummeriert wurden. Eine Lösung bestand darin, in bestimmten Abständen eine Neunummerierung vorzunehmen. So ist es auch in der Meraner Meinhardstraße, der früheren Klostergasse, geschehen.


Christian Zelger