Zum einsamen Fennberg
27. März 2026
Frühling
16. April 2026
Alle anzeigen

Das Experiment

Erinnern Sie sich an das erste Apple iPhone aus dem Jahr 2007? Das ist nicht so lange her. Seitdem haben Smartphones unser Leben massiv verändert: Kommunikation, Lernen, Arbeiten, Unterhaltung: vieles läuft inzwischen über diese Geräte.

Die Anfangseuphorie hat aber Kratzer bekommen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer warnt seit Jahren vor den negativen Folgen, besonders für Kinder und Jugendliche. Er spricht von einer „Smartphone-Epidemie“, von „Digitaler Demenz“. Die frühe und intensive Nutzung digitaler Medien würde Gehirnentwicklung, Aufmerksamkeit, Konzentration und soziale Fähigkeiten beeinträchtigen. Langfristig habe das Auswirkungen auf Lernen, Gedächtnis und psychische Gesundheit.

Das Experiment
Seit dem heurigen Schuljahr gilt an Italiens Schulen Smartphone-Verbot. Die Geräte müssen vor Unterrichtsbeginn weggelegt werden. Nun will Italien auch ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren einführen. Australien hat es schon vorgemacht. Experten fordern, dass eher die problematischen Plattformen reguliert werden, statt die Nutzenden selbst zu regulieren. Andere sehen auch Eltern, Schule und die Gesellschaft in der Pflicht, einen gesunden Umgang mit sozialen Medien zu fördern.
Laut internationalen Studien verbringen Jugendliche täglich zwischen 3 und 7 Stunden mit dem Smartphone. Ein großer Teil dieser Zeit entfällt auf soziale Medien, Spiele und Messaging. Das hat in Österreich zu einem Experiment geführt. An einem Gymnasium in Gänserndorf bei Wien beschlossen 69 Schüler freiwillig für 21 Tage auf ihre Handys zu verzichten. Eine ORF-Redakteurin begleitete die Jugendlichen und dokumentierte ihre Erfahrungen. Daraus entstand das „Handy-Experiment“, an dem mittlerweile rund 72.000 Schülerinnen und Schüler aus mehreren Ländern teilnehmen. Auch in Meran hat eine Schule mitgemacht.

Meraner Schule macht mit
Alex Trojer ist Mathematiklehrer in Meran. Sei es das Digitale Register, digitales Lehren und Lernen, Trojer hat am Realgymnasium und an der TFO Pionierarbeit geleistet. Umso mehr fällt es auf, dass gerade er die Schüler nun zum Handyverzicht motiviert. Da ist jemand vom Saulus zum Paulus konvertiert, würde man denken. „Ich bin zufällig auf die ORF-Dokumentation über das Handy-Experiment gestoßen“, sagt er, „und es ließ mich nicht mehr los“. Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler konnte er an seiner Schule zum Mitmachen motivieren: drei Wochen im März kein Smartphone!

Startschuss am Tappeinerweg
Am 5. März war es dann soweit: Am Tappeinerweg schalteten die Oberschüler ihre Smartphones ab. Medienvertreter von RAI Südtirol und ORF waren vor Ort und dokumentierten den Moment. „Es war ein seltsames Gefühl, das Handy wegzulegen“, erinnert sich Elia. Drei Wochen blieben von nun an tabu: WhatsApp, TikTok, Instagram, Youtube, Netflix usw. „Ich war neugierig, ob ich wirklich durchhalte“, sagt David. Aufregung, Vorfreude und ein wenig Skepsis lagen bei vielen dicht beieinander. Einige sperrten ihre Handys sogar zuhause in den Safe, um nicht in Versuchung zu geraten.
„Vor dem Start des Experiments haben wir alle gebeten, eine Bestandsaufnahme ihres Handyalltags zu machen“, erklärt Trojer: Wer legt das Smartphone nachts in Reichweite? Wer greift unbewusst bei Langeweile zum Gerät? „Ich merke, dass ich oft schon beim Frühstück aufs Handy schaue, bevor ich überhaupt mit meiner Familie rede“, berichtet Theresa.
Für Hannes war die Herausforderung besonders spannend: „Ich wollte sehen, ob ich wirklich drei Wochen ohne Handy auskomme.“ Die Jugendlichen bekamen konkrete Tipps: Handy nachts nicht ins Schlafzimmer legen, alternative Aktivitäten vorbereiten, von Büchern über Sport bis hin zu Gesprächen mit Freunden. Zudem sollten sie Tagebuch führen, wie sie sich fühlen und welche Herausforderungen auftauchen.

