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Die Lösung?

Der Veranstaltungsort war ungewöhnlich, das Interesse groß. Die SVP Untermais,
die Generation 60+ und die Soziale Mitte der SVP hatten im Mai zu einem Informationsabend über die Zukunft des Südtiroler Gesundheitswesens in den Alperia Tower geladen.

Viele nutzten die Gelegenheit, um nicht nur einen Blick in das markante Gebäude zu werfen, sondern vor allem, um Antworten auf drängende Fragen rund um Gesundheit und Pflege zu erhalten. „Südtirols Gesundheitswesen steht nicht schlecht da, aber die Herausforderungen sind groß“, betonte Reinhard Bauer, Vorsitzender des Meraner Sozialausschusses. Lange Wartezeiten, fehlende Fachkräfte, der demografische Wandel und die tiefgreifenden Veränderungen in der Medizin stellen die öffentliche Sanität vor große Herausforderungen. „Wir brauchen einen Plan,“ sagt er.  Und darüber wollte die Veranstaltung auch informieren. „Wir wollen umfassend über diesen Plan informieren“, erklärte Traudi Götsch, Vorsitzende der Generation 60+ im Burggrafenamt. Als Referent konnte Gesundheitslandesrat Hubert Messner gewonnen werden.

Chronische Krankheiten nehmen zu

Messner zeichnete ein differenziertes Bild der Lage. Die Herausforderungen in Südtirol seien dieselben wie in ganz Europa, aber „Entscheidungsprozesse gehen sehr langsam“, bedauerte der Landesrat. Gleichzeitig sei klar, wohin die Reise gehen müsse: mehr Prävention, eine stärkere sozial-sanitäre Zusammenarbeit und eine bessere Bündelung der vorhandenen Ressourcen. Der demografische Wandel stellt die größte Herausforderung dar. Immer mehr Menschen leiden an chronischen Erkrankungen, zugleich entstehen durch die Klimakatastrophe neue gesundheitliche Belastungen. Dennoch zeigte sich Messner zuversichtlich. Hoffnung gebe es durch den medizinischen Fortschritt und die Digitalisierung. Beeindruckende Zahlen untermauerten seine Aussagen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten um zwölf Jahre gestiegen. Allerdings leiden heute 31 Prozent der Südtiroler an einer chronischen Krankheit. Bei den über 65-Jährigen habe praktisch jede Person mit einer chronischen Erkrankung zu kämpfen – sei es Bluthochdruck, Krebs, Atemwegserkrankungen oder Diabetes, so Messner. Rund jeder dritte Mensch in Südtirol lebt also mit mindestens einer chronischen Erkrankung – das sind etwa 165.000 Personen. Die Folgen sind auch finanziell enorm: Fast 80 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben werden für chronische Krankheiten aufgewendet. „Wir müssen alles tun, um länger gesund zu bleiben“, appellierte Messner. Prävention und Eigenverantwortung würden deshalb immer wichtiger. Der Lebensstil beeinflusse die Gesundheit wesentlich stärker, als viele Menschen glaubten. Genetische Veranlagungen und Umweltfaktoren spielten zwar ebenfalls eine Rolle, doch ein gesunder Lebensstil bleibe entscheidend.

Ein System am Limit

Für das Gesundheitswesen gibt Südtirol derzeit rund 1,8 Milliarden Euro im Jahr aus. Besonders positiv bewertete der Landesrat die Notfallmedizin und die Akutversorgung. „Diese Bereiche funktionieren sehr gut“, sagte er. Gleichzeitig setzt das Land auf den Ausbau der wohnortnahen Versorgung. Eine zentrale Rolle soll in Zukunft dabei die sogenannten Gemeinschaftshäuser spielen. Rund 100 Millionen Euro sind für diese Gemeinschaftshäuser, Einsatzzentralen und Gemeinschaftskrankenhäuser reserviert. Sie sind als Weiterentwicklung der Gesundheitssprengel gedacht und sollen die Notaufnahmen entlasten. 2025 wurden fast 300.000 Zugänge zu den Notaufnahmen registriert. Die Einstufung der Fälle nach Triage-Kategorien zeigt folgende Verteilung: 0,7 % sehr kritisch (rote Triage), 5,0 % kritisch (orange Triage), 21,0 % mittelkritisch (gelbe Triage), 67,9 % wenig kritisch (grüne Triage) und 5,4 % nicht kritisch (blaue Triage). „Die vielen unangemessenen Zugänge blockieren oft lebensrettende Kapazitäten“, sagt Messner.

