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Duell der Großmeister

Die zweischneidige „Meraner Variante“ kennen passionierte Schachspieler. Ihren Namen erhielt diese aggressive Eröffnung 1924 beim internationalen Schachturnier in Meran. Schach hat in Meran eine lange Tradition. Vor 40 Jahren fand hier sogar die Weltmeisterschaft statt. Ing. Siegfried Unterberger war es gelungen, die Weltmeisterschaft in die Kurstadt zu holen.

von Josef Prantl

Den Älteren ist der Konflikt zwischen den USA und der UdSSR noch in guter Erinnerung. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges stand Meran vor genau 40 Jahren im Mittelpunkt des Weltinteresses, wenn es um Schach ging. Trafen sich hier im Herbst 1981 doch der linientreue Russe Anatoli Karpow und der in die Schweiz geflüchtete Viktor Kortschnoi zur Schachweltmeisterschaft.
Benny Andersson und Björn Ulvaeus, besser bekannt als der männliche Part der schwedischen Popgruppe ABBA, komponierten drei Jahre später darüber ein Musical. „Chess“ heißt es und „One Night in Bangkok“ erreichte Spitzenplätze in den internationalen Charts. Aber das Auftaktstück ist „Merano“ und handelt von den Vorbereitungen auf die Schachweltmeisterschaft in Meran von 1981.
Das Turnier vom 1. Oktober bis 20. November erregte weltweit großes Aufsehen. Im Kampf zwischen dem linientreuen Karpov und dem Dissidenten Kortschnoi spiegelte sich auch der Ost-West-Konflikt. Bereits in der vorangehenden Schachweltmeisterschaft 1978 war Kortschnoi der Herausforderer von Karpow gewesen und dass Kortschnoi, welcher der Sowjetunion den Rücken gekehrt hatte und als Verräter galt, nun wieder der Herausforderer oder gar Weltmeister werden sollte, passte den sowjetischen Behörden schon gar nicht ins Konzept, verlieh der Weltmeisterschaft in Meran aber besondere Brisanz.

Viktor Kortschnoi

Wie es Bauingenieur Siegfried Unterberger damals geschafft hat, eine derart große Veranstaltung in die Stadt zu bringen, kommt einem kleinen Wunder gleich. Unterberger zählte in seiner Jugend zu den besten Schachspielern Südtirols, weiß Luca D’Ambrosio, Vizepräsident des Schachclubs ARCI Bozen und Mitorganisator der Südtiroler Schachtage vom 22. bis 27. Juli, die heuer dem 40. Jahrestag der Schachweltmeisterschaft von 1981 gewidmet sind.
Dass Meran auf eine lange Schachtradition verweisen konnte, waren für Unterberger und das Organisationsteam (darunter Franz Alber, Georg Schedereit, Udo Perkmann) möglicherweise auch hilfreich. Bereits 1924 und 1926 waren hier internationalen Turniere ausgetragen worden. Luca D’Ambrosio hat darüber ein beachtliches Buch verfasst. Die Weltmeisterschaft von 1981 verschaffte der Stadt aber einen ewigen Platz in der Schachgeschichte. Der Wettkampf fand in den damaligen Thermen statt, Sieger sollte derjenige sein, der als Erster 6 Partien gewonnen hat. Haupt­schieds­rich­ter des Wettkampfs war der Ecuadorianer Paul Klein, weitere Schiedsrichter waren die Österreicherin Gertrude Wagner und der Isländer Guðmundur Arnlaugsson.

Duell mit Gift und Galle

Karpov (links) und Kortschnoi (rechts) lieferten sich vor 40 Jahren in Meran ein wochenlanges spannendes Schachduell bei der Weltmeisterschaft

