
Des Menschen bester Freund soll er sein. Das Schnurren von Katzen soll beruhigend wirken und zur Stressreduktion beitragen, lese ich. Neben Hunden und Katzen werden vermehrt auch exotische Tiere angeschafft. Partnerersatz und Seelentröster zu sein, ist allerdings nicht ihre Berufung.
Die Zunahme von Haustieren, insbesondere während der Corona-Pandemie, hat zu einer Reihe von Problemen geführt, die ökologische, soziale und tierschutzrechtliche Aspekte betreffen. Wussten Sie, dass ein durchschnittlicher Hund in 13 Jahren etwa 2000 Liter Urin und 1000 kg Kot produziert, was zu Stickstoff- und Schwermetallbelastungen führt? Der Fleischkonsum von Haustieren in den USA entspricht dem des fünftgrößten fleischverbrauchenden Landes der Welt. Der illegale Welpenhandel über das Internet hat deutlich zugenommen. „Das ähnelt einem Marktplatz wie auf Amazon“, sagt Siliva Piaia. Katzen stellen eine erhebliche Bedrohung für die Vogelwelt dar. „Viele Halter fühlen sich mit der Pflege, dem Zeitaufwand und den Kosten überfordert“, bestätigt die Präsidentin des Tierschutzvereins „Tierheim Naturns“. Wir sind ein Land der Tierfreunde. Auf den ersten Blick mag das stimmen: Zahlreiche Vereine kümmern sich um streunende Katzen, organisieren Kastrationsaktionen, vermitteln Tiere in neue Familien.
Doch wir haben ein Problem: Es gibt nur ein richtiges Tierheim. „Tierschutz ist Regierungspflicht“, lautet das Motto des Welttierschutztages, der am Geburtstag des Heiligen Franz von Assisi am 4. Oktober alljährlich begangen wird. Wie steht es nun um den Tierschutz bei uns?
Tierschutz als gesetzliche Aufgabe
Der Schutz von Tieren ist in Südtirol rechtlich eigentlich gut geregelt. Grundlage bildet das Landesgesetz Nr. 9 aus dem Jahr 2000 über „Maßnahmen zum Schutz der Tierwelt und zur Unterbindung des Streunens von Tieren“. Ergänzt wird es durch eine Durchführungsverordnung des Landeshauptmannes aus dem Jahr 2013. Ein wichtiger Bestandteil dieser Regelungen ist die Kennzeichnung und Registrierung von Tieren. Dabei geht es nicht um Bürokratie. Vielmehr sollen Tierseuchen verhindert, Tierbewegungen nachvollziehbar und illegale Tiertransporte erschwert werden. Nutztiere, etwa Rinder, Schafe, Ziegen oder Schweine, müssen in der Landes-Viehdatenbank registriert werden. Bei Haustieren gelten andere Regeln. Hunde müssen verpflichtend in der Datenbank des Sanitätsbetriebs registriert werden, Katzen und Frettchen können eingetragen werden. Seit 2022 müssen Hundewelpen bei der Registrierung auch genetisch profiliert werden. Seit 2024 gilt diese DNA-Pflicht für alle dauerhaft in Südtirol gehaltenen Hunde.
Starkes Ehrenamt
Praktisch wird Tierschutz bei uns aber großteils von ehrenamtlichen Vereinen umgesetzt. Der erste Verein dieser Art war der „Südtiroler Tierfreundeverein“. Auf ihn geht auch ein erstes Tierheim zurück, in Naturns in den 1980er Jahren. In der westlichen Landeshälfte sind der „Tierschutzverein Vinschgau“ und das „Tierheim Naturns“ sehr aktiv ist. Ähnliche Initiativen gibt es im Überetsch, im Unterland und im Burggrafenamt, etwa „RespekTiere“ oder „FAUNA- Tierschutzverein Südtirol“.
„Für viele von uns ist das mehr als ein Hobby, Tierschutz ist eine Lebenseinstellung“, sagt Silvia Piaia.
