

Dass Wege nach gleichen Personen, Orten oder Ereignissen benannt werden, wurde an dieser Stelle schon thematisiert. Dieses Mal sind zwei Straßen in Rabland und Meran davon betroffen. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit.
Der häufigste Name in Südtirol ist vermutlich Maria Mair. Da „Maria” bei den Vornamen und „Mair” bei den Familiennamen nach wie vor unangefochten auf Platz eins der Statistiken stehen, dürfte diese Vermutung nicht allzu weit von der Wirklichkeit entfernt sein. Und wenn es nicht Maria Mair ist, dann ist Maria Hofer ein guter Tipp. Von einer Namensgleichheit auf Ähnlichkeiten im Alter, Aussehen oder Charakter zu schließen, würde uns allerdings nicht einfallen. Und in gleicher Weise trifft dies auf Bezeichnungen zu, die wir an ganz verschiedenen Stellen finden. In diesem Fall geht es um die Texelstraße. Eine solche Straße gibt es sowohl in Rabland als auch in Meran. Der Name bezieht sich auf die nördlich gelegene Gebirgsgruppe in den Ötztaler Alpen. Texel ist aber auch der Name einer niederländischen Insel in der Nordsee.
Die Unterschiede
Die beiden Gegenden könnten nicht unterschiedlicher sein. Während es das Roteck als höchste Erhebung in der Texelgruppe auf stattliche
3.337 m bringt und die namengebende Texelspitze nur unwesentlich kleiner ist, sucht man solche Berge auf der Insel Texel vergebens. Die höchste Stelle ist eine Düne namens Bertusnol, die gerade einmal 19,6 m hoch ist. Auch die Bedeutung der Namen ist eine vollkommen andere. Das „Texel“ unserer Berge lässt sich auf das vorrömische Substantiv „daxia“ zurückführen, das „Nadelholzzweig“ bedeutet und auf die örtliche Vegetation anspielt. Das niederländische „Texel“ hingegen – von den Insulanern meist „Tessel“ ausgesprochen – leitet sich vom germanischen Wort „tehswa“ für „südlich“ ab, da die Insel die südlichste im Wattenmeer ist. Die Insel ist geologisch und biologisch durch den Kontakt mit dem Meer geprägt. An der Westseite zieht sich ein 30 km langer Sandstrand mit einem mehrkettigen Dünengürtel von der Nord- zur Südspitze. Die Ostküste ist großteils mit Deichen bebaut und verfügt lediglich über kleinere Sand- und Kiesstrände. Die hiesige Texelgruppe kann dagegen mit 13 Dreitausendern und mehreren Hochgebirgstälern wie dem Zieltal und dem Spronser Tal sowie mit Steppenvegetation, Lärchenwäldern und Fichtenbeständen aufwarten. Zwei Orte, zwei Welten.
Die Gemeinsamkeiten
Trotz aller offensichtlichen Unterschiede gibt es doch Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel in Bezug auf den Naturschutz. Der 1976 gegründete Naturpark Texelgruppe ist mit einer Fläche von fast 314 km² der größte der Südtiroler Regionalparks. Auf der Insel gibt es den Nationalpark Duinen van Texel, der ca. 80, zum Teil seltenen Vogelarten Schutz bietet, und dazu Wanderwege sowie Routen zum Radfahren besitzt.
Bei uns ist der Meraner Höhenweg rund um den Naturpark Texelgruppe der bekannteste Höhenwanderweg in Südtirol. Und dann verbindet die beiden so unterschiedlichen Landschaften noch eine Tierart: das Schaf. Jährlich werden von Schnals aus mehrere Tausend Schafe über zwei vergletscherte Routen nach Nordtirol auf die dortigen Weidegebiete getrieben – bekannt unter der Bezeichnung „Transhumanz“ und mittlerweile Teil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes. Dabei werden in zwei Tagen über 40 km zurückgelegt. Im Herbst kehren die Tiere dann wieder zurück. Auch auf der niederländischen Insel spielt das Schaf eine bedeutende Rolle. Auf die etwa 14.000 Einwohner kommen ebenso viele Schafe. Sogar eine eigene Rasse existiert hier: Das Texelaar ist robust und stämmig und liefert Fleisch, Milch und Wolle. In den 1990er Jahren wurde es exportiert. Die größte Anzahl gibt es heute in Neuseeland und Australien. Ob sich eines auch in das Schnalstal verirrt hat, ist nicht bekannt.
Christian Zelger