Projekt Steinwild

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Projekt Steinwild

Im hinteren Pfossental sah ich zum ersten Mal einen Steinbock. Ötzi trug ein Stück eines Steinbockhorns bei sich. Majestätisch trotzen die 100-Kilo-Kolosse in den Felsflanken mit ihren ein Meter langen Hörnern Wind, Schnee und Steinschlag. Und doch sind sie verletzlich.
Kaum ein anderes Wildtier des Hochgebirges hat in Sagen und Volksmedizin, im Aberglauben und Brauchtum über Jahrhunderte eine so große Rolle gespielt wie der Alpensteinbock. Das Zuhause des Steinbocks ist das Hochgebirge, in felsigen und abschüssigen Felswänden zwischen 1.800 und 3.000 Metern.
Was viele nicht wissen: der Steinbock war schon fast ausgerottet und konnte sich nur dank Schutzmaßnahmen wieder erholen. So schrieb der Chefredakteur des „Deutschen Jäger“ Fritz Bergmiller 1912: „Es ist ganz überflüssig, über die Jagd auf den Steinbock ein Wort zu verlieren“. Heute besiedeln wildlebende Steinböcke das ganze Land. Über Umsiedelungen wird ihre Population weiter gestärkt werden. Wer Steinböcke auf jeden Fall aus der Nähe sehen will, kann das „Bunker Mooseum“ in Moos in Passeier besuchen, wo sich ein Steinbockgehege befindet.

Aberglaube und beinah Ausrottung
Die meisten der Tiere, die heute in den Alpen anzutreffen sind, stammen von ungefähr 30 „Urtieren“ ab. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts kam es nämlich vermehrt zur Jagd von Steinwild. Grund dafür war ein absurder Aberglaube: durch das Tragen und Verspeisen spezifischer Teile des Steinbocks versprach man sich Unverwundbarkeit und besondere Stärke. Bevor es zur endgültigen Ausrottung kommen konnte, stellte der König von Sardinien-Piemont, Vittorio Emanuele II, das Gebiet um den Gran Paradiso 1856 im Aostatal unter Schutz. Damit legte er nicht nur den Grundstein für das Überleben der Tiere, sondern auch für die Gründung des ersten Nationalparks Italiens im Jahr 1922. Erste Wiederansiedlungsversuche in Südtirol gab es bereits Ende der 1930er Jahre im Nationalpark Stilfserjoch, weiß Albrecht Plangger, der sich als ehemaliger Parlamentarier in Rom für das Steinwildmanagement stark gemacht hat. In den 1940er Jahren wurde im Kanton Graubünden die Kolonie Terza-Sesvenna gegründet, von der aus Tiere auch auf Südtiroler Seite einwanderten. In den 1960er Jahren tauchten auch im Gebiet der heutigen Kolonie „Weisskugel“ einzelne Tiere auf . Im Jahr 1991 wurde im Revier Graun der erste Steinbock jagdlich entnommen, erklärt Plangger.
Obwohl der Alpensteinbock in Italien nicht zu den jagdbaren Wildarten zählt, wurde auf Grundlage des unter Altlandeshauptmann Luis Durnwalder eingeführten Landesjagdgesetzes in den 1990er Jahren eine regulierte Entnahme möglich. 1985 erfolgte im Revier Schnals die erste Entnahme. Immer wieder führten jedoch Rekurse staatlicher Umweltorganisationen zu Jagdstopps. Von 2014 – 2017 gab es nur mehr sogenannte „sanitäre“ Abschüsse von kranken und äußerst schwachen Tieren. Dann gelang es in Rom eine neue Durchführungsbestimmung zu erreichen und das Steinwild wieder jagdbar zu machen, mit Gutachten der obersten staatlichen Jagdbehörde ISPRA. Mit dieser wurde ein „Deal“ vereinbart: jagdliche Entnahmen ja, wenn gleichzeitig Stücke gefangen und neue Kolonien aufgebaut oder schwache Kolonien verstärkt werden und von der Jägerschaft gleichzeitig wissenschaftliche Studien zum Steinwild gemacht würden .

Interreg-Projekt Steinwild
Seit März 2025 steht der Steinbock wieder im Mittelpunkt eines grenzüberschreitenden Forschungsprojektes, das weit über reine Bestandszahlen hinausgeht. Unter dem Titel „Genetik und Gesundheitszustand des Steinwildes in der Terra Raetica“ untersuchen Fachleute aus Südtirol, Nordtirol und der Schweiz, wie es um die genetische Vielfalt und die Gesundheit der Tiere bestellt ist. Kürzlich trafen sich die Projektpartner im Kaunertal zur ersten Jahrestagung. Im Fokus: die Kolonien rund um die Vinschger Gebiete Sesvenna (Graubünden/CH) und Weißkugel, die Burggräfler Population in der Texelgruppe sowie die Tribulaun-Kolonie im Wipptal. „Insgesamt betrifft das Projekt rund 45 Steinwildreviere in Südtirol, von großen Kerngebieten bis hin zu kleinen, unbejagten Kolonien im Ahrntal, in den Pragser Dolomiten und am Sellastock“, erklärt Albrecht Plangger, der das Interreg-Projekt koordiniert.