Das Hickhack des Zweikampfes fand schon vor dem ersten Zug am 1. Oktober statt, schreibt Andreas Steger, Präsident des Südtiroler Schachbundes, in seinen Erinnerungen. Sein Bericht gibt die Ereignisse von damals spannend wieder: „Die Sowjets übermittelten der Organisation einen 70 Punkte umfassenden Katalog voller Forderungen. Einige Vorarbeiten leistete die Karpov-Delegation selbst: Mit einem Geigerzähler wurde die radioaktive Strömung aufzuspüren versucht, Aufzeichnungen über die klimatischen Verhältnisse wurden gemacht und Trinkwasseranalysen erstellt. Sogar die Kriminalitätsrate in Meran wurden genauestens unter die Lupe genommen: Berichte über geplante Entführungen bereiteten den Sowjets Kummer. Als der Delegation von Kortschnoi aber unmittelbar vor dem Wettkampf ein Artikel der Nachrichtenagentur TASS zugespielt wurde, in dem das Privatleben Kortschnois in diffamierender Weise ausgebreitet wurde, kam es beinah zum Eklat. Kortschnoi forderte über seinen Pressesprecher die freie Ausreise seiner Frau Isabella und seines inhaftierten Sohnes Igor. Einer Pressekonferenz blieb er fern: Er war sehr erbost darüber, dass die sowjetische Presse die Beziehung zu seiner Managerin Petra Leeuwerik (seine heutige Lebensgefährtin) unter die Lupe genommen hat. Karpov wich allen in diese Richtung zielenden Fragen aus, betonte aber, dass es Kortschnoi liebe, die Stimmung anzuheizen. Brodbeck, Kortschnois Delegationsleiter, sprach von einer „Schweinerei ohnegleichen“. Petra Leeuwerik, die am Rande der WM bald im Mittelpunkt stand, fügte hinzu: „Je mehr Dreck die werfen, desto fester werden wir.“
Die Karpow-Delegation bezeichnete die Journalisten, die nach den Problemen Kortschnois fragten, aber als Störenfriede. Ein letztes Problem, das es auf dem Weg zur ersten Partie zu lösen galt, war die Angelegenheit mit der Flagge auf dem Tisch. Zwar war Kortschnoi zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Besitz der Schweizer Staatsbürgerschaft, Bern hatte ihm aber den Gebrauch der Fahne erlaubt. Anfangs gab es auch dagegen einen Einspruch von der sowjetischen Delegation, sie zeigte sich aber dann kompromissbereit. Schließlich einigte man sich über die Spieltermine: Spieltage waren der Montag, der Donnerstag und der Samstag. Jedem standen drei Auszeiten zur Verfügung. Sieger war, wer zuerst sechs Partien gewann. Remis-Partien zählten für die Wertung nicht.

Der Wettkampf beginnt

Ein sowjetischer Fachmann untersucht die Radio- ­aktivität unter den kritischen Augen von Unterberger

Beide Seiten bereiteten sich auf einen langen Herbst vor. Die Karpov-Delegation bezog ihr Revier in einem Meraner Luxushotel mit acht Containern, unter anderem mit sowjetischen Konserven und 7000 Büchern. Kortschnoi erschien angeblich mit mehreren Dutzend Koffern. Seine Ankunft und seine Unterkunft blieben geheim: Man fürchtete mögliche Aktionen des sowjetischen Geheimdienstes. Heute weiß man, dass er in Algund wohnte.Am 30. September 1981 fand die Eröffnung statt. Zum Händedruck zwischen den beiden Protagonisten kam es nicht. Eine österreichische Wochenzeitschrift wunderte sich aber, dass sich Karpow erhob, als die Untermaiser Bürgerkapelle die Schweizer Nationalhymne spielte. Alles blieb ruhig. Das, worauf viele gewartet haben, blieb aus. Der beiderseitige Wille zur Einsicht und Kompromissbereitschaft stach hervor. Das Duell konnte beginnen. Auf der einen Seite der linientreue Karpov, der mit „still, schlank, klein, feingliedrig, humorlos und introvertiert“ bezeichnet wurde, auf der anderen Seite der in den Westen geflüchtete Kortschnoi, der als „laut, groß, grob, humorvoll und extrovertiert“ galt, 1956 bei der Sowjet-Meisterschaft einem Gegner das Brett auf den Kopf warf und 1972 einen Großmeisterkollegen und früheren Weltmeister ohrfeigte. Kortschnoi, der für die erste Partie die weißen Steine gelost bekam, eröffnete mit dem c-Bauern. Als die Partie im 40. Zug abgebrochen wurde und Kortschnoi später aufgab, galt das als eine Überraschung. Dennoch glaubten viele, der Herbst in Meran würde noch lange dauern.  In der zweiten Partie geriet Kortschnoi wie schon in der ersten erneut in Zeitnot. Die Abbruchstellung verhieß für Kortschnoi nichts Gutes. Tags darauf nahm er den Kampf wieder auf, kapitulierte aber schon nach wenigen Zügen. Damit stand es bereits 2:0 für Karpov. Ein sensationeller Auftakt! Und auch jetzt wollte niemand an ein schnelles Ende glauben. Der Herausforderer war angeschlagen. Kortschnoi verließ Meran mit unbekanntem Ziel, hinter ihm blieben Vermutungen, er könnte den Kampf vorzeitig aufgeben. Seine Delegation dementierte dies energisch. Auch die Annahme, er könnte eine erste Auszeit nehmen, trat nicht ein: Auch wenn es den ganzen Tag keine Lebenszeichen von Kortschnoi gab, erschien er pünktlich um 17 Uhr zur dritten Partie. Nach 40 Zügen bot Karpov die Punktteilung an, was der Herausforderer auch annahm. Allerdings kam es zwischen den beiden Kontrahenten zu einem Verbalduell. Als die vierte Partie abgebrochen wurde, bahnte sich das Unheil an. Die Kortschnoi-Delegation hoffte bei der nächtlichen Analyse auf ein Wunder, doch Karpov spielte in der Fortsetzung konzentriert seinen Vorteil aus und zwang Kortschnoi zum dritten Mal in die Knie. 3:0 für Karpov, ein Traumstart für den Titelverteidiger, ein Desaster für den Herausforderer, der daraufhin eine Auszeit nahm.“

