Sefnar, Zeppichl, Espan, Kressbichl oder Plon – wir befinden uns nicht irgendwo in der Welt, sondern im hinteren Passeiertal. Die Begriffe klingen so gar nicht nach
unserer gewohnten Sprache. Es ist ein wolkenverhangener Julimorgen. Heute geht es auf die Schneidalm und zu blumenreichen Bergwiesen im Hinterpasseier.
Ich gebe es zu, ich bin kein guter Bergwanderer. Aber kein Geringerer als Johannes Ortner begleitet uns. Der Meraner Sozialanthropologe, Namenforscher, Buchautor, Filmemacher und Obmann des Heimatschutzvereins Meran wird uns in ein Naturparadies führen und zugleich weit in die Vergangenheit begleiten. Von Meran geht es mit dem Bus nach Pfelders. Wir sind 20 Leute, alles Lehrer auf Fortbildung im Sommer. Es ist eine eintägige Exkursion, eine kulturhistorische und namenkundliche Exkursion.
Pfelders und Meran sind so etwas wie Bozen und der Ritten. Wenn im Hochsommer die Hitze über dem Meraner Talkessel liegt, gab es für die Meraner seit Generationen nur eine Richtung: taleinwärts, dorthin, wo die Bäche kühl aus den Gletschern brechen. Unser Weg führt uns heute genau dahin, ganz nach hinten, an das äußerste Ende des Passeiertales.
Wer auf 1.630 Metern Höhe ankommt, dem schlägt sofort die frische Bergluft entgegen. Manchmal hört man für Pfelders noch das altmundartliche „Plon“, ein romanischer Name, der so viel wie „Ebene“ bedeutet. Aus dem ehemaligen Plonhof entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte das heutige Pfelders. Die „Ploner“ unterscheiden heute noch die Ortsteile Unterplon und Oberplon, mit je eigenen Viehtränken und Backöfen. Die alten Höfe und Stadel haben sich hier noch recht gut erhalten, freut sich Ortner und führt uns zum alten Unterploner Backofen. Pfelders, der Name ist vorrömisch und bedeutet vielleicht so viel wie „Gelände am Bach, an den Gletscherbächen“, hat zwar ein kleines Skigebiet, aber zu einem Obergurgl wie jenseits der Bergkette hat es sich zum Glück nicht entwickelt.
Vier Urhöfe
Es wird vermutet, dass die erste Besiedlung des Pfelderer Tals direkt von Tirol aus erfolgte. Mit dem Stammsitz der Grafen von Tirol ist Pfelders nämlich über einen uralten Pfad über das Spronser Joch verbunden. Nach und nach entstanden die vier Urhöfe, die bis heute das Rückgrat des Pfelderer Tals bilden: Lazins, Zeppichl, Plan (Pfelders) und Stein. Bereits im Jahre 1285 wurden Lazins und Zeppichl als dauerhaft bewirtschaftete Schwaighöfe erstmals urkundlich genannt. Ein Schwaighof (abgeleitet vom althochdeutschen Wort sweiga „Viehhof“) war eine spezielle spätmittelalterliche Wirtschaftsform, die ganz auf Viehzucht und Käseproduktion ausgerichtet war und von einem Grundherrn auf bislang nur beweideten Bergeshöhen errichtet wurde. Im Hochmittelalter war der Talschluss von Lazins ein Jagd- und Weidegebiet der Herren von Auer in Tirol. Mit dem Burggrafenamt bestand also schon immer eine wechselvolle Verbindung. Dabei spielte das Spronser Joch auf 2581 m die verbindende Klammer. Eine fast verblasste Sage erzählt laut Ortner von flüchtigen Rittern aus dem Etschtal, die hier in der Bergwildnis die erste Siedlung anlegten. Sie war noch mitten im Wald gelegen, daher der erste Name „Hof unterm Wald“.

