

1981 schlossen sich Bäuerinnen aus dem ganzen Land zur Südtiroler Bäuerinnenorganisation zusammen. Ein Geschenk des Bauernbundes an seine Frauen zum 75-Jahr-Jubiläum. Heuer riefen die Vereinten Nationen das „Internationale Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen“ aus.
Die Bäuerinnen reden mit, gestalten mit!
Der langjährige Sekretär der Bauernjugend, Georg Viehweider, wurde erster Landessekretär der Bäuerinnen und brachte es schon damals auf den Punkt: „Wer denkt, organisierte Bäuerinnenarbeit sei ein Strickclub, wird eines Besseren belehrt.
Heute, Jahrzehnte später, hat diese Vision nichts an Aktualität verloren. Dass die Vereinten Nationen das heurige Jahr zum „Internationalen Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen“ ausgerufen haben, ist umso bemerkenswerter. Die immer noch wenig sichtbare, aber zentrale Rolle von Frauen in der Landwirtschaft soll damit weltweit stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Bäuerinnen sollen das Gewicht erhalten, das ihnen zusteht.
Gleichzeitig soll das Jahr auch auf die Herausforderungen aufmerksam machen, denen Bäuerinnen heute gegenüberstehen. Vor allem Frauen in benachteiligten Regionen der Welt sollen mehr Sichtbarkeit erhalten. Ihre Arbeit findet oft im Hintergrund statt.
Das war seit der Gründung das Anliegen der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, wie auf der Webseite der Organisation zu lesen ist. Ziel sei es, „die Stellung der Bäuerin im gesellschaftlichen und berufsständischen Leben zu fördern und zu unterstützen“. Doch auch nach 45 Jahren zeigt sich immer noch Handlungsbedarf. Nur rund 15 Prozent der Höfe werden bei uns von Frauen geführt und in den Gremien der landwirtschaftlichen Genossenschaften liegt ihr Anteil sogar nur bei fünf Prozent. Dabei sind es gerade die Bäuerinnen, die Hof und Familie täglich im Gleichgewicht halten.
Glücklich im Beruf
Mit mehr als 16.700 Mitgliedern ist die Südtiroler Bäuerinnenorganisation die größte Frauenorganisation des Landes. Ein zentrales Anliegen ist ihr die nachhaltige und soziale Entwicklung des ländlichen Raums. Der Zusammenhalt unter den Bäuerinnen ist stark – egal, ob sie im Tal oder auf dem Berg tätig sind. Eine Umfrage aus dem Jahr 2022 ergab, dass 97 % der Bäuerinnen ihren Beruf aus Überzeugung ausüben. Die bäuerliche Gemeinschaft ähnelt oft einer großen Familie, in der Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung großgeschrieben werden.
Als Milchbotschafterinnen sensibilisieren Bäuerinnen beispielsweise Grundschulkinder für die Landwirtschaft. Gleichzeitig müssen immer mehr Bäuerinnen Nebentätigkeiten nachgehen, vor allem zur Existenzsicherung, da das Einkommen auf vielen Höfen, besonders bei Bergbauern, nicht ausreicht. Durch die Mechanisierung hat sich die körperliche Belastung zwar verringert, dennoch ist die Arbeit auf dem Hof sehr anstrengend. Heute verfügen viele Bäuerinnen über eine gute Ausbildung, auch in anderen Bereichen. Besonders die Arbeit in der Natur, die Selbstständigkeit und die flexible Gestaltung der Arbeitszeiten tragen zu ihrer Zufriedenheit bei. Die Rolle der Bäuerinnen hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Sie sind heute viel selbstbewusster und selbstständiger als früher – auch dank der zahlreichen Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung, die die Südtiroler Bäuerinnenorganisation anbietet. 
Botschafterinnen der Landwirtschaft
2026 sollte mehr sein als nur ein symbolisches Jahr. Es ist an der Zeit, das Klischee des Mannes am Traktor hinter sich zu lassen und eine Realität zu schaffen, in der Frauen auf dem Hof nicht nur mitarbeiten, sondern mitgestalten, Entscheidungen treffen und die Zukunft der Landwirtschaft aktiv mitprägen. Ein Jahr, das sichtbar macht, was längst Realität ist: Ohne Bäuerinnen gäbe es keine Landwirtschaft. Unter dem Motto „Gemeinsam sichtbar werden“ sollen im Laufe des Jahres zwölf Porträts von Frauen präsentiert werden, die Landwirtschaft prägen: Jung- und Altbäuerinnen, Voll- und Nebenerwerbsbäuerinnen, Frauen, die Traditionen bewahren und gleichzeitig Innovationen vorantreiben. Sie wirtschaften, vernetzen, vermarkten direkt, gestalten soziale Landwirtschaft und stärken regionale Kreisläufe. Ihre Arbeit ist vielseitig – und unverzichtbar.