Der große Wurf?

Die landesweit 12 geplanten Gemeinschaftshäuser und die drei sogenannten Gemeinschaftskrankenhäuser in Bozen, Meran und Neumarkt sollen also Abhilfe schaffen und das Gesundheitssystem entlasten: Chronisch kranke Menschen sollen in diesen „Zentren“ (einige sind rund um die Uhr die ganze Woche geöffnet) besser betreut werden, aber auch alle kleineren gesundheitlichen „Dringlichkeiten“ sollen hier ambulant behandelt werden und nicht mehr auf der Ersten Hilfe. Neu eingeführt wird auch die einheitliche Gesundheitshotline 116117, die als zentrale Anlaufstelle für alle gesundheitlichen Anliegen dienen soll. „Südtirols Sanität ist ein Krankenhaus mit sieben Standorten“, betont der Landesrat. Die Kooperation zwischen den einzelnen Häusern sei entscheidend für die Qualität der Versorgung. Mit eindrucksvollen Kennzahlen verdeutlicht er die Dimension des täglichen Betriebs: 46 Operationssäle, 867 tägliche Zugänge in die Notaufnahmen (einer der höchsten Werte Italiens), 111 Rettungseinsätze pro Tag, zwölf Geburten, vier Todesfälle, rund 4.500 Vormerkungen und fast 19.740 Laboruntersuchungen täglich. Messner verweist auch auf den  neuen Landesgesundheitsplan 2027 bis 2030, der die strategische Grundlage für die kommenden Jahre bilden soll.

Reform des Gesundheitswesens

Italien hat eines der ältesten und international angesehensten Gesundheitssysteme der Welt. Im Jahr 2000 belegte es den zweiten Platz in der Weltrangliste der WHO. Aber es stößt an seine Grenzen. Gesundheitsminister Orazio Schillaci plant nun eine tiefgreifende Dezentralisierung. Mit Geldern aus dem nationalen Aufbauplan (PNRR) werden sogenannte „Case di Comunità“ (Gemeinschaftshäuser) errichtet. Grundlage ist das Ministerialdekret 77/2022, mit dem Rom den Umbau der territorialen Gesundheitsversorgung in ganz Italien vorgibt. Auch Gesundheitslandesrat Hubert Messner sieht in den Gemeinschaftshäusern einen wichtigen Schritt zu einer besseren wohnortnahen Versorgung. Kritiker, darunter viele Hausärzte, befürchten hingegen zusätzliche Belastungen und einen Verlust an Patientennähe. Laut Gesundheitsminister Schillaci sollte die Hausärzteschaft per Gesetzesdekret dazu beordert werden, in den Gemeinschaftshäusern Dienst zu leisten, reguliert über Angestelltenverhältnisse. Schillaci würde es auch gerne sehen, wenn die Hausärzte Angestellte des öffentlichen Gesundheitssystems würden. Durch den Widerstand von Ärztegewerkschaften, aber auch innerhalb der Regierungsmehrheit wurde die Reform vorerst gestoppt

Baustelle in Meran

Dass die Umsetzung in ganz Italien nur schleppend vorankommt, zeigt eine Studie der unabhängigen Stiftung GIMBE: Von den vorgesehenen 1.715 Gemeinschaftshäusern sind derzeit erst 66 vollständig in Betrieb. In Südtirol sind laut Messner sieben Gemeinschaftshäuser in Betrieb, und zwar Brixen, Klausen, Bozen (Loew-Cadonna), Naturns, Innichen, Mals und Leifers. Parallel dazu gingen zwei Gemeinschaftskrankenhäuser in Bozen und Meran in Betrieb.  Probleme gibt es mit dem Neubau des Gemeinschaftshauses in Meran. Von außen wirkt die Baustelle gegenüber dem Meraner Krankenhaus unspektakulär. Es geht aber nicht weiter, weil die vom Ministerium beauftragte Firma nicht weiterbaut. „Das Land hat bereits alles unternommen, aber die Auftragsführung liegt beim Staat “, erklärt Messner.