Abgeschnitten
Das Leben in dieser Isolation forderte jedoch einen hohen Tribut von den Bergbauern. Da Pfelders seit dem 14. Jh. zur fernen Pfarrei St. Peter ob Gratsch mit Taufrecht und verpflichtender Benutzung des Friedhofs gehörte, bedeutete jeder Kirchgang einen beschwerlichen Fußmarsch von acht, neun Stunden über die Jöcher. Besonders makaber soll die Situation im Winter gewesen sein: Sobald die Pässe im tiefen Schnee versanken, war ein Transport der Verstorbenen unmöglich. Starb im Dorf ein Bewohner, mussten die Toten wochen- oder monatelang an kalt-trockenen Plätzen „unterm Dach“ aufbewahrt werden. Erst im Frühsommer konnten die Leichen über das Spronser Joch und die Taufenscharte zum Friedhof von St. Peter überführt werden. Die Verstorbenen begrub man, dafür taufte man die Neugeborenen.
Ein wenig Erleichterung brachte das Jahr 1712, als das Zisterzienserstift Stams mit Sitz in Mais das Bergdorf der Kuratie Moos zuwies. 1751 ließen die Stamser schließlich im Ort das Kirchlein Maria Hilf erbauen, die heutige Pfarrkirche. Damit endete die „spirituelle“ Isolation, und kurz darauf wurde im Haus des Messners auch die erste Schule des Tales untergebracht. Bis 1970 betreuten die Zisterzienser von Mais die Pfarrei. Unter bayerischer Herrschaft stieg Pfelders im Jahr 1810 kurzzeitig zur eigenständigen Gemeinde auf. Damals ging es beschaulich zu: 1847 zählte der Ort rund 15 Häuser und 122 Einwohner. Heute sind es nicht viel mehr. Pfelders wurde 1928 eine Fraktion von Moos und Tolomei hatte es für die italienische Namensgebung nicht schwierig: Er übernahm einfach den alten Namen „Plan“, was vielleicht dazu führte, dass die Einheimischen auf „Pfelders“ übergingen.

Die blumenreichen Bergwiesen
Wir starten unsere Exkursion in Pfelders und schlagen den Weg Nr. 6 A ein und damit den schweißtreibenden Aufstieg hinauf zur Schneidalm auf 2.159 Metern. Den noch höher gelegenen Galtfinger (hier wird das noch junge „galte“ Vieh hochgetrieben) haken wir heute von der Wunschliste ab – das wäre dann doch eine Spur zu anstrengend. Während wir uns Kehre um Kehre den Hang hinaufarbeiten, blicken wir hinab auf den weiten, flachen Talboden. Wir wandern am Fernerbach mit seinem Gletscherwasser von den spärlichen Überbleibseln des Planferner (3.300 m) entlang zum Gleck (das ist eine kleine Wiese mit „Lecka“ für das Vieh), weiter über die zwischen zwei Bachgräben liegende Weide namens Apfis, über die Kuhraste (ein Rastplatz für Kühe), den Schafleger (Sammelplatz für Schafe) auf die Schneidtraie („Traie“ = Viehtrieb) hinauf zur Schneid-
alm. Die alten Passeirer Begriffe kennen heute nur mehr wenige.
