

Was bisher geschah: 1895 gilt als Geburtsjahr des Kinos. Nur zwei Jahre dauerte es, bis das neue Medium auch in der Kurstadt an der Passer anzutreffen war. Bis es hier allerdings ein fixes Kino gab, sollte es noch einige Jahre dauern. Doch dann war der Siegeszug nicht mehr aufzuhalten.
Der Gastronom Max Schweiggl, der den „Ruf eines tüchtigen Wirtes genießt“, betritt um die Jahrhundertwende die Bühne. Zu Beginn des Jahres 1900 übernimmt er das Restaurant „Andreas Hofer“, in dem neben kulinarischen Köstlichkeiten auch ein reichhaltiges Konzertprogramm geboten wird. Fünf Jahre später verlegt er seine beruflichen Tätigkeiten von der Meinhard- in die Habsburgerstraße. Dort kauft er von Kaspar Blaas, von dem wir noch hören werden, das Hotel Europa.
Unser Rundgang durch das cineastische Meran beginnt deshalb in der Freiheitsstraße. Damals war diese noch nach den in Österreich-Ungarn regierenden Habsburgern benannt. Schweiggl, der Mitglied der Gemeindevertretung war, galt als liberal und fortschrittlich, wetterte aber trotzdem gegen die elektrische Tram, die vor seinem Hotel vorbeifuhr und deren Lärm seiner Meinung nach die Idylle der Kurstadt störe. Erfolg hatte er damit jedoch nicht. Die Tram blieb. Dafür bemühte er sich um eine Konzession für einen Kinematographen. Im Spätsommer 1908 wurde seinem Ansuchen stattgegeben. Nun stand dem ersten Kino in Meran nichts mehr entgegen. Am Samstag, 14. November 1908 eröffnete das Theaterkino mit 200 Sitzplätzen im alten Theatermagazin in der Habsburgerstraße 44. Es lag neben dem späteren Café König. Das Programm in der ersten Woche bestand aus mehreren Filmszenen, darunter „Hunde im Dienste der Armee (Hochinterr. Naturaufnahme)“, „Der kleine Zauberer (sehr komisch)“, „Wie Amalie einen Gatten fand“, „Der Hafen von Genua“ und „Es riecht nach Knoblauch“. Das Publikum war von der neuen Unterhaltungsmöglichkeit begeistert und nutzte sie häufig. Drei Mal pro Woche wechselte das Programm, um es bei Laune zu halten und immer wieder in das Kino zu locken. Eigentlich müsste es „in den Kino“ heißen, denn in den Anfangsjahren wurde der Begriff „Kino“ als Abkürzung für „Kinematograph“ noch mit einem männlichen Artikel verwendet. Auch wurde die Länge der Filme mitunter in Metern und nicht in Minuten angegeben. So bewarb man 1911 die Produktion „Tristan und Isolde“ mit dem Hinweis, der Film sei über 700 Meter lang. Etwa drei Jahre nach der Eröffnung verkaufte der Malermeister Karl Tautz das Gebäude, in dem sich das Lichtspieltheater befand, an Max Schweiggl und Chrysostomus Sanig. Im Jahr 1913 geriet Schweiggl aber in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Er musste Konkurs anmelden, mehr noch, zusammen mit einem Vertreter eines Hotelwäschegeschäfts wurde er wegen Unregelmäßigkeiten beim Ausstellen von Rechnungen sogar verhaftet. Die Lizenz für das Kino ging an Sanig über, der es in den folgenden Jahren betrieb. Das Programm war breitgefächert und nutzte die Möglichkeiten des Mediums mit Komödien, Dramen, Reiseberichten und Naturaufnahmen, aber auch Sportveranstaltungen und wöchentlichen Nachrichten. Fünf oder sechs Aufführungen pro Tag waren keine Seltenheit.
Mittlerweile hieß der obere Teil der Freiheitsstraße Corso Principe Umberto und das Lichtspieltheater war ab 1937 als Marconi-Kino bekannt. Mit der Namensänderung wurde das Programm politischer. Einer der ersten Filme, die hier gezeigt wurden, war der mit dem Mussolini-Pokal prämierte Monumentalfilm „Scipio, der Afrikaner“. Mit Hunderttausenden Komparsen wurde der Kampf zwischen Rom und Karthago auf die Leinwand gebracht. Der Propagandafilm war mit massiver staatlicher Unterstützung als erster Film in der Cinecittà gedreht worden, an den Kinokassen blieb er trotzdem erfolglos. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Marconi zum Meraner Stadtbild. Im Jahr 1980 schloss es dann für immer seine Tore – als eines der ersten Opfer des Kinosterbens.
Die Leinwand übernahm damals der neugegründete Filmclub … Fortsetzung folgt.
Christian Zelger