Karpov bleibt Weltmeister

Der Bozner Luca D’Ambrosio verfasste eines der fundiertesten Schachbücher

Insgesamt 18 Partien lieferten sich die zwei Schachgroßmeister bis zum 19. November: Ein Hin und Her mit vielen nervenaufreibenden Duellen, verbalen Ausfällen, Differenzen, die politische Hintergründe hatten, Drohbriefen, Verschwörungstheorien und endlos anmutenden Zügen auf dem Brett. Im Bericht von Andreas Steger heißt es: „Planmäßig begann am 19. November die achtzehnte Partie. Über den 13. Zug dachte Kortschnoi über eine Stunde, obwohl man die Stellung in der Vorbereitung genau analysiert hatte. Nicht zu Unrecht wurde vermutet, Kortschnoi hätte weder zu sich noch zu seinen Sekundanten so viel Vertrauen, die Varianten ohne größere Zeit­verluste zu spielen. Genau dies schien die Krise in Kortschnois Spiel zu demonstrieren. Als am Abend die Partie abgebrochen wurde, war es fraglich, ob sie wieder aufgenommen wird. Tags darauf ging es weiter. Aber nicht am Schachbrett.
Kortschnoi hatte dem Hauptschiedsrichter die Aufgabe übermittelt. Anatoli Karpov blieb damit Weltmeister. Er erhielt 500.000 Schweizer Franken, Kortschnoi blieben 300.000 Franken.“

Nachspiel: Unter den Zuschauern befand sich kein Geringerer als Stanley Kubrick, einer der größten Filmemacher der Filmgeschichte und selbst passionierter Schachspieler. „Kubrick kaufte nach der WM die zwei Stühle und den Tisch, an dem Karpov und Kortschnoi spielten“, erinnert sich Merans Schachclub-Präsident Claudio Tomisich, der über die Weltmeisterschaft von 1981 bei den Südtiroler Schachtagen am 26. Juli in der „Borodina“ einen Vortrag halten wird.

 

Südtirol im Zeichen des Schachspiels

Es bedurfte großen Mutes und eines starken Organisationstalentes in den Jahren 1924 und 1926 internationale Schachturniere in Meran auf die Beine zu stellen, ist Lukas Pichler überzeugt.

Organisierten die Südtiroler Schachtage 2021. v. l. Luca D’Ambrosio,
Claudio Tomisich und Lukas Pichler

„Der Faschismus hatte Südtirol schon fest im Griff und trotzdem war es gelungen, dass Frauen, Staatsbürger aus der Sowjetunion sowie Deutsche und Italiener ge­mein­sam am Turnier teilnahmen,“ sagt der Direktor des „Russischen Zentrums Borodina-Meran“.
Ohne diesen Hintergrund wäre es aber kaum 1981 zur Weltmeisterschaft in Meran gekommen. Zum heurigen 40. Jahrestag wird nun ein neues Kapitel Südtiroler Schachgeschichte aufgeschlagen, freut sich Pichler. Vom 22. bis 27. Juli finden in Meran und Bozen Turniere von Weltformat statt, mit internationalen Grö­ßen aus der Schachwelt.