Es fehlen Tierheime
So stark das Engagement der Vereine auch ist, die Infrastruktur bleibt begrenzt. In Südtirol gibt es im Moment nur zwei Tierheime, die Tiere dauerhaft aufnehmen können. Eigentlich aber steht das Landestierheim in der Sill in Bozen auf weiter Flur allein da. Es wird vom Sanitätsbetrieb geführt, versorgt Hunde, Katzen und andere Heimtiere medizinisch, vermittelt sie an Familien. Ein weiteres Tierheim ist das Tierheim Obervintl im Pustertal. Gerade im Burggrafenamt und im Vinschgau ist die Situation besonders schwierig. Viele Tiere müssen nach Bozen gebracht werden, nachdem das Tierheim Naturns seine Tore geschlossen hat.
Ein Auf und Ab
2006 wurde der Verein „Neue Freunde des Tierheimes Naturns“ gegründet und übernahm Anfang 2007 das kleine Tierheim in Naturns/Plaus. Über Jahre hinweg wurden dort Hunde und Katzen aufgenommen, gepflegt und vermittelt. Nach internen Schwierigkeiten musste der Standort in Naturns aufgegeben werden. Eine Übergangslösung fand sich im Ultental. Silvia Piaia, Präsidentin des Vereins, erinnert sich: „Innerhalb weniger Wochen mussten wir raus aus Naturns – und gleichzeitig eine neue Struktur schaffen.“ Der Standort war jedoch nie als Dauerlösung gedacht. Das Tierheim konnte maximal acht Hunde aufnehmen, Katzen konnten aus Platzgründen nicht mehr betreut werden.
Politischer Streit um einen Standort
Der Kampf um einen geeigneten Standort in der westlichen Landeshälfte ist alt. Über Jahre hinweg wurden verschiedene Standorte diskutiert – unter anderem in Gargazon, in den Tisner Auen oder im Raum Meran. Doch immer wieder scheiterten die Projekte. Auch politisch wurde das Thema mehrfach diskutiert. Landtagsabgeordnete forderten ein Tierheim für den Westen Südtirols und kritisierten, dass entsprechende Zusagen der Landesregierung bisher nicht umgesetzt wurden. Für viele Tierschützer ist das schwer nachvollziehbar. Bezeichnend, dass der zuständige Landesrat Luis Walcher zu einem Interview nicht bereit war.
Ein weiteres Problem im Tierschutz ist die Verantwortung der Tierhalter. Immer wieder berichten Vereine von Tieren, die abgegeben werden, weil sie zu viel Arbeit machen, weil Menschen umziehen oder weil die Familie keine Zeit mehr hat. In sozialen Netzwerken reagieren Tierschützer zunehmend frustriert. Eine Nutzerin schreibt: „Ich habe es wirklich satt: Menschen geben ihre Tiere ohne Verantwortung her.“ Der Tierschutz in Südtirol zeigt zwei Gesichter: Auf der einen Seite stehen engagierte Menschen, die sich mit Herzblut für Tiere einsetzen. Auf der anderen Seite stehen strukturelle Probleme: zu wenige Tierheime, steigende Kosten und lange politische Entscheidungsprozesse.
Gerade im Westen des Landes wird deutlich, wie groß die Lücke ist. Silvia Piaia bringt es auf den Punkt: „Tiere haben keine Stimme, deshalb müssen wir Menschen für sie sprechen. Wie viel ist einer Gesellschaft der Schutz von Tieren wert?“
„Tierschutz wird zu wenig ernst genommen“
Silvia Piaia ist eine der vielen Stimmen im Tierschutz in Südtirol und seit acht Jahren Präsidentin des Vereins „Tierheim Naturns“. Sie kämpft schon lange dafür, dass im Westen des Landes endlich wieder ein dauerhaftes Tierheim entsteht.
Frau Piaia, was bedeutet es für Tiere und Vereine, dass es im Burggrafenamt kein Tierheim gibt?
Silvia Piaia: Es fehlt eine klare Struktur und Koordination. Dadurch sind unsere Möglichkeiten zu helfen begrenzt. Besonders schwierig ist die Situation bei problematischen Hunden oder bei schwerwiegenden Tierschutzfällen. Solche Fälle können von Amts wegen oft gar nicht konsequent angegangen werden, auch weil oft unklar ist, wohin mit den Tieren. In Südtirol sind wir inzwischen an einem Punkt gelangt, an dem Hunde mit Verhaltensauffälligkeiten oder solche, die keine Familie finden, teilweise außerhalb der Provinz untergebracht werden müssen. Das einzige Landestierheim in Bozen in der Sill ist überfüllt. Gleichzeitig haben wir es heute immer häufiger mit problematischen Hunden zu tun, mit schwierigen Charakteren, die dringend eine professionelle Verhaltensrehabilitation bräuchten.