Neun Steinwild-Kolonien in Südtirol
Insgesamt leben in neun Gebieten, in sogenannten Kolonien, bei uns Steinböcke. In der westlichen Landeshälfte sind es drei. Von der nahen Schweiz entlang des Alpenhauptkamms zieht sich ein Gebiet, wo insgesamt etwa 1.800 Tiere leben. Die Kolonie „Weißkugel“ befindet sich zwischen Reschen und Schnalstal, zwischen dem Schnalstal und Moos in Passeier lebt die Kolonie „Texel“ und zwischen Moos und dem Pflerscher Tal bei Sterzing die Kolonie „Tribulaun“. Dass Steinwild sehr anfällig für Krankheiten ist, weiß der ehemalige Vizerevierleiter von Moos i.P., Alexander Pamer. Nach einem Ausbruch der Gamsräude, eine parasitäre Hauterkrankung bei den Gämsen, im Jahr 2004 ist die Steinwildkolonie „Seekofel“ in den Pragser Dolomiten innerhalb kurzer Zeit ausgestorben. Erst eine Wiederbesiedlung durch die Jäger von Moos i.P. hauchte der Kolonie neues Leben ein. „Wir fangen Steinböcke ein und setzen sie dann in anderen Revieren wieder aus“, erklärt Revierleiter Helmut Lanthaler. Steinwild besiedelt in Südtirol zurzeit eine Fläche von rund 35.000 Hektar. Die Kolonien mit den höchsten Bestandesdichten befinden sich entlang des Alpenhauptkamms an der Staatsgrenze zu Österreich, vor allem in Graun, Moos, Schnals und am Brenner. Sie erstrecken sich über große Teile der südlichen Stubaier Alpen (Kolonie Tribulaun) und der Ötztaler Alpen (Kolonie Weißkugel und Texel). Mittlerweile bilden die drei Kolonien zwischen Reschen und Brenner eine zusammenhängende Einheit. Die mittlere Bestandesdichte in Südtirol liegt bei 4,2 Tieren pro Quadratkilometer.

Beruhigende Befunde
Die wissenschaftliche Begleitung der Gesundheitsuntersuchungen des Interreg-Projekts liegt bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in Innsbruck. Bis zum Ende der vergangenen Jagdsaison wurden 61 Proben aus Südtirol und 45 aus Nordtirol untersucht, Blut-, Gewebe- und Kotproben von erlegten oder lebend gefangenen Tieren. Die ersten Ergebnisse überraschen: Kein einziger Fall von Moderhinke, eine hochgradig ansteckende, schmerzhafte bakterielle Infektionskrankheit der Klauen. Nur ein Fall von Gamsblindheit und ein Fall von Paratuberkulose, eine unheilbare, weltweit verbreitete chronische Darminfektion. Doch es gibt auch Anlass zur Sorge: 10 bis 20 Prozent der untersuchten Tiere wiesen bakterielle Lungenentzündungen auf. Nahezu jede untersuchte Lunge zeigte Befall mit Lungenwürmern.

Das genetische Erbe
Parallel zur Gesundheitsanalyse wurden genetische Proben an die Universität Zürich geschickt. Seit über 20 Jahren forscht man dort am Alpensteinbock und verfügt über Vergleichsdaten nahezu aller Populationen im Alpenraum. Das heutige Alpensteinwild geht auf eine winzige Restpopulation im Aostatal zurück. Alle heute lebenden Tiere bei uns stammen von wenigen Überlebenden ab, ein genetischer Flaschenhals mit Folgen. Die mangelnde genetische Vielfalt macht sich zunehmend bemerkbar. „Inzucht kann langfristig die Widerstandskraft gegenüber Krankheiten schwächen und die Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen einschränken“, weiß Alexander Pamer, Vorstandsmitglied im Jagdrevier Moos. Namhafte Wildbiologen erarbeiten derzeit Empfehlungen. Im Raum steht die gezielte Umsiedlung einzelner Tiere zwischen Kolonien, um genetische Risiken zu minimieren. Dabei geht es um heikle Fragen: Welche Kolonien haben Priorität? Wie groß soll eine Aufstockungsgruppe sein? Aus welchen Beständen sollen Tiere entnommen werden? Welche Alters- und Geschlechterstruktur ist sinnvoll? Es ist ein Balanceakt zwischen Naturschutz, Wildökologie und jagdlicher Verantwortung.

