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Rühriges Passeiertal

Das Passeiertal ist für seine Ursprünglichkeit bekannt –
und für den rührigen Unternehmergeist seiner Einwohner.

Fünf Gemeinden bilden die Gemeindeverwaltungen des Passeiertals: Kuens, Riffian, St. Martin in Passeier, St. Leonhard in Passeier und Moos in Passeier. Vom südlichen Ende bei Meran/Dorf Tirol-Zenoburg bis zum Timmelsjoch an der Grenze zu Österreich erstreckt sich das Tal über rund 423 Quadratkilometer. Aufgrund des geografischen Verlaufs seiner Hauptader wird es gern in Vorder- und Hinterpasseier unterteilt: Vorderpasseier reicht von Kuens bis St. Leonhard, Hinterpasseier von dort bis nach Moos in Passeier mit seinen Fraktionen und Weilern wie Pfelders, Rabenstein, Platt und Stuls. Große Teile von Riffian, St. Martin und Moos in Passeier liegen zudem im 1976 ausgewiesenen Naturpark Texelgruppe, mit rund 31.391 Hektar dem größten Naturpark Südtirols. Die wirtschaftliche Kraft liegt vor allem im vorderen Teil des Tales. Dort haben sich nicht nur die meisten mittelständischen bis größeren Betriebe angesiedelt, hier sind in den vergangenen Jahrzehnten auch mehrere Gewerbegebiete entstanden. Ein wesentlicher Teil der Gewerbetreibenden ist im Handwerk sowie im Bau- und Holzsektor tätig.

In den vergangenen Jahren hat sich zudem der Tourismus stark entwickelt und zahlreiche Qualitätsbetriebe im oberen Segment hervorgebracht. Neben dem Hotspot rund um das Hotelkomplex Quellenhof in der gleichnamigen Fraktion Quellenhof (St. Martin in Passeier) haben sich weitere Namen herauskristallisiert. Im ruhigeren Hinterpasseier setzt der Tourismus dagegen stärker auf kleinere Familienbetriebe und Urlaub auf dem Bauernhof: Pfelders auf 1.628 Metern gilt als höchste dauerhaft bewohnte Siedlung des Tales und beherbergt das einzige auf sanften Skitourismus ausgerichtete Wintersportgebiet Südtirols, während die Bergdörfer Rabenstein und Platt vor allem bei Wanderern beliebt sind. Im Hinterpasseier und um die Gemeinde St. Leonhard prägen beeindruckende Bergbauernhöfe das Landschaftsbild; ein wesentlicher Teil davon liegt hoch oben, nahe der Baumgrenze. Darunter finden sich mehrere innovative Bergbauernhöfe, zum Teil mit jahrhundertelanger Tradition.

Schildhöfe

Eine Sonderstellung in der Landwirtschaft des Passeiertals nehmen die sogenannten Schildhöfe ein, die entlang der historischen römischen Nord-Süd-Verbindung entstanden.

Der älteste der insgesamt elf Schildhöfe ist der Saltauser Schild im Vorderpasseier. Sieben der Höfe – Gereuth, Baumkirch, Kalm, Granstein, Haupold, Saltaus und Steinhaus – liegen im Raum St. Martin in Passeier, vier weitere, Gomion, Happerg, Ebion und Buchenegg  bei St. Leonhard.

Das Besondere an den Schildbauern: Grundlage ihrer Sonderrechte war ein Freiheitsbrief Graf Heinrichs von Tirol aus dem Jahr 1317; im Lauf der Zeit wuchs ihre Zahl auf die heutigen elf. Sie waren auf Lebenszeit steuerbefreit und galten als niederer Adel. Als solche unterstanden sie nicht dem Passeirer Landgericht, sondern direkt dem Gerichtsstand auf Schloss Tirol. In Friedenszeiten belieferten sie Adel und Landesfürsten mit Fisch, Wild und landwirtschaftlichen Erzeugnissen; im Bedarfsfall übernahmen sie die Schildwache auf Schloss Tirol und der Zenoburg.