Alte Passeirer Pflanzennamen nicht vergessen
Je höher wir steigen, desto weiter öffnet sich der Blick – hinaus auf die ebenen Imestwiesen. Jetzt im Sommer stehen die Bergwiesen in voller Blüte, ein farbenprächtiges Naturschauspiel. Johannes Ortner bückt sich am Wegesrand und zeigt uns die botanischen Schätze im dichten Gras. Direkt am Steig blüht die violette Filz-Kratzdistel, deren Blätter man im Hinterpasseier „Schoofzungen“ nennt. Wenn man die Distel mäht, leuchten die hellen Blattunterseiten geradezu aus den Wiesen heraus. Die Bergwiesen bezaubern mit ihrer Blumenpracht: Glöggler (Glockenblume), Pinterschlögl (Wiesen-Witwenblume) und Donnerbuschn zuhauf. Kleinste Erdanhäufungen genügen der Glockenblume und sie erblüht. Die „Grawendiler“ (Quendel) duften intensiv nach Thymian, ziehen die „Paien“ (Bienen) an und machen fette Fleischspeisen bekömmlich. Man kann nicht anders, als an der nach Kakao und Vanille duftenden „Praunelle“ (Schwarzes Kohlröschen) zu schnuppern. Der Donnerbuschn ist im Passeirer Dialekt der traditionelle Name für die Alpenrose, deren pink-leuchtende Blüte zur Zeit der ersten „Donnerwetter“ Ende Juni, Anfang Juli blüht.
Das Bergmahd
Die Mähwiesen sind die berühmten „Mahder“ im Hinterpasseier. Jahrhundertelang wurden diese extremen Steilhänge von den Männern und Frauen von Hand mit der Sense gemäht. Das Heu wurde in die „Gaadn“ (lokale Bezeichnung für die Heuhütten) eingelagert oder mithilfe der „Pferggl“ auf dem Rücken ins Tal geschleppt, damit das Vieh den langen Winter überleben konnte. Heute wird das Heu zu Paketen gepackt und am Drahtseil per Schwerkraft direkt hinab in den Talboden „geschossen“, manchmal hilft auch der Hubschrauber aus. Für das Mähen erhalten die Bauern bis zu 800 Euro Landschaftspflegeprämie pro Hektar, sie müssen das Heu aber zu Tal bringen. Nach der ausgiebigen Rast mit den besten Knödeln auf der Schneidalm treten wir den Abstieg an. Der Weg führt uns direkt zum geschichtsträchtigen Gehöft Lazins. Der Name Lazins selbst ist ein sprachliches Fossil vorrömischen Ursprungs. Er lässt sich vielleicht auf „lutinno“ zurückführen, was in etwa „nährstoffreiche, fette Almwiese“ bedeutet. Der Name, so Ortner, bezieht sich auf die ausgedehnten Nasswiesen (Rossmoos, Grünanger, Hemmerboden) zwischen Lazins und der Lazinser Kaser. Das Namenmotiv „fette, kotreiche Almwiese“ finden wir im Alpenraum oft, z. B. in „Lazaun“, „Lizum“, „Lutaschg“ oder „Lazag“. Seit 2005 ist Lazins, das seine Idylle im Unterschied zu Zeppichl behalten hat, im Besitz der Familie Pixner. Von der Bodenkapelle fällt unser Blick auf die gegenüberliegende Almhütte Faltschnal. Dieser Name ist romanisch und bedeutet wahrscheinlich „Tal im Bereich von Almhütten“ („val casinale“ > Valtschasnal > Fåltschnool).

Talauswärts
Wir wandern weiter talauswärts und passieren den Weiler Zeppichl, Betonung auf der ersten Silbe: gemeint ist ein mit „Zeten“ (das sind Schwarzbeer- bzw. Preiselbeerstauden) bewachsener Bichl. Vier Höfe: Diktner, Bauerner, Seppmer, Peter. Alle alten Bauernhöfe wurden abgerissen, hier ist Kulturgeschichte vernichtet worden, bedauert Ortner. Bis zum Jahr 1827 besaßen Zeppichl und Lazins das exklusive landesfürstliche Privileg der Hohen Jagd in den Wäldern von Pfelders, wofür sie stolze 60 Gulden jährlich entrichteten. Als wir am späten Nachmittag wieder den Bus erreichen, sind wir glücklich und an Erfahrungen reicher. Pfelders ist ruhig geblieben, der große Massentourismus blieb aus. Zum Glück! Unsere Exkursion ist zu Ende, die Notizblöcke sind voll und das Verständnis für dieses faszinierende Tal ist ein großes Stück gewachsen.
Josef Prantl