Klimawandel und digitale Karten
Eine weitere wissenschaftliche Säule des Interreg-Projekts betreut die EURAC Research in Bozen. Unter dem Titel „Digitale Karten, lebendige Wildtiere“ werden Geoinformationssysteme eingesetzt, um Lebensräume saisonal zu modellieren und ihre zukünftige Eignung zu bewerten. Untersucht wird auch, ob der Klimawandel die Verbreitung parasitärer Krankheiten beeinflusst. Dynamische Lebensraummodelle zeigen, welche Gebiete sich künftig für Neugründungen oder Umsiedlungen eignen könnten. Die Ergebnisse sollen in einen neuen Managementplan 2027–2031 einfließen, der von der römischen Fachbehörde „Istituto Superiore per la Protezione e la Ricerca Ambientale“ (ISPRA) geprüft werden muss. Ende Mai bzw. Anfang Juni werden erste Resultate bei einem Workshop in Bozen vorgestellt – im Beisein von ISPRA, Revierleitern und Jagdaufsehern.

Grenzüberschreitende
Zusammenarbeit
Die Koordination des Interreg-Projektes, das noch bis zum 31. Dezember 2027 läuft, obliegt der Gemeinde Schnals. Mit an Bord sind auch der Südtiroler Jagdverband, der Tiroler Jägerverband, der Nationalpark Stilfser Joch, der Nationalpark Hohe Tauern, das Amt für Wildtiermanagement Bozen und das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden. Parallel dazu startet 2026 ein weiteres Interreg-Kooperationsprojekt im Dolomiti-Live-Gebiet. Ziel ist die Erfassung des grenzüberschreitenden Wanderverhaltens unbejagter Kleinkolonien – etwa zwischen Osttirol, Salzburg und Belluno. Auch hier geht es um Monitoring, genetische Zuordnung und einheitliches Management. Was diese Projekte besonders macht, ist ihr Ansatz: Es geht nicht nur um Bestände oder Abschusszahlen. Es geht um langfristige genetische Stabilität, um Tiergesundheit, um Lebensräume im Wandel – und um Verantwortung über Grenzen hinweg.

Josef Prantl

Neue Kolonien für das Steinwild und Forschung

Albrecht Plangger war viele Jahre Bürgermeister der Gemeinde Graun im Vinschgau und engagiert sich stark in den Bereichen Berglandwirtschaft, Jagd, Naturraum und grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Alpenraum. Von 2013 bis 2022 war er Abgeordneter im Parlament in Rom und konnte gute Beziehungen zur ISPRA aufbauen. Helmut Lanthaler leitet das Jagdrevier Moos in Passeier.

Herr Plangger, wie steht es um das Steinwild bei uns?
Albrecht Plangger: Dem Steinwild geht es ganz gut. In der Metapopulation Reschen bis Brenner am Alpenhauptkamm gibt es fast 2.000 Stücke und auch im benachbarten Kaunertal, Pitztal und Ötztal gibt es starke Kolonien. Allerdings ist Vorsicht geboten: die mangelnde genetische Vielfalt, die Folgen von zu starker Inzucht und der Klimawandel sind Gefahren, die das Auftreten und die Verbreitung von parasitären Krankheiten wie Gamsblindheit, Moderhinke oder Lungenwurm beeinflussen könnte.

In Südtirol ist die Jagd auf Steinwild – anders als im restlichen Staatsgebiet – unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Warum gibt es diese Ausnahme, und wie begegnen Sie den anhaltenden Widerständen von Umweltorganisationen?
Albrecht Plangger: Wir haben mit dem ISPRA in Rom einen „Deal“ vereinbart: höchstens 5% vom Bestand der Frührjahrszählung für jagdliche Entnahmen ja, wenn gleichzeitig Stücke gefangen und neue Kolonien aufgebaut oder schwache Kolonie verstärkt und von der Jägerschaft gleichzeitig wissenschaftliche Studien zum Stein­wild gemacht würden.
Die ISPRA-Leute sind zweimal bis auf den Reschen gekommen und haben sich mit den Schweizer- und Nordtiroler Jagdbehörden ausgetauscht. ISPRA hat dann geholfen, dass der 5-Jahres-Managementplan – zwar nur durch Terminverfall – die Hürden beim Umwelt- und Landwirtschaftsministerium bestand. Nächstes Jahr brauchen wir diese Hilfe wieder für den nächsten 5-Jahres-Plan 2027 – 2031. Wir Jäger bauen neue Kolonien auf und „forschen“, seither hat es keine Rekurse mehr gegeben