Die Kritik

Neben dem Zeitdruck bleibt die Personalfrage ein Streitthema. Wer soll eigentlich in die Gemeinschaftshäuser? Bei den Fachärzten zeigte sich Messner zuversichtlich. Derzeit würden 240 Fachärzte nach österreichischem Modell in Südtirol ausgebildet. Kritik kommt aber immer noch von der Hausärzteschaft. Zu den schärfsten Kritikern zählt der Landtagsabgeordnete und ehemalige Primar Franz Ploner. Er stellt die grundsätzliche Planung infrage. Zwar seien die Baukosten detailliert ausgewiesen, doch über die späteren Betriebs- und Personalkosten gebe es kaum belastbare Informationen. „Wenn man ein solches System aufbaut, muss das auf Grundlage eines aktuellen Landesgesundheitsplans geschehen“, fordert Ploner. Für Ploner ist das ein erhebliches Risiko. Man errichte neue Strukturen, ohne genau zu wissen, wie diese langfristig betrieben werden sollen. Seine Sorge: Gut gemeinte PNRR-Projekte könnten am Ende dauerhaft hohe Kosten verursachen, die vom Land getragen werden müssen. Ganz anders sieht es natürlich Landesrat Messner: „In den Gemeinschaftshäusern bekommen Menschen schnell Hilfe und zusammen mit den Gemeinschaftskrankenhäusern entlasten diese die Spitäler und vernetzen die Dienste besser.“

Große Hoffnung

Die Debatte berührt eine grundsätzliche Frage. Viele Experten weisen darauf hin, dass das Gesundheitssystem noch immer stark auf Akutversorgung ausgerichtet ist. Behandelt werde oft erst dann, wenn Krankheiten bereits entstanden sind. Prävention spielt dagegen vielerorts eine untergeordnete Rolle. Dabei zeigen zahlreiche Studien, dass Gesundheit eng mit Bildung, Einkommen und sozialem Umfeld zusammenhängt. Menschen mit geringeren Ressourcen nutzen Vorsorgeangebote oft seltener und erkranken häufiger.   Werden genügend Ärzte und Pflegekräfte zur Verfügung stehen? Können die Häuser tatsächlich die Notaufnahmen entlasten? Wie hoch werden die laufenden Kosten sein? Fest steht: Die ersten Gemeinschaftshäuser sind bereits Realität. Die nächsten folgen. Ob sie sich als Meilenstein einer modernen Gesundheitsversorgung erweisen oder als ambitioniertes Bauprojekt mit strukturellen Problemen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die Baustelle gegenüber dem Meraner Krankenhaus steht damit symbolisch für die gesamte Reform: viel Hoffnung, große Investitionen – und noch einige ungelöste Fragen.

INTERVIEW MIT Maria Elisabeth Rieder

 

„Ich fürchte, das wird nichts“

Die Landtagsabgeordnete Maria Elisabeth Rieder (Jahrgang 1965, lebt in Gais) bringt langjährige Erfahrung im Sozial- und Gesundheitswesen mit. Sie arbeitete fast drei Jahrzehnte in der Südtiroler Sanitätsverwaltung und engagierte sich im ASGB-Gesundheitsdienst. Seit 2018 ist sie Mitglied des Südtiroler Landtags (Team K) und setzt sich dort besonders mit Themen rund um Gesundheit, Pflege und soziale Fragen auseinander.

Glauben Sie, dass die Gemeinschaftshäuser tatsächlich die Notaufnahmen entlasten oder schaffen wir nur neue Strukturen, ohne die bestehenden Probleme zu lösen?

Maria Elisabeth Rieder: Ich möchte nicht negativ sein, aber ich fürchte, das wird nichts. Sicherlich ist die Realität in Bozen von der in anderen Teilen Südtirols zu unterscheiden. Es bleibt abzuwarten. Entscheidend wird sein, ob die angekündigten Dienste mit Leben gefüllt werden und ob genügend Personal zur Verfügung steht, damit sie von der Bevölkerung gut genutzt werden können. Hoffentlich wurde nicht viel Geld für Bauten ausgegeben, die dann teilweise leer stehen, weil das Personal fehlt.

