

Der Fall der „Waldfamilie“ aus Palmoli in den Abruzzen hat in Italien für große Diskussionen gesorgt. Die angloamerikanische Familie lebte dort völlig isoliert in einem Wohnwagen mit ihren Kindern abgeschieden im Wald, ohne schulische oder medizinische Versorgung. Dann griffen die Sozialdienste und das Gericht ein und nahmen die Kinder aus der Familie.
Der Fall hat in Italien eine hitzige Debatte über das Elternrecht und das Kindeswohl ausgelöst. Die Geschichte nahm eine dramatische Wende, als das Jugendgericht in L‘Aquila im März 2026 entschied, die Mutter von ihren Kindern zu trennen und diese in getrennten Heimen unterzubringen. Landesweit wurde über den Schutz von Kindern und die Grenzen staatlicher Eingriffe in Familien gestritten.
Seitdem stehen die Sozialdienste stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Auch bei uns im Burggrafenamt sind es die Sozialsprengel, die in solchen sensiblen Situationen zuständig sind: Sie begleiten Familien, greifen in Krisen ein und versuchen, das Wohl von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu sichern. Ein Einblick in ihre Arbeit zeigt, wie vielfältig und zugleich herausfordernd diese Aufgaben sind.
Vier Sozialsprengel in der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt
Südtirol verfügt über ein breit ausgebautes Netz sozialer Dienste. Insgesamt gibt es acht Sozialdienste in den Bezirksgemeinschaften sowie in Bozen. Diese gliedern sich in zwanzig Sozialsprengel. Jeder Sprengel bietet finanzielle Sozialhilfe, Hauspflege, sozialpädagogische Betreuung und Bürgerservice. Der Sozialsprengel Meran betreut neun Gemeinden mit insgesamt 58.916 Einwohnern. 17 Prozent davon sind minderjährig, 23 Prozent älter als 65 Jahre. Rund 12 Prozent sind Nicht-EU-Bürger. Sitz des Sprengels ist die Romstraße in Meran, geleitet wird er seit 2023 von Angela Giungaio. Im selben Gebäude befindet sich auch der Gesundheitssprengel, der im Gegensatz zum Sozialsprengel nicht der Bezirksgemeinschaft, sondern dem Sanitätsbetrieb zugeordnet ist. Die Zusammenarbeit funktioniere gut und sei wichtig, betont Giungaio. Der Sozialsprengel Meran beschäftigt 47 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ihre Arbeit gliedert sich in drei große Bereiche: sozialpädagogische Grundbetreuung, finanzielle Sozialhilfe und Hauspflege. Ergänzt wird das Angebot durch den Bürgerschalter als erste Anlaufstelle.

Beraten, unterstützen und helfen
Gerade in akuten Situationen – etwa bei einem Pflegefall in der Familie – ist rasche Unterstützung gefragt. Am Bürgerschalter wird über Pflegeversicherung, Notfallhilfe und Betreuungsangebote informiert. Dieses Angebot ist jedoch noch zu wenig bekannt. Ziel ist es, die Dienste und Leistungen des Sprengels stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Im Jahr 2025 wurden beispielsweise 241 Erstberatungsgespräche geführt. Den größten Arbeitsbereich stellt die sozialpädagogische Grundbetreuung dar. Dabei werden Kinder, Jugendliche und Familien in schwierigen Lebenssituationen begleitet. Im Jahr 2025 waren 594 Kinder und Jugendliche betroffen. Die Themen reichen von Gewalt und Missbrauch über soziale Auffälligkeiten bis hin zu familiären Konflikten. Besonders herausfordernd sind Fälle, in denen Minderjährige aufgrund gerichtlicher Entscheidungen betreut oder in Pflegefamilien bzw. Einrichtungen untergebracht werden müssen. „Das sind oft sehr belastende Situationen“, so Giungaio. Auch Erwachsene werden betreut: Insgesamt 978 Personen erhielten 2025 sozialpädagogische Unterstützung und Betreuung. Ein weiterer Schwerpunkt ist die finanzielle Sozialhilfe. Sie umfasst Leistungen für Ernährung, Wohnen und soziale Mindestsicherung. Rund 2 Millionen Euro wurden an Mietzuschüssen und Beiträgen für Wohnungsnebenkosten vergeben. Insgesamt leistete der Sozialsprengel Meran etwa 5 Millionen Euro an Unterstützungsleistungen bei rund 1.000 genehmigten Anträgen, deutlich weniger als 2023. Ein bedeutender Bereich ist zudem die Hauspflege, die im Sprengel Meran von der Caritas bzw. der Stadt Meran selbst übernommen wird. Dazu gehören Pflege zu Hause, Essen auf Rädern, Begleit- und Betreuungsdienste.