Wissenschaftliche Begleitung
„Das Experiment wird wissenschaftlich begleitet vom Anton-Proksch-Institut und der Sigmund Freud Privatuniversität Wien“, erklärt Trojer. Untersucht werden unter anderem Schlafqualität, Stresslevel und subjektives Wohlbefinden. Ziel ist es, herauszufinden, wie sich ein dreiwöchiger Verzicht auf Smartphones auf Körper und Geist auswirkt. Das Handy-Experiment bietet den Jugendlichen nicht nur die Gelegenheit, ihre digitale Nutzung zu hinterfragen, sondern auch, ihre Freizeit bewusster zu gestalten, ist Schuldirektor David Augscheller überzeugt, der selbst seinen Handykonsum kritischer beleuchtete.

Abschluss
Das Experiment endete mit einer Übernachtung in der Schule. Eingeladen waren auch die Eltern. Fast alle 106 Schüler hielten bis zum Schluss durch. Überraschend war, dass sich die Begeisterung beim Wiedereinschalten der Smartphones in Grenzen hielt. Der Stolz auf die eigene Leistung war deutlich spürbar.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich es wirklich schaffe. Aber jetzt merke ich, wie gut es tut, mal nicht erreichbar zu sein“, sagt Theresa und ergänzt: „Ohne ständige Medien gab es plötzlich so viel Raum für Gespräche, und einfach mehr Zeit.“
Die Eltern beobachteten ihre Kinder aufmerksam und waren oft überrascht, wie selbstbestimmt die Jugendlichen mit der Situation umgingen.

 

Öfters mal Offline sein tut gut

Das Handy-Experiment war für die Oberschüler eine gute Gelegenheit, sich selbst und den Alltag bewusster wahrzunehmen. Was hat sie aber bewogen mitzumachen und wie erging es ihnen dabei?

 

Lia Adriana Helfer

Jeremiah David Kofler

Frieda Larcher

David Bauer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frieda Larcher (17):
Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich auch ohne Handy klarkomme, dass man nicht ständig online sein muss, um informiert oder verbunden zu sein. Es war ein Versuch herauszufinden, wie es sich wirklich anfühlt. Am Anfang war es schon etwas seltsam, das Handy nicht griffbereit zu haben. Aber eigentlich war es leichter als gedacht. Ich habe manchmal ganz automatisch meine Handtasche kontrolliert, weil ich dachte, mein Handy wäre darin. Insgesamt hat mir das Experiment aber gezeigt, wie viel Zeit man mit diesem Gerät verbringt. Ich habe mehr mit Freundinnen und Freunden unternommen, wieder mehr gelesen, und die Abende waren deutlich ruhiger. Auch mein Schlaf hat sich verbessert, ich bin früher ins Bett gegangen.

David Bauer (14):
Mein erstes Smartphone bekam ich zu Weihnachten in der ersten Klasse der Mittelschule. Ich wollte einfach sehen, wie es ist, längere Zeit ohne Smartphone zu leben.
Ehrlich gesagt kann ich mich kaum noch an eine Zeit erinnern, in der ich kein solches Gerät hatte. Entzugserscheinungen hatte ich keine. Allerdings war es vor allem unterwegs ein Problem, weil ich nicht mehr erreichbar war. Termine musste ich viel genauer im Voraus planen, und auch Spontaneität fiel weitgehend weg.
Soziale Medien habe ich hingegen überhaupt nicht vermisst. Trotzdem war es insgesamt ziemlich kompliziert, ohne Smartphone zu leben, da heute fast alles digital organisiert ist.

Jeremiah David Kofler (17):
Ich wollte mir und meiner Familie zeigen, dass ich es schaffen kann, auch einmal ohne Handy auszukommen. Am Anfang war es schon ungewohnt. In bestimmten Situationen habe ich mein Handy vermisst, etwa bei langen Autofahrten oder Wartezeiten. Mein Alltag hat sich aber spürbar verändert. Nach der Schule bin ich nicht mehr automatisch am Handy gehangen, sondern habe wieder mehr gelesen, Gespräche geführt und meine Zeit bewusster genutzt. In Zukunft möchte ich daher öfter gezielt offline sein.

Lia Adriana Helfer (15):
Als Spätentscheiderin war es für mich anfangs fast unmöglich, bei dem Experiment mitzumachen. Ich glaubte, dass ich ohne Smartphone nicht leben kann, ich muss einfach erreichbar sein. Schließlich wurde ich aber überzeugt, es doch zu versuchen.
Meine Eltern haben mich dabei unterstützt, mein Handy landete sogar in unserem Safe. Am meisten fehlte mir das Musikhören bei den Busfahrten. Insgesamt kam ich aber gut ohne Smartphone aus. Ich konnte besser und mehr schlafen, hatte abends mehr Ruhe und habe sogar Hausaufgaben gemacht, die ich sonst oft nicht erledigt hätte. Jetzt bin ich trotzdem froh, dass ich wieder Musik hören kann und erreichbar bin.

Interview: Josef Prantl