

Grenzen existieren nur in deinem Kopf – bist du bereit, sie zu sprengen und dein volles Potenzial zu entfalten? Ein Interview zu verschiedenen Aspekten mit der Neuromentaltrainerin Doris Ebner.
Die Olympioniken in Mailand-Cortina haben uns gezeigt, zu welchen Höchstleistungen der Mensch fähig ist.
Frau Ebner, in Ihrem Ansatz als Neuromentaltrainerin betonen Sie, dass wir alle das Potential haben, über uns hinauszuwachsen, weil wir im Alltag oft weniger eingeschränkt sind, als wir glauben. Welche mentalen Techniken oder Denkansätze können „normale“ Menschen von diesen Spitzensportlern übernehmen, um im eigenen Alltag dieses verborgene Potential zu aktivieren und Grenzen zu verschieben?
Doris Ebner: Viele Grenzen existieren nur in unserem Kopf. Unser Leben wird stark davon beeinflusst, was in unserem Unterbewusstsein gespeichert ist: Glaubenssätze, Muster, Erinnerungen und nicht zuletzt auch innere Dialoge, die wir in einem fort mit uns selbst führen. Ein erster wichtiger Schritt besteht deshalb darin, dass wir das, was uns meist völlig unbemerkt durch den Kopf geht, hinterfragen. Stimmt es wirklich, dass ich das oder jenes nicht kann, zu schwach oder zu wenig kompetent bin, oder glaube ich das vielleicht nur, weil ich mich selbst davon abhalte, das Gegenteil zu beweisen? Wachstum passiert außerhalb der Komfortzone, dort, wo es oft unsicher und vielleicht auch manchmal unangenehm wird.
Alltagsroutine gegen
Wachstum
Im Alltag fühlen wir uns oft durch Routinen und Pflichten gefangen. Die Athleten in Cortina hingegen leben in einer extrem fokussierten und strukturierten Welt, die ganz auf Wachstum und Spitzenleistung ausgerichtet ist.
Wo sehen Sie den größten Hebel für Menschen im Berufs- und Familienalltag, um aus der „Eingeschränktheit“ der Routine auszubrechen und Raum für persönliches „Über-sich-hinauswachsen“ zu schaffen – ohne ihr ganzes Leben umzukrempeln?
Veränderung – und damit auch „Höchstleistung“ – beginnt oft ganz klein. Der größte Hebel liegt daher im Etablieren neuer Gewohnheiten, um alte hinter sich lassen zu können. Wir müssen uns die Frage stellen, was notwendig ist, um unsere Ziele zu erreichen, und dann legen wir los. In ganz kleinen Schritten. Manchmal genügt es, eine einzige Kleinigkeit anders zu machen als bisher, sprich fünf oder zehn Minuten am Tag zu investieren, um Großes zu erreichen. Wichtig aber ist, dranzubleiben. Denn Wiederholung und Konsequenz sind der Schlüssel zum Erfolg.
Der Zwang zum Erfolg
Bei den Spielen sahen wir Athleten, für die jahrelang alles diesem einen Ziel untergeordnet war. In unserer Gesellschaft gibt es oft ein ähnliches Gefühl: Wir „müssen“ erfolgreich sein, „müssen“ bestimmte Ziele erreichen.
Sie fragen kritisch: „ist es das tatsächlich wert?“ Wie können wir aus mentaler Sicht unterscheiden, ob wir ein Ziel aus echter innerer Motivation verfolgen oder ob wir einem fremdbestimmten „Müssen“ folgen, das uns letztlich nicht erfüllt?
Auf den ersten Blick ist dies manchmal wirklich nicht ganz leicht, zu unterscheiden. Es kann jedoch gelingen, wenn wir bereit sind, tiefer zu gehen. Hilfreich ist dabei die Frage nach dem Warum. Warum will ich dieses Ziel wirklich erreichen? Was bringt es mir, wenn ich das Ziel erreicht habe? Meist merkt man dann relativ bald, ob sich dahinter ein persönliches Bedürfnis sowie der Wunsch, die eigenen Werte zu leben, verbirgt oder ob das Ganze an der Oberfläche bleibt, weil kein wirklicher Motor da ist, der uns antreibt.
Wert gegen Pflicht
Wir haben Athleten gesehen, die trotz Nichterfüllung ihrer Medaillen-Erwartung strahlten, und andere, die mit einer Silbermedaille unzufrieden wirkten.
Wie definiert man aus neuromentaler Sicht den „Wert“ eines Zieles? Welche Fragen sollte sich jeder stellen, um zu prüfen, ob der eingeschlagene Weg und der Druck, den er aufbaut, den potentiellen Gewinn an Lebensqualität wirklich wert sind?
Den tatsächlichen Wert eines Zieles zu definieren, ist in diesem Zusammenhang nicht einfach, da es viel mit subjektivem Empfinden zu tun hat. Aber wie es der Begriff schon sagt: Auch hier kann die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten Aufschluss geben. Wir alle orientieren uns nach verschiedenen Werten, die wir unbewusst unterschiedlich gewichten. Wenn ein Ziel damit ganz eng verbunden ist, ist das Bedürfnis, es zu erreichen viel größer und wir sind eher bereit, Herausforderungen anzunehmen.
Lernen vom Umgang
mit Druck
Die Olympischen Spiele sind der
Inbegriff von ultimativem Leistungsdruck. Gleichzeitig zeigen die besten Athleten oft eine scheinbare Leichtigkeit.
Wie können wir diese Fähigkeit, mit enormem Druck (ich muss das jetzt schaffen“) umzugehen, auf die Druck-Situationen in unserem Berufs- und Privatleben übertragen? Was ist der erste Schritt, um aus einem lähmenden „Müssen“ in ein kraftvolles und freieres „Wollen“ zu kommen?
Ein wichtiger Faktor ist sicherlich, das Selbstwertgefühl nicht vom äußerlichen Erfolg abhängig zu machen und auch mit Fehlern konstruktiv umgehen zu lernen. Es sollte möglich sein, ein Scheitern nicht mit persönlichem Versagen gleichzusetzen. Diese Einstellung nimmt viel Druck von uns und sorgt im Umkehrschluss wieder dafür, dass wir mehr riskieren und geben können. In Fehlern und Fehlversuchen liegt die größte Chance auf Wachstum – auch wenn es nicht immer und in jedem Zusammenhang einfach ist, das zu akzeptieren.
Markus Auerbach