Hin- oder Weg-schauen?

Die Kritik an der Fußball-Weltmeisterschaft im Wüstenstaat Katar reißt nicht ab. Und während der Weltfußballverband FIFA dafür plädiert, dass der Fußball jetzt im Mittelpunkt stehen soll, hat sich beispielsweise der Deutsche Fußball-Bund dafür ausgesprochen, dass während der WM klare Position bezogen werden soll – auch zum Thema Menschenrechte. Italiens Fußballwelt hat sich diesmal ungewollt aus der Sache herausgehalten. Der ehemalige Weltmeister schaut zu. Oder doch nicht? Die Fußball-WM entzweit aber auch die Fans, denn während die einen sich auf großartigen Fußball freuen, rufen die andere zum Boykott der WM auf. So sind nach einer Umfrage 65 Prozent dafür, dass es kein sogenanntes „Public-Viewing“ während der WM geben soll. Aus allen Ecken ist zu hören, dass das Desinteresse an der Weltmeisterschaft in Katar groß ist. Die Begründung fällt unterschiedlich aus.
Einmal ist es der Zeitpunkt („November statt Sommer!“), mal das Gastgeberland („Was hat Katar mit Fußball zu tun!“), mal die Umstände vor Ort („Menschenrechte! Arbeitsbedingungen!“), mal die Art der Vergabe vor zwölf Jahren („Korrup­tion!“). Fragwürdige WM-Vergaben gab es schon viele, wie das Turnier 1978 in der damaligen Militärdiktatur Argentinien. Auch bei anderen Endrunden sollen Schmiergeldzahlungen und Korruption eine Rolle gespielt haben – auch das deutsche „Sommermärchen“ 2006 ist nicht frei von Vorwürfen dieser Art. Aber: Die weltweite Kritik an Katar spielt sich auf einem ganz anderen Level ab und betrifft eben vor allem auch Menschenrechte. Das sollte nicht vergessen werden. In der vergangenen Woche schrieb FIFA-Präsident Gianni Infantino einen Brief an alle 32 WM-Teilnehmer. „Konzentrieren wir uns auf den Fußball“, schrieb Infantino, der mittlerweile im Emirat wohnt, unter anderem. Seit Monaten ruft der FIFA-Präsident ohnehin die kommende WM als „beste WM aller Zeiten“ aus. Ball hin oder her: Hauptsache der „Rubel“ rollt …

Walter J. Werth