Die BAZ sprach mit den Organisatoren der Südtiroler Schachtage, Luca D’Ambrosio, Vizepräsident des Schachclubs ARCI Bozen, Claudio Tomisich, Präsident des Schachclubs CSK Merania und Lukas Pichler vom „Russischen Zentrum Borodina“.

Meran hat eine alte Schachtradition. Bereits 1924 und 1926 fanden internationale Schachtuniere hier statt. Wie kam es dazu?
Luca D’Ambrosio: Die Turniere verdanken wir dem Augsburger Schachmeister Adolf Seitz.
Er hatte im Herbst 1923 im Turnier von Triest gespielt und reiste dann nach Meran. Hier angekommen gab er Simultanveranstaltungen, trat mit dem Schachklub Meran und der Kurverwaltung in Kontakt und organisierte das erste Meraner Turnier – unter sehr widrigen politischen Bedingungen, weil das faschistische Regime in Südtirol bereits klare Zeichen einer Diktatur trug. Noch größere Hürden musste Seitz fürs zweite Meraner Turnier im Dezember 1926 überwinden. Rückblickend ist es überhaupt ein Wunder, dass es zu diesen wichtigen Turnieren gekommen ist. Ein Glücksfall ist auch, dass Akiba Rubinstein im ersten Turnier mit großem Erfolg eine Neuerung des Damengambits erprobte, die seither „Meraner Variante“ heißt und nach fast 100 Jahren immer noch auf höchstem Niveau gespielt wird.

Wie ist es aber gelungen, 1981 sogar die Schachweltmeisterschaft nach Meran zu holen?

Das Meraner Organisationsteam mit Siegfried Unterberger in der Mitte

Luca D’Ambrosio: Bereits das Kandidatenfinale von 1980, bei dem der Herausforderer des Weltmeisters ermittelt wird, fand in Meran statt. Aber der Deutsche Robert Hübner brach den Wettkampf ab und die Organisatoren waren darüber enttäuscht. Aus diesem Grund reichte das Komitee auch die Kandidatur für den Weltmeisterschaftskampf ein. Mit viel Mut und Einsatz gelang es Ing. Siegfried Unterberger schließlich diesen Erfolg zu erringen. Seit 1948 hatte es keinen Weltmeisterschaftskampf mehr in Mitteleuropa gegeben, weshalb es für die Schachfans ein Riesenereignis war. Entsprechend groß war das Interesse der Medien, das Spiel wurde Mode und hat das in Südtirol sehr belebt. In der Folge ent­standen viele neue Vereine und die Anzahl der aktiven Spieler hat stark zugenommen.

Das Russische Zentrum „Borodina“ in Meran erinnert heuer mit mehreren Veranstaltungen an die Schach-WM in Meran vor 40 Jahren. Was ist konkret geplant?
Lukas Pichler: Wir organisieren gemeinsam mit dem Schachclub ARCI Bozen und dem Schachclub CSK Merania sowie dem Südtiroler Schachbund eine „Matrioschka“. Im Zentrum steht das 16. Schachtturnier „Bozner Open“, welches durch die Teilnahme russischer Großmeister in die Topliga aufsteigt. Ähnlich unseren Vor­gängern vor 100 Jahren, verzweifeln wir an deren Einreisegenehmigungen. Sofern alles gut geht, wird am 22. Juli Großmeister Ivan Popov im Pavillon des Fleurs im Meraner Kurhaus in einem Simultanspiel gegen 20 junge Südtiroler Schachspieler antreten und ihnen so Erinnerungen für ihr gesamtes Leben schenken. Vom 23. bis 25. Juli findet im Merkantilgebäude in Bozen ein starkes Turnier statt.
Wenn uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, werden wir vier Großmeister aus Russ­land bei uns haben, darunter 2 Frauen. Am 26. Juli wird die beste Schachspielerin Italiens, Olga Zimina, in der Borodina in Meran Spielbegeisterte, insbesondere aber die Jugend mit Workshops motivieren. Am 27. Juli wird einer der besten Südtiroler Spieler gegen die Schachkönigin antreten. Vorträge über die Geschichte des Schachs, die Turniere in Meran von 1924 und 1926, die Weltmeisterschaft von 1981 und die Meraner Variante ergänzen das Spielprogramm. In Workshops bieten wir Analysen der Partien in Bozen an, Meisterkurse und Trainings, also ein reiches Rahmenprogramm.

