Nicht nachvollziehbar

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass seit einiger Zeit alles, was nicht leicht verständlich, ungewohnt, erstaunlich, unfassbar oder nicht einleuchtet, „nicht nachvollziehbar“ ist? Das klingt einfach besser, glaubt man, und wenn einer damit beginnt, findet er gleich viele Nachahmer. Man möchte doch auch modern und g’scheid wirken. Über die „Verhunzung“ der Sprache haben sich immer schon viele beklagt. Meist vergebens. Schon 1852 beschwerte sich der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer über eine „methodisch betriebene Verhunzung“ und meinte: „Die Sudler sollten ihre Dummheit an etwas anderem auslassen als an der deutschen Sprache.“ Nun, so eng wollen wir das nicht sehen. Die deutsche Sprache ändert sich durch das Einführen von neuen Wörtern. Dies ist ein natürlicher Prozess der die Sprache wachsen und gediehen lässt und der sie den Anforderungen der Gegenwart anpasst.

„Deutsche Sprache, schwere Sprache“ – das wusste schon der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der überzeugt war, ein begabter Mensch könne Englisch in 30 Stunden, Französisch in 30 Tagen, Deutsch aber kaum in 30 Jahren lernen. Wir, die wir die deutsche Sprache in die Wiege gelegt bekommen haben, sollten daher den Vorteil schätzen und dieses Kulturgut nicht leichtfertig dem Verfall preisgeben.

Dabei ist nichts gegen die sogenannte „Jugendsprache“ einzuwenden. Die gab es schon immer. Heute mehr durch die Schnelligkeit der digitalen Kommunikationsmittel geprägt. Was mir jedoch nicht einleuchtet – Verzeihung, sollte natürlich heißen „was für mich nicht nachvollziehbar ist“ – sind die oft schlampig verlesenen Nachrichten unserer Verkehrsmeldezentrale. Silben werden verschluckt, Texte statt gelesen gesungen, willkürlich betont und mehr. Diese Nachrichten sollten besser die geschulten Damen und Herren der Nachrichtenredaktion bringen. Ein Vorschlag, der vielleicht gar „nachvollziehbar“ sein könnte.

Walter J. Werth