

Carl Lun und Merans Weg in die Moderne.
Im Dezember 2025 erinnerte Meran an einen Mann, dessen Wirken bis heute im Stadtbild nachhallt: Carl Lun. Vor rund hundert Jahren, 1925, verstarb der Ingenieur, Bauunternehmer und Gemeindepolitiker, der die Entwicklung der Kurstadt in einer entscheidenden Wachstumsphase mitprägte.
1853 in Bozen geboren, studierte Lun am Polytechnikum in München und später in Wien. 1881 kam er nach Meran und gründete gemeinsam mit seinem Schwager Josef Musch das „Bureau für Architektur und Ingenieurbau Musch & Lun“. Die Stadt befand sich damals im Aufbruch. Der Kurbetrieb expandierte, neue Gästehäuser und Hotels entstanden, ganze Viertel wurden geplant.
Zu den frühen Projekten gehörte die Bebauung des sogenannten Waldergutes in Obermais, wo unter anderem das spätere Hotel Austria entstand. Von besonderer Bedeutung war der Stadt-Erweiterungsplan für das Gebiet zwischen Rennweg und Bahnhof aus dem Jahr 1881. Die damals entworfene Straßen- und Parzellenstruktur bildet bis heute das Rückgrat des Bahnhofsviertels. Auch das frühere Hotel Habsburgerhof, das heutige Hotel Bellevue, stehen exemplarisch für diese planerische Epoche.
Wer heute vom Bahnhof über die Freiheitsstraße Richtung Innenstadt geht, bewegt sich durch einen Stadtteil, dessen Grundlinien in jener Zeit gezogen wurden. Dazu zählt auch das ehemalige Bersaglio-Gebäude. Das frühere Schießstandgelände ist heute Heimat des Sportclub Meran sowie des Kulturvereins ost west club est ovest. Dass hier Sport und Kultur ihren Platz gefunden haben, zeigt, wie tragfähig die damaligen städtebaulichen Entscheidungen bis in die Gegenwart hinein wirken.
Luns Bedeutung erschöpfte sich jedoch nicht im Hochbau. Mit dem starken Wachstum Merans stiegen die Anforderungen an Infrastruktur. Fragen der Trinkwasserversorgung, der Regulierung von Gewässern, des Straßenbaus und der technischen Ausstattung einer modernen Kurstadt rückten in den Mittelpunkt. Lun war an zahlreichen Projekten beteiligt, die diese Grundlagen verbesserten. Auch öffentliche Bauten jener Zeit stehen im Zusammenhang mit dieser Entwicklungsphase, etwa das heutige Krankenhaus Meran oder die Synagoge Meran, die beide Ausdruck einer wachsenden und sich differenzierenden Stadtgesellschaft waren.
Ein Meilenstein war die 1897 erfolgte Mitbegründung der Etschwerke. Mit dem Kraftwerk an der Töll begann die systematische Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung für den Raum zwischen Meran und Bozen. Die Elektrifizierung der Talebene brachte einen nachhaltigen Entwicklungsschub für Handwerk, Gewerbe und Hotellerie und stärkte die Wettbewerbsfähigkeit der Passerstadt.
Darüber hinaus engagierte sich Lun für die touristische Erschließung des Alpenraums. 1895 war er an der Gründung des „Vereins für Alpenhotels in Tirol“ beteiligt. Hotels in Sulden, Trafoi und am Karersee stehen für diese Phase, in der technische Planung und touristische Vision ineinandergriffen.
1905 erhielt Lun den Titel „Baurat“, 1923 wurde er zum Ehrenbürger von Meran ernannt. Hundert Jahre nach seinem Tod zeigt sich sein Vermächtnis weniger in spektakulären Einzelbauten als in funktionierenden Strukturen. Straßenachsen, Energieversorgung, öffentliche Einrichtungen und gewachsene Quartiere erzählen von einer Zeit, in der Meran den Schritt in die Moderne wagte und von einem Ingenieur, der diesen Prozess maßgeblich mitgestaltete.
Thomas Kobler