„Wie sollen die Gemeinschaftshäuser mit ausreichend Ärzten, Pflegekräften und Fachpersonal betrieben werden, wenn Südtirol bereits heute unter Fachkräftemangel leidet?“

Genau das bezweifle ich auch. Uns fehlen Hausärzt:innen. Wer soll dann in den Strukturen den Dienst versehen? Ärzt:innen aus dem Krankenhaus? Dasselbe gilt für Pflegekräfte: Hier werden derzeit Krankenpfleger:innen eingesetzt, die im Sprengel im Dienst sind – das bringt aber nichts, denn dann werden die Angebote dort reduziert. Das alles ergibt nur dann einen Sinn, wenn wir zusätzliche Stellen schaffen. Aber woher soll das Personal kommen, gerade in Zeiten, in denen die Pensionierungswelle im Sanitätsbetrieb auf Hochtouren läuft?

„Die zwölf geplanten Gemeinschaftshäuser werden über den PNRR und damit über EU-Mittel finanziert.  Sie kritisieren die Finanzierung, die keineswegs gesichert sei.“

Tatsache ist, dass lediglich 6,83 Millionen Euro der Kosten für die zwölf Gemeinschaftshäuser über PNRR-Gelder finanziert werden. Der Rest in Höhe von ca. 16 Mio. Euro muss aus dem Landeshaushalt bestritten werden. Ob die gesamten Gelder aus dem EU-Fonds wirklich ausbezahlt werden, wissen wir noch nicht, denn einige der Gemeinschaftshäuser werden nicht termingerecht fertiggestellt sein. Es ist also durchaus möglich, dass noch mehr dieser Kosten auf die Südtiroler Steuerzahlerinnen und Steuerzahler abgewälzt werden.

„Durch die Trennung der Gesundheitssprengel von den Sozialsprengeln besteht die Gefahr, dass die Zusammenarbeit zwischen medizinischer und sozialer Betreuung geschwächt wird. Wird dadurch nicht gerade jene ganzheitliche Versorgung erschwert, die eigentlich verbessert werden soll?“

Hier sind viele Fragen offen und je nach Standort der Gemeinschaftshäuser sind die Voraussetzungen für die Arbeit wohl auch verschieden. An manchen Stellen sind Sozialsprengel und Gemeinschaftshäuser in derselben Struktur untergebracht. Dort ist eine koordinierte Zusammenarbeit sicherlich einfacher. Andernorts muss die Zukunft zeigen, ob die notwendige Neuorganisation und Zusammenarbeit wirklich eine Verbesserung bringt oder eher für mehr Verwirrung sorgt.

„Kann eine Reform, die auf neue Strukturen setzt, die eigentlichen Ursachen der Krise (Alterung der Bevölkerung, chronische Krankheiten, fehlende Prävention und Personalmangel) überhaupt lösen?“

Eindeutig nein. Statt in zusätzliche Strukturen zu investieren, wäre es wichtiger gewesen, in das Personal zu investieren. Dabei geht es nicht nur um Gehälter, sondern auch darum, Menschen für Gesundheits- und Sozialberufe zu begeistern und die entsprechenden Ausbildungen und Arbeitsbedingungen im Land dementsprechend zu gestalten.

„Was schlagen Sie vor, damit wir auch in Zukunft ein gutes Gesundheitssystem für alle haben und nicht in einem Mehrklassensystem enden?“