Begleitet wird das Jahr von Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem Frauenmuseum Meran und der Arbeitsgruppe „Frauen in der Landwirtschaft“. Gespräche, Begegnungen und Einblicke sollen zeigen, was sonst oft verborgen bleibt – und Raum für Austausch und neue Perspektiven schaffen.
Auch Publikationen wie der Tiroler Bauernkalender 2026 widmen sich schwerpunktmäßig der Rolle der Bäuerinnen, von rechtlicher und sozialer Absicherung bis hin zu persönlichen Porträts und internationalen Beispielen. Insgesamt soll 2026 ein Jahr sein, in dem Bäuerinnen gesehen, gehört und gestärkt werden – für mehr Gerechtigkeit, Einfluss und eine nachhaltige Zukunft der Landwirtschaft.
„Die Altersvorsorge der Bäuerinnen ist unzureichend“
Wie leben Bäuerinnen? Welche Unterstützung benötigen sie? Welche Ideen bringen sie für die Landwirtschaft der Zukunft ein? Darüber sprach die BAZ mit der Landesbäuerin Antonia Egger Mair.
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Bäuerinnen ausgerufen. Brauchen wir so etwas wirklich?
Antonia Egger Mair: Ja, es ist wichtig, dass die Arbeit der Bäuerinnen sichtbar wird. Frauen übernehmen auf den Höfen zahlreiche Aufgaben, die oft im Hintergrund stattfinden – Aufgaben, die für das Funktionieren des Familienbetriebs unverzichtbar sind. Dazu gehören die Hausarbeit, die Betreuung der Kinder sowie die Pflege der älteren Generation. In vielen Fällen liegt zudem die gesamte Büroarbeit des Betriebs in ihren Händen. Das bedeutet viel Verantwortung, die jedoch häufig nicht gesehen und damit auch innerhalb der eigenen Familie nicht immer ausreichend wertgeschätzt wird. Das Internationale Jahr der Bäuerin soll genau hier ansetzen und den Selbstwert der Frauen auf den Höfen stärken. Durch diese weltweite Anerkennung können wir Bäuerinnen selbstbewusst sagen: Wir sind ein zentraler Teil des Betriebs – und unser Beitrag ist wesentlich für dessen Erfolg.
Was motiviert Frauen heute dazu, Bäuerin zu werden?
Die Gründe, warum sich Frauen heute für den Beruf der Bäuerin entscheiden, sind vielfältig. Zentral ist jedoch immer die Freude an der Arbeit in und mit der Natur. Viele sehen darin auch die Chance, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. Und wenn eine Frau von außen auf einen Hof kommt, ist es häufig die bewusste Entscheidung, gemeinsam mit ihrem Partner ein gemeinsames Projekt – den Bauernhof – weiterzuentwickeln und zu gestalten.
Spielen Frauen in der Landwirtschaft eigentlich eine wirkliche Rolle, wenn man bedenkt, dass gerade einmal 15 Prozent bei uns einen Hof führen und bloße fünf Prozent in Genossenschaften vertreten sind?
Sie spielen eine große Rolle. Landwirtschaftliche Betriebe sind in erster Linie Familienbetriebe, und für eine Familie braucht es selbstverständlich auch die Frauen. Als Familien arbeitet man nicht nach einem fixen Stundenplan, sondern man organisiert und gestaltet den Betrieb gemeinsam. Frauen verfügen über gute Ausbildungen, haben oft einen eigenen Beruf ausgeübt, bringen vielfältige Erfahrungen mit und kommen nicht selten aus anderen Betrieben. Dadurch haben sie einen objektiveren, frischen Blick auf den Hof. Dieser neue Blick führt in vielen Fällen dazu, dass Betriebe neu ausgerichtet oder weiterentwickelt werden. Dass Frauen in den Verwaltungsräten der Genossenschaften noch wenig vertreten sind, ist unbestritten. Hier braucht es geeignete Rahmenbedingungen: Sitzungstermine müssen anders gedacht werden, und Männer müssen zu Hause auch Kinderbetreuung übernehmen, damit Frauen den zeitlichen Freiraum erhalten. Und schließlich stellt sich auch die Frage: Ist man immer bereit, im Vorstand auf einen Mann zu verzichten?
Die Südtiroler Bäuerinnenorganisation wurde bereits 1981 gegründet. Wie wichtig ist es, dass Frauen im Bauernbund mitmischen?
Es ist von großer Bedeutung, dass Frauen mitbestimmen. Durch die Gründung der Südtiroler Bäuerinnenorganisation sind die Bäuerinnen mutiger und selbstbewusster geworden. Frauen bringen häufig eine andere Sichtweise ein, die für die Weiterentwicklung der Landwirtschaft wertvoll ist. Das Organigramm des Bauernbundes sieht zudem vor, dass Orts , Bezirks und Landesbäuerin in den jeweiligen Gremien des Bauernbundes Sitz und Stimme haben und das ist sehr wichtig, um ihre Perspektiven in Entscheidungsprozesse einzubringen.
