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Verpflichtung seit Jahrhunderten

Als seine Großmutter gehört sie zu den bekanntesten Personen rund um Jesus, dabei wird sie in der Bibel gar nicht erwähnt: die Heilige Anna. Trotzdem wird sie zusammen mit ihrem Mann Joachim seit dem Mittelalter verehrt. In Tscherms gibt es eine St.-Anna-Kirche samt St.-Anna-Weg.

Am 4. Dezember 1846 veröffentlichte das „Bozner Wochenblatt“ den Hinweis auf eine bevorstehende Versteigerung. Im Nachlass des drei Monate zuvor an Lungensucht verstorbenen Rittmeisters Johann von Schöpfer befanden sich 350 Yhren Rot- und Weißwein, das entspricht in etwa 27.000 Liter. Der Wein, der „aus sogenannten Krätzer – als Most präparirten – und Prutzler – von den Stengeln gereinigten Weine“ bestand, wurde in der Wohnung des Erblassers in Baslan oberhalb Tscherms gegen sofortige Barzahlung versteigert. Wie hoch der Erlös war, hat man nie erfahren.

Der Familienname von Schöpfer ist eng verbunden mit dem Ort und der St.-Anna-Kirche. Bartholomäus Schöpfer, getauft 1608 in Lana, war Zöllner am Gampen, Gerichtsanwalt in Marling und Gutsbesitzer in Baslan. Im Alter von 54 Jahren beschloss er, zum Lobe Gottes auf eigene Kosten eine kleine Kirche zu erbauen. Nicht anders als heute, benötigte er dafür eine Baugenehmigung. Von weltlicher Seite erteilte Graf Karl Siegfried Fuchs die Bewilligung, von kirchlicher Seite Provikar Johannes Leonardellus – mit der Auflage, das Kirchlein dem Namen Jesu, der Jungfrau Maria und den Heiligen Josef, Joachim und Anna zu weihen. Ebenfalls wenig anders als heute, gilt es für die Erhaltung der Immobilie zu sorgen. Damit die Kirche auch in Zukunft abgesichert war, wurde sie mit einigen Gütern wie Wiesen und Äckern ausgestattet. Dafür sollten für die Schöpfer’sche Verwandtschaft jährlich 18 Messen gelesen werden. 1843 verpflichtete sich dann der eingangs erwähnte Rittmeister Johann durch eine weitere Stiftung die Erhaltung der Kapelle sicherzustellen. Dazu gehörte das Gebäude als solches, wie auch die Ausstattung, die das Feiern der Heiligen Messe jederzeit ermöglichen solle. Schon früher hatten sich andere Schöpfer in St. Anna verewigt. Am Fuß des Altarbildes ließ Bartholomäus’ Sohn eine Inschrift anbringen, die auf die Bautätigkeit 1663 hinweist. 1681 finden wir einen Franz Schöpfer mit seiner Frau Katharina Herzog, die den Altar und seine Vergoldung finanziert haben.

Die Ursprünge der Kirche gehen, wie erwähnt, auf eine Privatstiftung zurück. Auch noch im 20. Jahrhundert spürte man diese Verpflichtung. Der Putz bröckelte bereits von den Außenmauern, der Innenraum wies Schäden auf, eine Entfeuchtung erwies sich als ebenso notwendig. Die Familie Schrötter, Besitzer des Schöpferhofs, zu dem St. Anna gehört, ließ deshalb das Kirchlein gründlich restaurieren und stiftete eine zweite Glocke. Das ehemalige Ge­läut wurde, wie so viele andere, während des Ersten Weltkrieges im Zuge der Metallbeschaffung abgenommen und eingeschmolzen. Eine erste neue Glocke, möglich durch die „großmütige Spende mehrerer Wohltäter“, wurde bereits 1927 zur „allgemeinen Freude der Fraktion und der Umgebung“ feierlich eingeweiht, schreiben die „Dolomiten“. Doch die Glocken waren nicht das Einzige, das im Laufe der Zeit abhanden gekommen war. Als die vollständig restaurierte Kirche am St.-Anna-Tag 1986 von Dekan P. Peter Lantschner und Pfarrer Alois Zelger wiedereingeweiht wurde, konnte man das neugeschaffene Altarbild von Ernst Müller bewundern. Das barocke Altarbild war zusammen mit anderen Kunstwerken schon vor längerer Zeit gestohlen worden.

Am 13. März 1931 berichtete die „Alpenzeitung“ von der neuen Straße von St. Anna. Der damalige Podestà Costantino Cologna hatte alle ins Gemeindeamt eingeladen, die an einer befahrbaren Straße, die von der Kirche St. Anna zum Schloss Baslan führt, interessiert waren. Die Arbeiten hatten bereits begonnen und wurden durch Beiträge jener finanziert, die sie für die Zufahrt zu ihren Grundstücken benötigten. Heute verbindet der St.-Anna-Weg die Lebenbergerstraße mit dem Leitenweg.
Christian Zelger