Leider ist die Zweiklassenmedizin teilweise bereits Realität. Aufgrund der langen Wartezeiten wechseln diejenigen, die es sich leisten können, bereits zu privaten Einrichtungen. Ganz wichtig ist, dass wir alle einen Hausarzt haben. Dieser sollte wieder „Vertrauensarzt“ sein, die Patienten kennen und natürlich auch ihre Sprache sprechen. Dabei sollte auf Gemeinschaftspraxen gesetzt werden, in denen mehrere Ärzte gemeinsam mit einem Sekretariat arbeiten. Das würde die Arbeit auch attraktiver machen. Ein zweiter Punkt sind natürlich die Wartezeiten. Es ist leider so, dass selbst bei prioritären Visiten, die innerhalb von acht Tagen erfolgen sollten, die Wartezeiten mehrere Monate betragen. Ich glaube, dass sich hier durch ein besseres Vormerkungsmanagement vieles verbessern ließe. Die IT-Infra­struktur ist weiterhin die wohl größte Baustelle im Sanitätsbetrieb. Die Einführung eines einheitlichen Softwareprogramms bereitet große Schwierigkeiten. Statt Verbesserungen hat es teils Verschlechterungen gebracht: Die mangelnde Benutzerfreundlichkeit und die geringe Geschwindigkeit des Systems bedeuten für die Mitarbeitenden einen zusätzlichen Zeitaufwand und erfordern Geduld, die angesichts des großen Arbeits- und Zeitdrucks und der endlosen Wartelisten schwer aufzubringen ist.

INTERVIEW MIT Hubert Messner

 

„Eine der größten Neuordnungen
unseres Gesundheitswesens“

Hubert Messner ist seit 2024 Landesrat für Gesundheitsvorsorge und Gesundheit Dem renommierten Kinderarzt und ehemaligen Primar der Neonatologie am Bozner Krankenhaus liegt die Weiterentwicklung des Südtiroler Gesundheitswesens am Herzen.  Ein zentrales Vorhaben seiner Amtszeit ist der Ausbau der wohnortnahen Gesundheitsversorgung durch Gemeinschaftshäuser und Gemeinschaftskrankenhäuser. Im Interview spricht er über den Stand der Umsetzung, die Herausforderungen und seine Vision für die Gesundheitsversorgung der Zukunft.

„Herr Landesrat, können Sie uns bitte kurz erklären, was ein Gemeinschaftshaus ist?“

Landesrat Hubert Messner: Ein Gemeinschaftshaus ist die erste Anlaufstelle für die wohnortnahe Gesundheitsversorgung. Dort arbeiten verschiedene Berufsgruppen eng zusammen.

Das Angebot reicht von der Allgemeinmedizin, fachärztlichen Leistungen und der Basisdiagnostik über die krankenpflegerische Betreuung und unterschiedlichste Therapieangebote bis hin zu Diensten des Sozialbereichs sowie Beratungsangeboten verschiedener Art. Die Menschen erhalten viele Leistungen an einem Ort, wodurch Wege kürzer werden und die Betreuung besser aufeinander abgestimmt ist. Ein weiterer wichtiger Bestandteil jedes Gemeinschaftshauses ist das Ambulatorium für kleine Dringlichkeiten. Damit können Patientinnen und Patienten auch außerhalb der Ordinationszeiten ihrer Hausärztin oder ihres Hausarztes rasch versorgt werden. Das entlastet gleichzeitig die Notaufnahmen der Krankenhäuser, die sich dadurch stärker auf echte Notfälle konzentrieren können. Die Hausärztinnen und Hausärzte bleiben dabei selbstverständlich die zentrale Anlaufstelle im Gesundheitssystem. Die Gemeinschaftshäuser ergänzen dieses Angebot – insbesondere dann, wenn keine Ordinationszeiten bestehen oder der Hausarzt beziehungsweise die Hausärztin gerade nicht im Dienst ist.

„Und worin unterscheidet sich das Gemeinschaftshaus vom Gemeinschaftskrankenhaus?“

Ein Gemeinschaftskrankenhaus richtet sich hingegen an Patientinnen und Patienten, die keine Behandlung mehr in einem Akutkrankenhaus benötigen, aber noch nicht nach Hause zurückkehren können. Dort erhalten sie eine zeitlich begrenzte medizinische, pflegerische und rehabilitative Betreuung, mit dem Ziel, ihre Selbstständigkeit wiederherzustellen und eine sichere Rückkehr in das häusliche Umfeld zu ermöglichen. Der wesentliche Unterschied liegt also in der Funktion: Das Gemeinschaftshaus stärkt die wohnortnahe Gesundheitsversorgung und begleitet die Menschen im Alltag, während das Gemeinschaftskrankenhaus eine Brücke zwischen Akutkrankenhaus und Rückkehr nach Hause bildet. Beide Einrichtungen sind wichtige Bausteine einer modernen, integrierten Gesundheitsversorgung und arbeiten eng miteinander zusammen.