Der wirtschaftliche Druck auf die Bauernhöfe nimmt zu, das lässt soziale Aspekte vielfach in den Hintergrund geraten – wie die hohe Arbeitsbelastung, finanzielle Probleme oder Konflikte im Zusammenleben der Generationen. Wie geht es unseren Bäuerinnen?
Sicher, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie ein Sprichwort sagt. Man kann nichts schönreden. Die Belastung der bäuerlichen Familie, oft besonders für die Bäuerin ist groß: Familie, Haushalt, Versorgung der Gäste, die Erntezeiten; viele Bäuerinnen gehen einer Arbeit außerhalb des Betriebes nach, um zum Erhalt des Hofes beizutragen. Investitionen und auch die viele Arbeit lassen wenig bis gar keine Auszeiten zu. Auch das Zusammenleben mehrerer Generationen ist nicht immer unproblematisch, aus einem Traum vom guten Miteinander kann ein Alptraum werden. Da ist von allen Seiten ein wertschätzender und respektvoller Umgang miteinander wichtig. Aber die letzte Bäuerinnenumfrage stimmt mich doch zuversichtlich, denn 97 Prozent der Bäuerinnen haben Freude an ihrem Beruf, trotz aller Herausforderungen.
Südtirols Bäuerinnen bieten vielfältige Dienstleistungen an, z.B. „Aus unserer Hand“, so heißt die Marke, unter der Bäuerinnen verschiedene Kurse, Führungen, Cateringservice und Schulprojekte anbieten. Wie hat sich das Projekt bewährt? Gibt es weitere Initiativen?
Wir sind mit dem Projekt sehr zufrieden. Gemeinsam mit den Fachschulen für Land- und Hauswirtschaft haben wir bereits vor Jahren ein Ausbildungsangebot entwickelt und dieses kontinuierlich weitergeführt und weiterentwickelt. Dadurch konnten wir den Bäuerinnen eine wertvolle Möglichkeit zum Zuerwerb bieten. Gleichzeitig ist das Projekt zu einer wichtigen Kommunikationsplattform für die Landwirtschaft geworden: bäuerliches Wissen wird vermittelt, der Alltag auf den Höfen sichtbar gemacht, und Produzentinnen und Produzenten treten direkt mit Konsumentinnen und Konsumenten in Kontakt. Für viele Bäuerinnen ist es zudem bedeutsam, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Alle Angebote werden sehr gut angenommen, und wir arbeiten laufend an neuen Inhalten und Formaten, um das Angebot weiter auszubauen.
Wie steht es um die Altersabsicherung unserer Bäuerinnen?
Die Altersabsicherung der Bäuerinnen, aber auch der Bauern, ist nicht gut, eigentlich sogar unzureichend. Über die Direkteinzahlungen lässt sich keine angemessene Pension aufbauen, und für private Rentenfonds fehlt in den meisten Betrieben schlicht der finanzielle Spielraum. Besser gestellt sind jene Bäuerinnen und Bauern, die einem Zweitberuf nachgehen und dadurch zusätzliche Beiträge leisten können – allerdings bedeutet das für sie auch eine erhebliche Mehrfachbelastung.
Was plant die Südtiroler Bäuerinnenorganisation im heurigen UN-Jahr?
Das Frauenmuseum Meran gestaltet zum Internationalen Jahr der Bäuerin die Gastvitrine – und das nehmen wir zum Anlass, gemeinsam am 5. März um 18 Uhr zur Eröffnungsfeier ins Frauenmuseum einzuladen. Im Frühjahr bieten wir und das Frauenmuseum in Kooperation mit der Urania Meran Workshops mit Bäuerinnen aus dem Projekt „Aus unserer Hand“. Dort wird gefilzt, gekocht und Naturkosmetik hergestellt. Im Sommer planen wir ein gemütliches Sommertreffen, das vor allem dem Austausch dient. Und am 15. Oktober, dem Welttag der Landfrauen, findet eine fachliche Veranstaltung statt. Wir freuen uns sehr, dass die Arbeitsgruppe „Frauen in der Landwirtschaft“ auch aktiv mitwirkt und wir in diesem besonderen Jahr vieles gemeinsam auf die Beine stellen dürfen. Genauere Informationen werden rechtzeitig bekannt gegeben. Über das gesamte Jahr hinweg werden wir außerdem Bäuerinnen vorstellen: Monat für Monat zeigen wir auf unseren Social-Media-Kanälen die Vielfalt der Frauen auf den Höfen. Das erste Video ist bereits online, und alle Inhalte können selbstverständlich auf unserer Homepage www.baeuerinnen.it nachgesehen werden.
Josef Prantl