Politik und Gesellschaft sind gefordert
Südtirol gilt als wohlhabend, solidarisch und sozial abgesichert. Kaum eine Region Italiens verfügt über ein derart dichtes Netz an sozialen Diensten, freiwilligem Engagement und finanziellen Unterstützungen. Gleichzeitig aber wächst die Sorge: Wer heute in schwierigen Verhältnissen aufwächst, hat es schwerer als früher, seine Lebenssituation entscheidend zu verbessern. Eine aktuelle Studie von Eurac Research, dem Dachverband für Soziales und Gesundheit und dem Arbeitsförderungsinstitut (AFI) sowie ein darauf aufbauendes Beteiligungsprojekt mit Sozialorganisationen zeigt: Südtirol steht sozialpolitisch vor einer entscheidenden Phase. Die Studie spricht von einer Entwicklung, die zum Nachdenken zwingt: Die Aufstiegschancen für jüngere Generationen verschlechtern sich. Vor allem die sogenannten Millennials haben geringere Chancen als frühere Generationen, ihren sozialen Status zu verbessern. Auch im Bildungsbereich zeigt sich ein Muster: Wer Eltern mit Hochschulabschluss hat, studiert deutlich häufiger selbst. Bildung wird also weiterhin vererbt. Gleichzeitig dünnt sich die Mittelschicht aus. Für junge Menschen wird es schwieriger, stabile und gut bezahlte Positionen zu erreichen.

Reiches teures Land
Südtirol gehört zu den Regionen mit den höchsten Lebenshaltungskosten Italiens. Besonders Wohnen, Energie und Alltagsgüter sind deutlich teurer als in vielen Nachbarregionen. Die Löhne sind jedoch nicht im gleichen Maß gestiegen. Jeder sechste Südtiroler lebt an der relativen Armutsgrenze. Hinzu kommt ein wachsendes Problem: Einsamkeit. Josef Haspinger, Zentralratspräsident der Vinzenzgemeinschaft, beschreibt die Situation deutlich: Armut habe viele Gesichter. Niemand müsse in Südtirol hungern, aber viele könnten sich Wohnen oder den Alltag kaum leisten. Not bleibe oft verborgen, weil sich Betroffene schämen.
Es braucht eine neue Sozialpolitik
Trotz der Herausforderungen gilt Südtirol weiterhin als solidarische Gesellschaft. Freiwilligenarbeit, Spendenbereitschaft und Nachbarschaftshilfe sind stark ausgeprägt. Die Hilfsbereitschaft ist weiterhin groß. Gleichzeitig nimmt aber die Entsolidarisierung zu. Die steigende Lebenserwartung stellt das System vor Herausforderungen. Immer mehr Menschen benötigen Pflege, gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Werner Steiner vom KVW fordert deshalb eine neue Sozialpolitik. Besonders wichtig sei ein starkes öffentliches Gesundheitssystem und mehr Lohngerechtigkeit. Südtirol stehe an einem Wendepunkt.
Josef Prantl
Der Sozialsprengel Meran, der zur Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt gehört, betreut die Gemeinden Meran, Algund, Tirol, Schenna, Marling, Hafling, Riffian, Kuens und Vöran. Seit 2023 leitet die Soziologin Angela Giungaio den Sprengel in der Romstraße.