Sie haben mehrfach betont, dass die Suche nach einem neuen Standort immer wieder gescheitert ist. Woran liegt das?
Das Problem scheitert vor allem an den Gemeindestuben. Der Tierschutz wird dort oft zu wenig ernst genommen. Sobald ein geeignetes Grundstück gefunden wird, gibt es sofort Widerstand von angrenzenden Grundbesitzern. Insgesamt hat man den Eindruck, dass die Bedeutung des Tierschutzes politisch noch immer zu wenig erkannt wird. Ich würde zum Beispiel das ehemalige Militärpulverlager in Tirol als möglichen Standort für ein Tierheim im Westen Südtirols sehen. Allerdings wird dieser Vorschlag von politischer Seite bislang abgelehnt. Bereits seit März 2018 suchen wir nach einer Lösung. Seitdem bemühen wir uns, einen geeigneten Standort für ein Tierheim zu finden. Doch immer wieder werden von politischer Seite Gründe genannt, die das Projekt verhindern.
Tierschutzvereine berichten von Tieren, die abgegeben oder ausgesetzt werden. Hat sich das Verhalten der Tierhalter in den letzten Jahren verändert?
Im Jahr 2007 hat unser Verein das Tierheim in Plaus/Naturns übernommen. Damals waren dort vor allem ältere Hofhunde untergebracht – Arbeitshunde, die ausgedient hatten und meist relativ unkompliziert zu halten waren. Auch viele Katzen wurden betreut. Seitdem hat sich die Situation stark verändert. Heute kommen deutlich mehr sogenannte Kampfhunde oder generell schwieriger zu haltende Hunde ins Tierheim in die Sill. Gleichzeitig werden insgesamt viel mehr Hunde gehalten als früher. Manche Menschen besitzen sogar zwei oder mehr Hunde oder Katzen. Viele Tiere stammen von privaten Verkäufern aus dem In- und Ausland. Der Hundekauf ist heute oft fast so einfach wie eine Bestellung auf Amazon. Sogenannte Familienhunde werden schnell vermittelt, ohne dass immer ausreichend geprüft wird, ob die Tiere wirklich zur jeweiligen Familie passen. So landen Hunde in Haushalten, in denen sie eigentlich nicht gut aufgehoben sind – und früher oder später im Tierheim. Mit den streunenden Katzen ist es problematisch, wo niemand mehr nachschaut. Dort, wo Vereine aktiv sind, wird viel kontrolliert und geholfen. In Gegenden ohne funktionierende Tierschutzstrukturen kann es hingegen passieren, dass sich Katzenpopulationen stark vermehren und Würfe entstehen, die kaum mehr zu bewältigen sind. Ein weiteres Problem sind Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Betriebe, bei denen die Besitzer oft nicht bereit sind, ihre Katzen sterilisieren zu lassen. Dadurch tragen sie ungewollt dazu bei, dass die Katzenpopulation immer weiter wächst.
Wenn Sie einen Wunsch an Politik und Gesellschaft formulieren könnten: Was müsste passieren, damit der Tierschutz in Südtirol langfristig besser funktioniert?
Notwendig wäre ein gemeinsamer Arbeitstisch zwischen den Ehrenamtlichen vor Ort, der Politik sowie den zuständigen Ämtern auf Landes- und Gemeindeebene. Meiner Ansicht nach gehört der Tierschutz auch in den Zuständigkeitsbereich des Umweltressorts und nicht in den der Landwirtschaft.
Interview: Josef Prantl
„In den Tisner Auen sehen wir den passenden Standort“
Seit vielen Jahren setzt sich Bezirksreferent Reinhard Bauer (SVP Meran) für ein Tierheim in der westlichen Landeshälfte ein. Zahlreiche Lokalaugenscheine mit politischen Verantwortlichen haben bereits stattgefunden, doch eine endgültige Lösung steht noch aus.
