

Der Befund stimmt: Die klassische Disco verliert an Bedeutung. Aber vielleicht haben sich nicht die Jungen ausgetanzt. Vielleicht hat sich vor allem ein bestimmtes Geschäftsmodell ausgetanzt. Ein Teil der Südtiroler Diskotheken hat verschlafen, sein Modell neu zu denken. Über Jahrzehnte blieb die Logik weitgehend dieselbe: Eintritt bezahlen, Getränke konsumieren, Musik konsumieren, nach Hause gehen. Natürlich gibt es Ausnahmen und Disco-Betriebe, die experimentieren. Aber während sich Lebenswelten, Gesundheitsbewusstsein, Musik, Medien und Freizeitverhalten auch durch Covid massiv verändert haben, hat sich das klassische Disco-Format erstaunlich wenig bewegt. Dass eine neue Generation dieses Modell nicht automatisch übernimmt, sollte niemanden überraschen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: Wo gehen die Jungen heute hin? Sondern: Wo können junge Menschen heute selbst etwas machen? Interessant geworden sind Orte, die anders funktionieren. Der Meraner ost west club est ovest, die BASIS Vinschgau oder die Zoona in Bozen sind keine klassischen Discos oder Clubs. Dort können junge Menschen nicht nur Publikum sein, sondern selbst gestalten, organisieren, ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Genau diese Teilhabe und Selbstwirksamkeit machen Kulturorte zu sozialer Infrastruktur. Man konsumiert nicht nur einen fertigen Abend, sondern produziert gemeinsam Kultur und damit Gemeinschaft. Aus solchen Freiräumen entstehen im besten Fall neue Kollektive, Veranstalter und Szenen. Sie sind damit nicht nur Orte des Ausgehens, sondern auch Experimentierfelder, in denen eine nächste Generation von Kulturtreibenden heranwachsen kann. Und nicht jeder dieser Orte muss sich ausschließlich über Eintritt und Getränkekonsum finanzieren.

Bei Sportstätten, Jugendzentren oder Bibliotheken akzeptieren wir selbstverständlich, dass ihr gesellschaftlicher Wert größer ist als ihr Umsatz. Bei Nachtkultur tun wir uns damit noch schwer. Dabei entstehen gerade dort Freundschaften, Netzwerke, Szenen, Experimente und Zugehörigkeit. Zudem trägt Nachtkultur zur Sicherheit im öffentlichen Raum bei, indem sie auch zu später Stunde für Belebung und Präsenz sorgt. Wenn wir über Nachtkultur sprechen, geht es zu oft ausschließlich um die Jugend. Wo ist das Angebot für 30-, 40- oder 50-Jährige? Das Bedürfnis nach Musik, Begegnung und Nacht verschwindet nicht mit 30. Viele wollen weiterhin ausgehen, aber vielleicht nicht mehr bis fünf Uhr morgens in einer klassischen Disco stehen. Wenn sich teilweise schon 25-Jährige für bestimmte Partyformate zu alt fühlen, haben wir nicht nur ein Generationen-, sondern ein Angebotsproblem. Nachtkultur muss deshalb breiter gedacht werden: Clubs und Konzerte, Listening Sessions und Day Time Raves, frühe Abendformate und lange Nächte, permanente Kulturorte und temporäre Räume. Nicht jedes Format muss für alle funktionieren. Entscheidend ist, dass unterschiedliche Bedürfnisse auch unterschiedliche Räume finden. Wer Nachtkultur als soziale Infrastruktur versteht, muss sie auch politisch verankern.

Der Nachtbürgermeister ist dafür ein wichtiger Schritt, kann strukturelle Probleme aber nicht allein lösen. Die Unterstützung der Interessenvertretung Freie Kultur durch Kulturlandesrat Philipp Achammer und Landtagsabgeordneten Zeno Oberkofler schafft dafür eine wichtige Grundlage. Andere Städte sind bereits weiter: Bologna verbindet mit seinem Nachtplan Kultur, Mobilität, Sicherheit und öffentlichen Raum, Trient fördert gezielt selbstorganisierte Jugendkultur und stellt dafür Räume und Mittel bereit. Auch Südtirol braucht langfristige Strategien, Räume und niederschwellige Förderinstrumente – statt punktueller Eventförderung. Wir sollten deshalb weniger darüber diskutieren, wie wir die Disco von gestern retten. Die spannendere Frage lautet: Wie soll Südtirols Nachtkultur in zwanzig Jahren aussehen? Dafür müssen wir heute die Bedingungen schaffen.Damit jede Generation ihre eigenen Orte, Szenen und Formen entwickeln kann – und Nachtkultur ein lebendiger Teil unserer Gesellschaft bleibt.
Philipp Kieser