

Heute kennt kaum noch jemand Cay Lorenz von Brockdorff. Er hat zusammen mit seiner
Frau in der Alten Landstraße in der Villa Lemberg (heute: Villa Verde) in Algund gewohnt.
Bei genauerer Betrachtung der Gräber auf dem Evangelischen Friedhof von Meran fällt auf, dass hier Menschen ganz unterschiedlicher Konfessionen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben: Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirche, orthodoxe Christen, Anglikaner, Katholiken und Angehörige anderer Religionen. Auf einem der Gräber befindet sich eine auffallende Symbolkombination: Oben ist das heilige Sanskrit-Wort „Aum“ zu sehen, darunter eine nach links zeigende Swastika und eine sich in den eigenen Schwanz beißende Schlange sowie zwei ineinander verschlungene Dreiecke und ein altägyptisches Henkelkreuz. Diese Verbindung ist kein Zufall. Es ist das Siegel der Theosophischen Gesellschaft. Die Theosophie ist eine Weltanschauung, die sich selbst als uralte, zeitlose Weisheit versteht. Sie sei keine Religion, sondern alle Religionen finden in ihr Platz. Sie lehrt, dass die Welt nicht führungslos dahintreibt, sondern sich in ihrer Entwicklung nach einem göttlichen Plan vollzieht – ohne persönlichen Gott. Universen entstehen und vergehen als periodische Erscheinungen einer unveränderlichen, nicht-materiellen Wirklichkeit. Die Theosophische Gesellschaft wurde 1875 in New York von der russischen Okkultistin Helena Blavatsky gegründet. Nachdem sie sich etabliert hatte, entstanden weltweit Tochtergesellschaften.
Cay Lorenz von Brockdorff trat ihr 1893 bei und wurde im Jahr darauf Mitbegründer und Sekretär ihres deutschen Ablegers. 1902 gab er seinen Posten aus Altersgründen auf und zog mit seiner Frau Sophie nach Algund.

Theosophen in Tirol
Cay Lorenz Graf von Brockdorff wurde 1844 in Schleswig-Holstein als Sohn eines Landrats und Rittergutsbesitzers geboren. Er war königlich-preußischer Rittmeister und musste daher häufig seinen Wohnort wechseln. Er verehelichte sich vier Mal. Sophie von Ahlefeldt wurde seine erste und dritte Frau. In der Bibliothek der Brockdorffs in Berlin fanden regelmäßig Veranstaltungen und Diskussionen vor kleinem Publikum statt. Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, kam hier mit der Theosophie in Kontakt und hielt einige Vorträge über Nietzsche und Goethe, die interessiert aufgenommen wurden. Die eigentliche Seele dieses kleinen theosophischen Ablegers war Brockdorffs Frau Sophie. Sie wurde in Dänemark geboren und war wie ihr Mann adliger Abstammung. Sie unterstützte Rudolf Steiner finanziell und empfahl ihn als Vortragenden anderen Gruppen. Auf ihre Initiative hin wurde die deutsche Ausgabe des „Vahan“ herausgegeben, der offiziellen Zeitschrift der Theosophischen Gesellschaft. Unter dem Titel „366 Tage im Dienste des häuslichen Herdes“ hat sie zudem ein Kochbuch verfasst. Im Vorwort schreibt sie: „Wer mir in meiner Jugend gesagt hätte, ich würde einmal so eine Art Kochbuch schreiben, dem, glaube ich, hätte ich gerade ins Gesicht gelacht. Und nun gar ein vegetarisches.“ Und so blieb es nicht bei einer Sammlung von Rezepten. Im zweiten Teil des Buches schrieb sie für all jene, die im Essen ein notwendiges Übel sahen, ihre weltanschaulichen Gedanken für die „Denkmaschine Gehirn“ nieder. Als sie 1906 in Algund verstarb, versuchte ihr Mann noch über eine längere Zeit durch ein Medium den Kontakt zu ihr aufrechtzuerhalten. Cay Lorenz stirbt 1921 in Meran. Ihr gemeinsamer Grabstein mit dem theosophischen Symbol befindet sich auf dem erwähnten Evangelischen Friedhof.
Christian Zelger