Wie steht es derzeit im Revier Moos um den Steinbock?
Helmut Lanthaler: Wir haben im Revier zwei Kolonien – Texel und Tribulaun – mit rund 300 Steinböcken. Im Schnitt entnehmen wir pro Jahr etwa 15 Tiere. Seit 2016 fangen wir jährlich ca. fünf Tiere ein und setzen sie in anderen Populationen aus, zum Beispiel im Sarntal oder in Pfunders. Letztes Jahr haben wir Tiere im Sellastock in Gröden ausgewildert. Dieses Jahr ist geplant, rund fünf Tiere in Prags und Lappach auszuwildern, um die Population dort zu stärken.

Wer darf einen Steinbock entnehmen?
Helmut Lanthaler: Es gibt eine klare Regelung, welche Tiere – sei es ein ausgewachsener Steinbock, eine Geiß oder ein reiner Jährling – entnommen werden dürfen. Bei der Vollversammlung wird dies durch Losverfahren entschieden. Im Revier Moos sind wir zur Zeit 117 Jäger.

Wie kann man einen Steinbock fangen, und wie setzen Sie die Tiere in anderen Revieren aus?
Helmut Lanthaler: Wir errichten Fallen; wir haben eine in Pfelders und eine am Timmelsjoch aufgestellt. Man muss sich das wie einen Käfig vorstellen, in dem Salz liegt. Die Tiere betreten den Käfig, und ein Jäger, der vor Ort steht, löst die Falle aus. Danach werden die geeigneten Tiere vorbereitet, denn nicht jedes Tier eignet sich für eine Aussetzung. Den Tieren werden die Augen verbunden, damit sie ruhig bleiben. Anschließend transportieren wir sie in einer Kiste ins Tal und bringen sie in die neuen Reviere. Das alles erfordert viel Übung. Wir haben unser Rüstzeug bei einem Schweizer Wildhüter erworben. Es ist wirklich nicht einfach, einen Steinbock zu fangen, und es ist auch nicht ungefährlich.

Kommen wir zurück zum Interreg-Projekt. Herr Plangger, was ist die zentrale Motivation des Projekts „Genetik und Gesundheitszustand des Steinwildes“, das Sie koordinieren und warum ist Schnals der fe­derführende Part dabei?
Albrecht Plangger: Wir haben mit der ISPRA vereinbart, wissenschaftliche Untersuchungen zum Steinwild auf Kosten der Jägerschaft durchzuführen. Und das tun wir auch! Die ersten wissenschaftlichen Interreg – Projekte, z. B. Studien über das grenzüberschreitende Wanderverhalten in den Kolonien „Sesvenna“ und „Weisskugel“ hat die Gemeinde Graun koordiniert. Die Tiere erhalten dafür einen Sender. Das aktuelle Projekt betreut die Gemeinde Schnals, weil es dort den landesweit größten Steinwildbestand gibt und dort auch der erste Steinbock im Jahr 1985 entnommen wurde. Beim nächsten Projekt wird es wohl die Gemeinde Moos treffen.

Wie bewerten Sie heute die Zusammenarbeit zwischen Südti­rol, Nordtirol und Graubünden – ist daraus ein Modell für andere grenzüberschreitende Naturschutz­projekte geworden?
Albrecht Plangger: Südtirol und vor allem das Pustertal und die Dolomiten hinken in der Steinwildforschung den Nachbarregionen Graubünden und Nordti­rol nach. Wir wollen jetzt alle benachbarten Kolonien in diesem Gebiet auf den gleichen wissenschaftlichen Stand bringen und dann gemeinsam Maßnahmen zur Verbesserung der genetischen Vielfalt, des Gesundheitszustandes oder der Habitate ergreifen. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit gemeinsamem Monitoring z.B. funktioniert sehr gut.

Der neue Managementplan 2027- 2031 muss von der römischen Fachbehörde ISPRA genehmigt werden. Welche konkreten Maßnahmen könn­ten darin erstmals verbindlich festgeschrieben werden?
Albrecht Plangger: Wir müssen durch zwei Ministerien. Das ist nicht einfach. Aber die Zusammenarbeit mit der ISPRA ist gut. Die ISPRA-Leute kommen im Juni eigens zu einem Steinwild-Workshop in die Eurac nach Bozen und da wird unser Amt für Wildtiermanagement die geeigneten Maßnahmen für eine weitere längerfristige Zusammenarbeit mit ISPRA erörtern.

Interview: Josef Prantl