Angela Giungaio
Frau Guingaio, welche Personengruppen suchen derzeit am häufigsten Unterstützung beim Sozialsprengel? Hat sich das in den letzten Jahren verändert?
Angela Giungaio: Der Sozialsprengel wird derzeit vermehrt von älteren Menschen in Anspruch genommen, die Unterstützung im Alltag benötigen – etwa aufgrund von Pflegebedürftigkeit, chronischen Erkrankungen oder zunehmender Einsamkeit.
Eine weitere zentrale Personengruppe sind Familien in belastenden Lebenssituationen. Dazu zählen insbesondere Familien mit strittigen Trennungen, Gewaltsituationen im häuslichen Umfeld, miterlebter Gewalt bei Minderjährigen sowie Erziehungs- und Überforderungssituationen. In diesen Fällen stehen der Schutz und das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt, ebenso wie die Stabilisierung des familiären Alltags. Auch Alleinerziehende, Menschen mit niedrigem Einkommen, prekären Wohnsituationen oder Migrationshintergrund wenden sich vermehrt an den Sozialsprengel, vor allem wegen Beratungs- und Unterstützungsbedarf im Umgang mit Behörden und sozialen Sicherungssystemen. In den letzten Jahren haben sich die Anfragen deutlich verändert.
Während klassische Pflege- und Betreuungsleistungen weiterhin einen großen Stellenwert haben, ist der Bedarf an Unterstützung für Familien in Krisen- und Konfliktsituationen spürbar gestiegen. Der Kinderschutz spielt eine zentrale und verbindende Rolle in der Arbeit des Sozialsprengels.
Insgesamt zeigt sich, dass die Anliegen komplexer geworden sind: Die Menschen kommen seltener mit einem einzelnen Problem, sondern mit mehrschichtigen sozialen, familiären und finanziellen Herausforderungen. Dadurch hat sich die Arbeit im Sozialsprengel in den letzten Jahren verstärkt in Richtung ganzheitlicher Begleitung, Prävention, Krisenintervention, Kinderschutz und präventiver Unterstützung entwickelt.
Kommen Unterstützungsleistungen schnell genug bei den Betroffenen an oder erschweren Bürokratie und Personalmangel den Zugang?
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Bürokratie und Personalmangel den raschen Zugang zu Unterstützungsleistungen durchaus erschweren. Formale Vorgaben, Zuständigkeiten und begrenzte personelle Ressourcen führen in manchen Fällen zu Verzögerungen, insbesondere bei komplexen Problemlagen oder hohem Fallaufkommen. Gleichzeitig ist es uns ein großes Anliegen, in akuten und belastenden Situationen möglichst rasch zu handeln. Um trotzdem zeitnah helfen zu können, arbeiten wir eng mit dem dritten Sektor, also mit Vereinen, sozialen Organisationen und niederschwelligen Angeboten, zusammen. Diese Kooperationen ermöglichen es, unbürokratische und flexible Unterstützung bereitzustellen, während parallel die formalen Schritte abgeklärt werden.
In welchen Bereichen stoßen die sozialen Dienste derzeit an ihre Grenzen?
Die sozialen Dienste stoßen derzeit vor allem in jenen Bereichen an ihre Grenzen, in denen Ressourcen auf dem Territorium fehlen oder nicht im notwendigen Ausmaß vorhanden sind. Dazu gehört in erster Linie der Mangel an personellen und strukturellen Kapazitäten, der es erschwert, auf steigende und komplexer werdende Anfragen zeitnah und kontinuierlich zu reagieren. Besonders bei intensiven Begleitprozessen geraten Fachkräfte zunehmend an Belastungsgrenzen. Ein weiterer zentraler Engpass betrifft die Verfügbarkeit von passenden Unterstützungsangeboten. Für bestimmte Zielgruppen – etwa Familien in Krisensituationen, Menschen mit Mehrfachbelastungen oder Personen mit hohem Betreuungsbedarf – fehlen oft niederschwellige, flexible und längerfristige Angebote. Bestehende Angebote sind häufig ausgelastet, Wartelisten lang oder die Zugangsbedingungen zu hochschwellig. Besonders dramatisch zeigt sich die Situation im Bereich der Wohnnot. Der Mangel an leistbarem Wohnraum stellt ein erhebliches Hindernis für nachhaltige soziale Stabilisierung dar. Ohne angemessene Wohnlösungen stoßen auch gut geplante Unterstützungsmaßnahmen schnell an ihre Grenzen, da grundlegende Sicherheit und Kontinuität fehlen. Übergangslösungen sind oft nur kurzfristig verfügbar und reichen bei weitem nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf abzudecken.
Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft, um die soziale Situation im Raum Meran nachhaltig zu verbessern?
Um die soziale Situation im Raum Meran nachhaltig zu verbessern, ist aus meiner Sicht das Engagement der Bevölkerung der wichtigste Faktor. Ein aufmerksames, solidarisches Umfeld kann frühzeitig Belastungen wahrnehmen, Unterstützung anbieten und dazu beitragen, dass Menschen nicht vereinsamen oder in Krisen unsichtbar bleiben. Nachbarschaftliche Hilfe, ehrenamtliches Engagement, Zivilcourage und die Bereitschaft hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen sind zentrale Grundlagen für sozialen Zusammenhalt.
Viele schwierige Situationen lassen sich nur dann entschärfen, wenn Gesellschaft als Ganzes mitträgt und soziale Herausforderungen nicht delegiert oder tabuisiert werden. Im Anschluss daran richten sich meine Wünsche an die Politik, insbesondere im Hinblick auf verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen für soziale Arbeit. Es braucht ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen, den gezielten Ausbau dringend benötigter Angebote sowie konkrete Maßnahmen gegen Wohnungsnot, die viele soziale Interventionen derzeit erheblich erschwert.
Interview: Josef Prantl
Reinhard Bauer ist Vorsitzender des Sozialausschusses der SVP-Meran und Referent in der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt. Er beschäftigt sich u.a. mit sozialen Themen wie Wohnen, Familie, Pflege, Menschen mit Beeinträchtigung, Integration und soziale Dienste und arbeitet u. a. an Projekten wie Chancenhaus, Gewaltprävention und Unterstützung für Bedürftige.

Reinhard Bauer.
Südtirol steht sozialpolitisch vor großen Herausforderungen. Der Wohlstand ist sichtbar, gleichzeitig nehmen Ungleichheiten zu. Wie muss die Politik gegensteuern, damit Armut nicht weiterwächst?
Reinhard Bauer: Die Frage ist, ob Ungleichheiten tatsächlich zunehmen – oder ob sich unser Blick darauf verändert hat. Wenn ich mir die Entwicklung über zwei Generationen ansehe, dann haben wir einen enormen Wohlstandszuwachs erlebt. Unsere Erwartungen sind heute zurecht höher als die unserer Eltern und Großeltern. Den Lebensstandard zu halten, ist wichtig. Umso wichtiger wird es, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Sozialpolitik rundherum neu auszurichten. Wir haben bereits viele Instrumente, die gut funktionieren – von der Mindestabsicherung über Mietbeiträge bis hin zum Pflegegeld. Diese Maßnahmen sind Ausdruck eines funktionierenden Systems.
Studien zeigen, dass vor allem jüngere Generationen geringere Aufstiegschancen haben. Welche politischen Maßnahmen halten Sie hier für besonders wichtig?
Ein zentraler Hebel ist das Thema Wohnen. Wenn ein großer Teil des Einkommens für Miete oder Finanzierung aufgewendet werden muss, bleibt wenig Spielraum – weder für persönliche Entwicklung noch für Familienplanung.