Sie pflegen die Beziehungen zwischen Russland und Meran, auch über das Schachspiel?
Lukas Pichler: Das Russische Zentrum ist vor allem ein Ort, an dem sich Südtiroler und Russen treffen, eine Plattform für Diskussionen, Begegnungen, kulturellem Austausch. Zudem hat es sich zur  Aufgabe gemacht, sowohl die russische Gemeinschaft in Südtirol als auch die Beziehungen Südtirols zu Russland zu unterstützen und zu fördern. Dass das Schachspiel in Russland eine sehr große Bedeutung hat, ist bekannt und die weltbesten Schachspieler sind Russen. Umso mehr bot sich an, die Südtiroler Schachtage dem heurigen 40-jährigen Jubiläum der Schachweltmeisterschaft in Meran zu widmen. Wir erwarten neben den Schachgroßmeistern auch hohe politische Vertretungen aus Moskau, darunter Dmitry Shtodin, den Generalkonsul der Russischen Föderation in Mailand und Aleksej Bondaruk, den stellvertretenden Leiter der Abteilung für Außen- und internationale Beziehungen der Stadt Moskau.

Hat Schach vor dem Hintergrund von Internet, sozialen Medien und digitalem Entertainment überhaupt noch eine Zukunft?
Luca D’Ambrosio: Absolut ja! Es werden mehr Schachpartien gespielt als je zuvor, auch dank der Handys. Man kann rund um die Uhr kostenlos mit Menschen aus aller Welt spielen. Vereine, die es schaffen den Mitgliedern etwas anzubieten, beispielsweise mit Kursen, internen Turnieren, Vorträgen usw. werden weiterhin bestehen, denn Menschen brauchen auch Kontakte miteinander, was uns die Pandemie auch gelehrt hat.

Südtirol könne auf eine mindestens 700-jährige Schachtradition zurückgreifen, schreiben Sie in Ihrem Buch „Die internationalen Schachturniere zu Meran 1924 und 1926“. Können Sie uns das näher erläutern?
Luca D’Ambrosio: Südtirol kann eine dokumentierte Schachtradition vorweisen, die über 700 Jahre alt ist. Auf dem Meraner Kreuzer um 1300 findet man Schachfiguren als Münzmeisterzeichen. Die Tiroler Fürsten kauften kostbare Steine und Bretter in Venedig. In den Klöstern und unter der Bevölkerung wurde Schach gespielt, und im 19. Jahrhundert gab es Schachvereine. Einer der stärksten Spieler seiner Zeit, der deutsche Daniel Harrwitz, verbrachte seine letzten Jahre in Bozen, wo er 1884 starb.

Wer bzw. wo sind die „Karpovs“ und „Kortschnois“ von heute?
Luca D’Ambrosio: Derzeit ist der Norweger Magnus Carlsen Weltmeister, gewaltige Spieler gibt es in Russland, China, Indien, Armenien, den USA. Eine dominierende Nation ist nicht mehr zu erkennen, das Spiel ist viel internationaler geworden.

Wie steht es um Schach in Südtirol?
Claudio Tomisich: Das Spiel begeistert immer noch sehr Jung und Alt. Die Weltmeisterschaft von 1981 in Meran hat sicher dazu beigetragen. Es gibt rund 26 Schachclubs und Vereine bei uns, auch wenn durch den Faschismus die Erinnerung an die Schachtradition stark gelöscht worden ist. Der Südtiroler Schachbund wurde vor 50 Jahren in Bozen gegründet. Wie die Übernahme der Meraner Variante durch den Besiegten und späteren Gewinner des Turniers 1924 zeigt, gibt es beim Schach nur zwei Lösungen, entweder man gewinnt oder man lernt vom Gegner zu gewinnen.