„Wo sollen diese Strukturen entstehen und wann werden sie ihren Betrieb aufnehmen?“

Die Gemeinschaftshäuser werden schrittweise in ganz Südtirol aufgebaut. Insgesamt entstehen bis 2028 zwölf Gemeinschaftshäuser, wobei wir bestehende Gesundheits- und Sozialsprengel gezielt ausbauen und – wo notwendig – diese mit neuen Baulichkeiten erweitern.  Die ersten Gemeinschaftshäuser sind bereits seit Mai 2026 in Betrieb. Dazu gehören die Standorte Brixen, Bozen Loew-Cadonna, Innichen, Klausen, Mals und Naturns. Im Juni 2026 ist auch das neue Gemeinschaftshaus in Leifers eröffnet worden. Noch in diesem Jahr folgen Bruneck und Sterzing. Für 2027 ist die Eröffnung des Gemeinschaftshauses in Meran vorgesehen, 2028 sollen schließlich noch die neuen Standorte in Bozen und Neumarkt folgen. Je nach Größe und Funktion unterscheiden sich auch die Öffnungszeiten: Die zentralen Hub-Gemeinschaftshäuser sind sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnet. Die kleineren Spoke-Gemeinschaftshäuser stehen der Bevölkerung von Montag bis Samstag jeweils von 8 bis 20 Uhr zur Verfügung.

„Und die drei Gemeinschaftskrankenhäuser?“

Die drei neuen Gemeinschaftskrankenhäuser entstehen in Bozen, Meran und Neumarkt. Die Eröffnung ist für 2027 in Meran sowie für 2028 in Bozen und Neumarkt vorgesehen. Um dieses wichtige Versorgungsangebot jedoch schon jetzt zur Verfügung stellen zu können, wurden bereits im Mai 2026 zwei Übergangs-Gemeinschaftskrankenhäuser am Krankenhausgelände Bozen und Meran in Betrieb genommen. Sie übernehmen bis zur Fertigstellung der Neubauten bereits die Funktion eines Gemeinschaftskrankenhauses mit Intermediärbetten und ermöglichen so einen nahtlosen Ausbau der wohnortnahen Gesundheitsversorgung.

„Kritiker werfen Ihnen vor, dass das gesamte Konzept nicht ausreichend durchdacht sei. Sie bemängeln unter anderem den Personalmangel, offene Fragen bei der Umsetzung sowie eine nicht gesicherte langfristige Finanzierung. Was entgegnen Sie dieser Kritik?“

Ich kann diese Kritik nachvollziehen, aber ich teile sie nicht. Das Konzept der wohnortnahen Gesundheitsversorgung ist von Anfang bis Ende sorgfältig geplant. Natürlich sprechen wir hier von einer der größten Neuordnungen, die unser Gesundheitswesen in den letzten Jahrzehnten gesehen hat. Dass ein solcher Veränderungsprozess Zeit braucht und schrittweise umgesetzt wird, ist völlig normal. Die Finanzierung ist gesichert. Dafür wurden die notwendigen Mittel vorgesehen, und wir setzen die einzelnen Projekte konsequent um. Der Personalbereich ist und bleibt eine Herausforderung – nicht nur in Südtirol, sondern europaweit. Der Fachkräftemangel betrifft das gesamte Gesundheitswesen. Aktuell gelingt es uns jedoch, die neuen Strukturen mit Personal zu besetzen – wir können ja auf das bereits in den Sprengeln vorhandene Personal zurückgreifen. Gleichzeitig arbeiten wir intensiv daran, langfristig noch mehr Fachkräfte für Südtirol zu gewinnen und auszubilden. Dabei spielen die neue Medizinische Fakultät in Bozen, das Ausbildungszentrum Claudiana mit Studentenwohnheim, bezahlte Praktika und zahlreiche weitere Maßnahmen eine wichtige Rolle, den Gesundheitsberuf noch attraktiver zu machen. Im Südtiroler Sanitätsbetrieb absolvieren derzeit außerdem insgesamt fast 270 junge Medizinerinnen und Mediziner ihre Facharztausbildung, sodass wir auch auf ärztlicher Seite davon ausgehen, den Personalbedarf in den kommenden Jahren zunehmend aus eigener Kraft decken zu können. Entscheidend ist, dass wir nicht nur die Herausforderungen von heute lösen, sondern das Gesundheitssystem für die nächsten Jahrzehnte aufstellen. Dafür braucht es eine klare Strategie, eine gute Planung und die Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam in dieselbe Richtung zu arbeiten. Wenn man das große Ganze betrachtet, bin ich überzeugt, dass wir mit dieser Neuausrichtung den richtigen Weg eingeschlagen haben. Stillstand wäre keine Lösung. Unser Ziel ist es, den Menschen auch in Zukunft eine hochwertige, wohnortnahe und verlässliche Gesundheitsversorgung zu garantieren – und dafür gibt es aus meiner Sicht derzeit keinen besseren Weg.