Zudem durften sie, wie der Adel, am gesetzgebenden Landtag teilnehmen. Wer sich heute auf die Spuren der Schildbauern begeben möchte, kann dem rund fünf Kilometer langen Passeirer Schildhöfeweg bei Saltaus folgen, der in gut zwei Stunden an mehreren der historischen Höfe vorbeiführt.

Geschichte

Insgesamt blickt das Passeiertal auf eine sehr alte Siedlungsgeschichte zurück und spielte als strategisches Durchzugsland im­mer wieder eine wichtige Rolle. Mehrere Saumpfade führten hier über das Timmelsjoch ins Ötztal, über den Jaufenpass nach Sterzing und von dort weiter Richtung Innsbruck.

Ein Meilenstein, der sich tief in Tradition und Geschichte des Tales eingeschrieben hat, waren die Tiroler Freiheitskämpfe des Jahres 1809. Angeführt wurden sie vom Tiroler Landeshelden und Freiheitskämpfer Andreas Hofer, der 1767 am Sandhof in St. Leonhard in Passeier geboren wurde. Ein wesentlicher Teil der Talgeschichte wird in mehreren Museen, Burgen und Kirchen vor Ort aufgearbeitet allen voran im MuseumPasseier am historischen Sandhof. Auch zahlreiche Volksfeste und Brauchtum wie das Goaslschnöllen und das Ranggeln spiegeln die tief verwurzelte Tradition und Ursprünglichkeit wider, die an vielen Orten bis heute erlebbar ist.

Gesundheitsstandort

Durch gleich mehrere Pflege- und Gesundheitseinrichtungen ist das Passeiertal auch ein wichtiger Gesundheitsstandort im Burggrafenamt. Dazu zählen unter anderem der Gesundheitssprengel Passeier des Südtiroler Sanitätsbetriebs mit Sitz in St. Leonhard, das Medizinische Zentrum Quellenhof sowie die Alten- und Pflegeeinrichtungen des Konsortiums Seniorendienste Passeier.

 

Persönlichkeiten

Über die Jahrhunderte hat das Tal eine ganze Reihe bemerkenswerter Persönlichkeiten hervorgebracht. Berühmtester Sohn ist der Tiroler Volksheld Andreas Hofer (1767 – 1810); seine Nachkommen wurden als Adelsfamilie Hofer von Passeyr bekannt, deren männliche Linie 1921 erlosch, die aber bis heute mehrere hundert Nachfahren zählt. Aus derselben Zeit stammt der Gamsjäger und Bergführer Josef Pichler, genannt „Pseirer Josele“ (1765 – 1854): Ihm gelang 1804 im Auftrag Erzherzog Johanns die spektakuläre Erstbesteigung des Ortlers – ohne Seil und Eispickel. Der Polarforscher Johann Haller (1844 – 1906) nahm an der Nordpolexpedition Julius Payers teil, während der Mediziner Joseph Ennemoser (1787 – 1854) zu den Pionieren der Erforschung des Mesmerismus zählte, eines Vorläufers der modernen Psychologie. Auch kirchlich und politisch hat das Tal Spuren hinterlassen: Johannes Evangelist Haller
(1825 – 1900) wirkte als Provikar von Trient und später als Erzbischof von Salzburg, Josef Valentin Haller machte sich als Bürgermeister von Meran einen Namen als Tourismuspionier. Im 20. Jahrhundert prägte der Schmied Georg Klotz (1919 – 1976) als führendes Mitglied des Befreiungsausschusses Südtirol die jüngere Zeitgeschichte, ebenso der Widerstandskämpfer Karl Gufler (1919 – 1947);

In Kunst und Kultur reicht die Tradition vom Barockmaler Joseph Haller, Hauptvertreter der „Barocken Passeirer Kunstschule“ im 18. Jahrhundert, bis zu den Musikern Herbert Pixner (* 1975) und Alexander Pamer sowie dem Regisseur und Autor Philipp J. Pamer (* 1985). Sportlich macht das Tal vor allem im Wintersport von sich reden: Skirennläufer Werner Heel (*1982) und Naturbahnrodel-Weltmeisterin Evelin Lanthaler (*1991, Weltmeisterin 2015, Europameisterin 2016) zählen zu den bekanntesten Aktiven aus dem Passeiertal.

Philipp Genetti