
966 gab es in Meran sieben Kinos. Manche werden sich vielleicht noch an Namen wie Marconi, Ariston, Odeon, Apollo, Italia, Puccini oder Lux erinnern. Ein guter Grund, 60 Jahre danach einen historisch-
cineastischen Rundgang durch Meran zu wagen. Eine Straßengeschichte in mehreren Teilen.
Die Geschichte beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. In Frankreich, Deutschland und den USA experimentierten Erfinder und Tüftler unabhängig voneinander mit bewegten Bildern. Im November 1895 stellten Max und Emil Skladanowsky in Berlin als Schlussnummer eines Varieté-Programms mit ihrem Bioscop aufgenommene Filmszenen vor. Die siebenminütige Aufführung zeigte unter anderem tanzende Kinder, einen Jongleur sowie ein boxendes Känguru. Bereits im März desselben Jahres hatten die Brüder Auguste und Louis Lumière in Paris ihre kurzen Filmaufnahmen vor einer geschlossenen Gesellschaft präsentiert. Am 28. Dezember 1895 spielten sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum vor zahlendem Publikum ihr zwanzigminütiges Programm. Dies wird von vielen als Geburtsstunde des Kinos angesehen. Ihr patentierter Kinematograph war Filmkamera und -projektor in einem. Die „lebende Photographie“, wie sie genannt wurde, war nun die neue Attraktion auf den Jahrmärkten. Es wurden verschiedene Geräte angepriesen, doch der technisch ausgereiftere Apparat der Lumières verbreitete sich am schnellsten. Gezeigt wurden Alltagsszenen oder künstlerische Darbietungen in schwarz-weiß und noch ohne Ton. Der wohl berühmteste Film der Brüder wurde im Jänner 1896 uraufgeführt. Er trägt den Titel „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“, dauert weniger als eine Minute und zeigt genau das, was im Titel beschrieben wird. Dass die Menschen in Panik vor dem auf sie zufahrenden Zug wegliefen, ist eine schöne Geschichte, aber lediglich eine Legende. Als Werbung taugte sie allemal. In Gasthäusern und Hotels wurden nun für die neueste Erfindung der Unterhaltungsbranche eigene Räume eingerichtet. Auch Wanderkinos, die von Ort zu Ort zogen, trugen dazu bei, das neue Medium zu verbreiten.

Bewegung in Meran
Bereits Ende 1896 wurde der erste Film in Südtirol vorgeführt. Ab 21. November präsentierte das Bozner Hotel Greif fünf Mal täglich mit einem Kinematographen kurze Filmszenen. Für 40 Kreuzer konnten die Zuschauer „Episoden aus der Gegenwart, Tänze, Ringkämpfe, Ankunft von Eisenbahnen, Schiffen […] in geradezu verblüffender Weise und überraschender Naturtreue und natürlicher Größe und natürlichen Bewegungen“ erleben. Ein gutes halbes Jahr später erreichte die Begeisterung dafür auch die Kurstadt. Im Juli 1897 pries die Buch- und Kunsthandlung S. Pötzelberger „Lebende Photographien in der Westentasche (Kinematograph)“ an. Das „Etablissement Andreas Hofer“ in der Meinhardstraße ging ab Dezember noch einen Schritt weiter. Unter der Bezeichnung „Edison-Theater“ kombinierte es einen Kinematographen mit einem Phonographen, also einen Filmprojektor mit einem Tonabspielgerät. So lernte das Bild nicht nur laufen, sondern auch sprechen – „ohne Hörschläuche laut und deutlich für Hunderte Personen hörbar“. In den folgenden Jahren wurden Programm und Technik verbessert. Als 1899 eine gefilmte Schneeballschlacht gezeigt wurde, warb man damit, dass die Bilder nun wesentlich größer seien. Ludwig Geni, der bis dahin mit seinem Zauber-, Geister- und Spezialitäten-Theater unterwegs war, verlagerte seine Aktivitäten auf das Filmezeigen und sorgte für den nötigen Wettbewerb. Er ließ sich mit seinem Bioscop neben dem Schlachthaus nieder und projizierte bewegte Bilder in Lebensgröße. Von diesen Wandervorstellungen hin zum ersten festen Meraner Kino waren es noch einige Schritte. Im Jänner 1900 übernahm der Hotelier Max Schweiggl das „Andreas Hofer“ und 1905 das „Hotel Europa“ in der Habsburgerstraße (heute: Freiheitsstraße). Im September 1908 erteilte ihm der Meraner Gemeinderat endlich eine Konzession für ein Kinematographen-Theater …
Fortsetzung folgt.
Christian Zelger