„Geplant ist auch die Einführung einer  Notruf- bzw. Gesundheitsnummer 116117. Wofür ist diese Nummer gedacht und wann wird sie in ganz Südtirol verfügbar sein?“

Die Rufnummer 116117 wird die zentrale Anlaufstelle für alle gesundheitlichen Anliegen sein, die keine Notfälle sind. Wer eine medizinische Frage hat, nicht weiß, an wen er sich wenden soll, oder außerhalb der Ordinationszeiten Unterstützung benötigt, erhält dort rund um die Uhr eine erste fachliche Einschätzung und wird an die passende Versorgungsstelle weitergeleitet. Damit schaffen wir einen einfachen und einheitlichen Zugang zum Gesundheitssystem und entlasten gleichzeitig die Notaufnahmen, damit diese sich auf echte Notfälle konzentrieren können. Der Start erfolgt im späteren Sommer dieses Jahres mit einem Pilotprojekt im Gesundheitsbezirk Bozen. Anschließend wird das Angebot schrittweise auf ganz Südtirol ausgedehnt. Ich sage es mit einem kleinen Augenzwinkern: Inhaltlich wären wir schon seit einiger Zeit startklar. Was uns noch bremst, ist nicht die Organisation, sondern die Technik. Die technischen Voraussetzungen sind komplex und müssen absolut zuverlässig funktionieren – gerade im Gesundheitsbereich. Deshalb nehmen wir uns lieber die Zeit, die notwendig ist, damit die 116117 vom ersten Tag an stabil und verlässlich funktioniert.

„Zum Schluss , wie soll die Gesundheitsversorgung in Südtirol in zehn Jahren aussehen? Welche Veränderungen möchten Sie bis dahin erreicht haben?“

In zehn Jahren wünsche ich mir ein Gesundheitssystem, das noch stärker auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet ist: wohnortnah, gut vernetzt und mit kurzen Wegen für die Bevölkerung. Die Menschen sollen wissen, wo sie die richtige Anlaufstelle für ihr gesundheitliches Anliegen finden – unabhängig davon, ob es um den Hausarzt, das Gemeinschaftshaus, eine fachärztliche Leistung, Pflege oder soziale Unterstützung geht. Gleichzeitig müssen wir unser Gesundheitssystem so aufstellen, dass es auch den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist. Dazu gehören eine älter werdende Bevölkerung, mehr chronische Erkrankungen und der zunehmende Bedarf an Betreuung außerhalb des Krankenhauses. Genau deshalb ist die Stärkung der wohnortnahen Versorgung so wichtig. Mein Ziel ist, dass wir in zehn Jahren ein noch stärker integriertes System haben, in dem Gesundheits- und Sozialdienste eng zusammenarbeiten, digitale Möglichkeiten sinnvoll genutzt werden und wir weiterhin auf hervorragend ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen können. Die großen Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Aber mit den Gemeinschaftshäusern, den Gemeinschaftskrankenhäusern, der Nummer 116117 und den Investitionen in Ausbildung und Personal legen wir heute die Grundlagen dafür. Wenn wir gemeinsam konsequent diesen Weg weitergehen, sichern wir auch für die kommenden Generationen eine hochwertige Gesundheitsversorgung in Südtirol.

Josef Prantl