Herr Bauer, seit Jahren gibt es politische Versprechen, ein dauerhaftes Tierheim für den Westen Südtirols zu schaffen. Warum ist aus Ihrer Sicht bisher keine konkrete Entscheidung gefallen, obwohl sowohl Vereine, Landtagsabgeordnete und vor allem auch Sie wiederholt betonen, dass der Bedarf groß ist?
Reinhard Bauer: Der Bedarf war nie das Problem – der war immer klar und unbestritten. Die Herausforderung lag darin, einen Standort zu finden, der nicht nur technisch passt, sondern auch politisch und gesellschaftlich getragen wird. Und genau dort lag über Jahre der Knackpunkt: Jeder Standort hat neue Konflikte ausgelöst – entweder wegen der Nähe zu Wohngebieten oder weil er zu abgelegen war. Ein Tierheim ist eben kein Projekt, das man am Reißbrett entscheidet. Es greift in Lebensräume ein, schürt Ängste und Vorurteile. Es betrifft Gemeinden direkt und braucht deshalb Akzeptanz vor Ort. Und diese Akzeptanz gab es in dieser Form lange nicht – egal wie passend ein Vorschlag auch war. Der Unterschied zu heute ist: Wir haben diesen Punkt erkannt und den Zugang verändert – weg vom schnellen Vorschlag hin zu einem abgestimmten, gemeinsamen Prozess.
Sie haben viele Vorschläge für konkrete Standorte gemacht. Woran sind Ihre Vorschläge bisher gescheitert?
Ich würde das ganz bewusst nicht als Scheitern bezeichnen, im Gegenteil: Von Scheitern kann nur die Rede sein, wenn aufgegeben wird – und genau das ist nicht geschehen. Wir haben zahlreiche Standorte geprüft – darunter auch sehr geeignete. Dabei hat sich aber immer wieder gezeigt, wo die Grenzen liegen: Entweder gab es nachvollziehbare Einwände aus den Gemeinden, von Interessensgruppen und Bürgern oder es bestanden verschiedene Konflikte mit anderen Nutzungen. Genau aus diesen Erfahrungen haben wir den Zugang verändert. Wir sind bewusst weg davon, auf einen konkreten Standort hinzuarbeiten und zu hoffen, dass er durchgeht. Wir haben stattdessen die Gemeinden früh eingebunden und Einzugsgebiete systematisch bewertet. Denn einen Standort zu fordern ist einfach – ihn dort umzusetzen, wo er tatsächlich entstehen soll, ist die eigentliche Herausforderung. Und das ist der entscheidende Unterschied: Heute stehen wir nicht mehr bei null, sondern auf einer fundierten Grundlage, die politisch tragfähig ist.
Sie geben nicht auf: Wo sehen Sie einen möglichen Standort für ein Tierheim im Burggrafenamt – und wann könnte es Realität werden?
Wir sehen aktuell in den Tisner Auen, im Einzugsgebiet der Vergärungsanlage, eine sehr konkrete und realistische Möglichkeit. Und das Entscheidende ist nicht nur das Areal selbst, sondern das Umfeld: Die Standortgemeinde Lana und die umliegenden Gemeinden stehen grundsätzlich hinter diesem Projekt, sofern das Gesamtkonzept stimmt.
So weit waren wir noch nie. Der Standort erfüllt die wesentlichen Kriterien – erreichbar, infrastrukturell geeignet und mit ausreichend Abstand zu Wohngebieten. Genau an diesen Punkten sind frühere Optionen immer wieder ins Stocken geraten. Wenn es jetzt gelingt, diesen politischen Konsens auch auf Landesebene in konkrete Schritte zu übersetzen und Gemeinden sowie Grundeigentümer einzubinden, dann kann dieses Projekt Realität werden. Und genau diesen Weg gehen wir jetzt konsequent weiter.
Und lassen Sie mich noch eines dazu sagen: Genau das ist für mich politische Arbeit. Nicht am Schreibtisch schnelle und gut klingende Entscheidungen zu treffen, die beim ersten Gegenwind kippen – sondern sich hinauszubegeben, in die Gemeinden, zu Lokalaugenscheinen, in oft harte Diskussionen. Sich Kritik auszusetzen, Konflikte auszuhalten und trotzdem für ein Projekt oder eine Lösung zu arbeiten.
Interview: Josef Prantl