Gleichzeitig braucht es stabile Rahmenbedingungen: gute Ausbildung, Unterstützung beim Einstieg ins Berufsleben und Sicherheit in Übergangsphasen. Aufstieg passiert nicht von selbst, er braucht Voraussetzungen. Und wir müssen auch ehrlich sein: Ja, wir haben Vollbeschäftigung. Aber die Interessen und Erwartungen der jungen Generation haben sich verändert. Viele orientieren sich an akademischen Berufsbildern – und das ist legitim. Deshalb müssen wir in Südtirol auch entsprechende Perspektiven bieten, wie den NOI Techpark. Tourismus und Landwirtschaft sind wichtige Säulen, sie stoßen hier jedoch an Grenzen, da sie diese Entwicklungsmöglichkeiten nicht bieten können. Umso mehr braucht es ein breiter aufgestelltes wirtschaftliches Umfeld, das jungen Menschen echte Chancen eröffnet.
Armut ist in Südtirol oft unsichtbar. Viele versuchen mitzuhalten, obwohl sie finanziell unter Druck stehen. Wird dieses Problem politisch ausreichend wahrgenommen?
Ich glaube, wir nehmen das Problem durchaus wahr, die Zahlen und Statistiken der Sozialsprengel sind ein Indiz dafür. Aber es stimmt: Armut in Südtirol ist selten laut. Viele Menschen versuchen, mitzuhalten – und geraten dabei unter Druck. Ich sehe das auch in meiner Arbeit im Verbraucherschutz: Wie schnell Konsumkredite aufgenommen werden und wie schwierig es dann wird, diese Belastungen dauerhaft zu tragen. Gleichzeitig muss man sagen: Wir verfügen über ein soziales Netz, das grundsätzlich gut funktioniert. Aber es gibt viele Baustellen. Eine zentrale Aufgabe wird es sein, den Mittelstand zu stabilisieren – etwa durch leistbares Wohnen, faire Einkommen und funktionierende Dienste.
Trotz des Wohlstands wachsen Armut und Vereinsamung, gleichzeitig steigt der Pflegebedarf. Wie kann die Politik auf diese Entwicklung reagieren?
Sie sprechen hier einen der zentralen Punkte der nächsten Jahre an. Wir haben aktuell ein System, das noch funktioniert – allein für die Pflegesicherung werden jährlich rund 270 Millionen Euro aufgewendet. Das ist ein starkes Zeichen dafür, welchen Stellenwert dieses Thema bei uns hat. Aber dieses System basiert auf Rahmenbedingungen, die sich gerade grundlegend verändern.
Die geburtenstarken Jahrgänge (Boomer) gehen in den nächsten Jahren in Pension – und mit ihnen steigt der Pflegebedarf entsprechend an. Gleichzeitig werden die familiären Strukturen kleiner, die Möglichkeiten zur Pflege im eigenen Umfeld nehmen ab, und der Fachkräftemangel könnte sich verschärfen, reagieren wir nicht konsequent. Das bedeutet: Wir steuern auf eine Situation zu, in der ein System, das heute noch trägt, morgen mit Sicherheit unter Druck gerät. Deshalb ist es aus meiner Sicht notwendig, das bestehende Modell rechtzeitig weiterzuentwickeln. Eine zumindest ergänzende Pflegeversicherung – breit getragen von mehreren Akteuren – wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Zunächst nicht als Ersatz, sondern als zusätzliche Säule, um die Finanzierung langfristig abzusichern.
Wo sehen Sie derzeit die größten sozialpolitischen Baustellen im Burggrafenamt?
Die Themen Wohnen, Familie und Pflege. Wie schwierig ist es z. B., zeitnah einen Platz in einem Pflegeheim zu bekommen? Dann aber auch die Wohnungslosigkeit bei jungen Erwachsenen oder Familien in Not? Mit dem Chancenhaus schließen wir hier eine klare Lücke: Es bietet Menschen in Not nicht nur ein Dach, sondern echte Perspektiven und verhindert, dass sich Probleme verfestigen. Am Ende geht es um eine Grundfrage: Sind wir bereit, in das zu investieren, was unsere Gesellschaft zusammenhält?
Interview: Josef Prantl